Wandern bis zum Horizont

Wer schon alles gesehen hat, sollte sich Kirgistan ansehen. Zwischen Jurten, Schafen und einer atemberaubenden Bergwelt können sich Wanderer wunderbar verlieren

REISE | GEORG LAHNER | COMPLETE MAGAZIN 2/18

Foto: Georg Lahner

„Reiten, reiten, reiten, durch den Tag, durch die Nacht, durch den Tag.“ Rainer Maria Rilkes „Weise von der Liebe und dem Tod des Cornets Christoph Rilke“ fällt mir ein, wie ich so hinter den Pferden nachtrotte. Drei Stunden sind wir schon unterwegs. Doch da wir uns für das Trekking entschieden haben, laufen wir auf Schusters Rappen, während die vier eleganten Tiere neben uns nur unser Gepäck und die Verpflegung auf dem Drei-Tages-Trip in der Gegend von Temir Kanat, südlich des großen Issyk-Kul-Sees, tragen. Abends machen wir aber selbst noch einen Ritt – so viel ist sicher. Denn hier, in den unendlichen Weiten Kirgistans, zwischen den schneebedeckten Gipfeln ringsum, dreht sich alles um Pferde: „Wir züchten sie, wir reiten sie und wir essen sie“, sagt Eliza, die sich hier, im nördlichen Naryn-Bezirk des Landes, als Jurten-Wirtin etwas dazuverdient. Pferdefleisch kommt nur bei festlichen Anlässen auf den Tisch, oft bei Beerdigungen, denn das Pferd steht in der Rangordnung höher als das Rind, das wir auch immer wieder auf unserer Wanderung sehen.

Was ist das denn eigentlich für eine Rasse? Das werde ich abends Zhanybek fragen, der uns vor dem Essen noch auf einen Ausritt in die Berge begleitet