Stunden in Leipzig

Das ehemalige Industriezentrum hat Sinn für Kunst und Design. Zu Besuch in einer aufstrebenden Stadt

STADTPORTRÄT | KARIN WASNER | COMPLETE MAGAZIN 3/16

Foto: Karin Wasner

„Hör mir bloß auf mit Hypezig.“ Michael Ludwig schüttelt ärgerlich den Kopf. Der Kommunikationswissenschaftler führt Interessierte durch die Leipziger „Spinnerei“. Als größte Baumwollspinnerei ging sie um die Jahrhundertwende in die Geschichte ein, jetzt wird hier Kunstgeschichte geschrieben. Anfang der 1990er bezogen auf dem stillgelegten Fabriksgelände die ersten Künstler ihre Ateliers und Werkstätten. Bald darauf folgten die Galerien. Heute befindet sich im rauen Plagwitz ein weltbekanntes Kulturareal. Neo Rauch, der bedeutendste Vertreter der „Neuen Leipziger Schule“ und Pionier bei der Spinnereibesiedelung, hat hier immer noch sein Atelier.

„Leipzig ist dabei, das neue Hipster-Ding zu werden“, erzählt Michael von der jüngsten Entwicklung der sächsischen Stadt, in die er vor 25 Jahren zum Studieren kam. Die Stadt, die nach der Wende über 100.000 ihrer Bürger verlor, feierte voriges Jahr ihr tausendjähriges Bestehen. Und wächst wieder. „New York Times“ und „Guardian“ schrieben vom „besseren Berlin“ und viele folgten der Verheißung von günstigem Wohnraum und beruflichen Möglichkeiten. So verzeichnet Leipzig einen Zuzug von sieben Prozent – und die Mieten steigen mit den Ankommenden. „Noch ist Platz“, schmunzelt Michael und zeigt auf die Fabrikshallen rund um uns. „Leipzig ist gemütlich kompakt und doch großstädtisch“, sagt er, „und wir haben hier eine der lebendigsten Kunst- und Kreativ-szenen Deutschlands.“

Katharina Schilling ist eine dieser Künstlerinnen. Die junge Malerin hat ihr Atelier in der Spinnerei unter jenem von Neo Rauch. „Er ist morgens immer schon vor mir da“, erzählt die 32-Jährige, während sie pastellblaue Farbe für eines ihrer Gemälde mischt. Die Spinnerei vereinfacht den ansässigen Künstlern den Kontakt zu Interessierten und anerkannten Galerien, aber auch zu anderen Kreativen. „Als Künstler kreist man ständig um sich selbst, ich finde es schön, hier in ein kreatives Netzwerk eingebunden zu sein“, sagt Katharina.

Teil dieses Netzwerks ist auch Christoph Ruckhäberle. Er ist Künstler, Verleger, Kinobetreiber und noch einiges mehr. Ihn zu treffen war nicht einfach, denn Handy besitzt er keines. Seine Werke hängen in der neuen G2 Kunsthalle oder zieren die Flaschen der hippen Lipz Schorle. „Das ist ein Projekt von Freunden, ich hab’ denen nur einen Gefallen getan. Hätte nie gedacht, dass das so einschlägt“, sagt er schmunzelnd und stellt die Limo made in Leipzig mit dem knallig-bunten Ruckhäberle-Etikett am Tisch ab. Gemeinsam mit Michael Ludwig betreibt er das LURU Kino in der Baumwollspinnerei. „Alles analog, wir haben die ganze alte Technik gerettet!“ Stolz führt er durch die Räumlichkeiten, die mit alten Kinositzen ausgestattet sind.

Christoph kam 1995 nach Leipzig an die Kunstuni. „Ich war davor noch nie im Osten, für mich war das alles sehr exotisch.“ Bis heute schätzt er die Mischung aus Großstadt und Provinz, die er hier vorfindet. „Ich finde, die Stadt verträgt noch einiges“, sagt er. „Klar sind Industriebrachen romantisch, aber ich gehöre nicht zu denen, die jammern, wenn sich etwas verändert. Ich freue mich auch über lebendige Räume.“

Abgewohnte Viertel und leerstehende Fabriksgebäude ziehen zuallererst Kreative und Künstler an, denn Ateliers und Werkstätten brauchen günstigen Raum. Hippe Läden folgen und schaffen Atmosphäre. So erblühen ehemals he-
runtergekommene Gegenden. Bis Immobilienprojekte auf den Zug aufspringen, die Mieten steigen und die Kreativen weiterziehen müssen, um den nächsten angesagten Hotspot zu erschließen.

„Tschüss und weiter geht’s“, lacht Miriam Paulsen, die mit ihrem Shop „Tschau Tschüssi“ die Gentrifizierung zum Programm macht. „Für meinen ersten Laden habe ich 50 Euro Miete gezahlt, seitdem sind wir schon ein paarmal umgezogen.“ Miriam verkauft originelles, junges Design von Künstlern aus Leipzig und aller Welt.

„Ich muss nicht alles selbst kaufen und bin doch ständig von schönen Dingen umgeben“, sagt Miriam, während sie fröhlich rauchend vor ihrem Laden nahe der Karl-Liebknecht-Straße sitzt.

„KarLi“ wird die lebendige Szenemeile südlich der Innenstadt liebevoll genannt. In ihren Cafés, Kneipen und originellen Läden tummeln sich zu jeder Tages- und Nachtzeit Studenten. Ganze dreizehn Dönerbuden zählt man hier und an vielen Klingelschildern stehen mehrere Nachnamen. Ein Studienplatz in Leipzig kam früher einer Strafe Gottes gleich, mittlerweile bewerben sich pro Platz zehn Studenten. Die Leipziger Universität lehrt seit 1409 ohne Unterbrechung und ist nach Heidelberg die zweitälteste Deutschlands. Zum Jubiläum wurde der Campus in der Innenstadt komplett modernisiert. In der historischen Altstadt ist der Uni-Neubau – vor allem das Paulinum – ein Aufreger: Die Aula der Universität ist ein glitzernder Sakralbau. Er zitiert architektonische Elemente der Paulinerkirche, die bis zu ihrer Sprengung 1968 an eben diesem Ort stand.

Wieder im wilden Westen, dem ehemaligen Industrieviertel, stolpert man über den nächsten kreativen Offspace: das Westwerk. In den Backsteinbauten eines stillgelegten Armaturenwerks findet jeder Raum zum Schaffen – egal ob Künstler, Musiker oder Handwerker. Auch Märkte werden hier veranstaltet. Im Hinterhof surrt unablässig die Nähmaschine von Sandra Jahn. Zwischen meterlangen Stoffballen, buntem Zwirn und Ankleidepuppen arbeitet die Designerin an ihrer aktuellen Kollektion. Sie entwirft vorwiegend urbane Männermode. Natürliche Materialien und gute Qualität sind ihr wichtig. Derzeit werkt sie auf Hochtouren für die „Designers Open“, ein jährlich stattfindendes Design-
festival. „Alle profitieren von der kreativen Atmosphäre“, sagt Sandra. Die Besucher der Galerien und Kulturzentren kommen auch in ihren Werkstattladen. „Das hier war ein Loch, ich habe wochenlang mit Freunden geschuftet“, erzählt sie von ihren Anfängen. „Aber das ist das Schöne: In Leipzig ist es noch möglich etwas zu schaffen. Nicht nur mit Geld, sondern mit Leidenschaft.“

Leipzig hat wenige klassische Sehenswürdigkeiten, keine markante Skyline. In der sorgsam renovierten Altstadt blieb die mittelalterliche Stadtstruktur bis heute erhalten. Das Zentrum bildet der Marktplatz, rund um ihn findet man Stilelemente aus sechs Jahrhunderten. Der Marktplatz war in seiner Geschichte ein Ort rauschender Feste, aber auch blutiger Hinrichtungen. Der Letzte, der hier sein Leben aushauchte, war 1824 der berühmte Woyzeck, aus dessen Geschichte Georg Büchner sein Drama formte.

Noch etwas fällt auf: Die Stadt ist grüner als ihr Ruf. Nicht nur große Parkanlagen wie der beliebte Clara-Zetkin-Park machen Leipzig, einst für seine vom Kohlestaub dicke Luft berüchtigt, zur Naherholungsoase. Mitten durch die Stadt zieht sich eines der größten Auwaldgebiete Mitteleuropas. Auen sind in Überschwemmungsgebieten von Flüssen zu finden. In Leipzigs Fall sind das Weiße Elster, Pleiße und Parthe. Mit ihren Kanälen fluten sie ein Wassersystem von rund 170 km, auf dem die Leipziger gern mit Kajak, Schlauch- oder Motorboot unterwegs sind. Diese Wasserwege schätzen auch Waschbären und Nutrias – putzige Sumpfbiber, die die Stadt als Lebensraum erobert haben.

Ein Kuriosum hat die Stadt voriges Jahr verloren: Leipzig besaß als einzige Stadt einen Binnenhafen ohne jede Wasseranbindung. Der Leipziger Hafen Lindenau hatte lange kein einziges Schiff gesehen. Der Ausbruch des Krieges verhinderte die Fertigstellung, die erst ein halbes Jahrhundert später wieder angepackt wurde. Jetzt ist das 665 Meter lange Stück zum Karl-Heine-Kanal geflutet. Und man will noch weit hinaus: 2018 wird weitergebaut, bald kann man von Leipzig bis nach Hamburg schippern.

Das Gebiet um den Lindenauer Hafen war lange Zeit das, was Künstler und Kinobetreiber Christoph Ruckhäberle romantisch nennt. Unter Denkmalschutz stehende Speichergebäude warteten vergeblich auf Waren, es kamen bloß die Sprayer. Jetzt hat das Areal einen neuen Titel: Potenzialraum. Hier soll mit
500 Wohneinheiten das erste großflächige Leipziger Neubauprojekt entstehen, ein „multifunktionales Stadtquartier“.

Leipzig ist schwer zu fassen. Manchmal ist es glatt und glänzend und manchmal grau und schmutzig. Industriebrachen, umgeben von Kanälen, und triste Plattenbauten sind nur wenige Straßenbahnstationen entfernt von der Innenstadt mit ihren üppig verzierten Kontorhäusern und der glamourösen Mädlerpassage. Die andere Welt wartet immer hinter der nächsten Ecke.

Beim Schlendern fällt der Blick auf ein Graffito, gesprayt auf eine marode Backsteinfassade: „Ist das Kunst oder kann das weg?“ Eine Frage, die man sich in Leipzig öfter stellt. Noch ist die Antwort klar: „Das bleibt!“

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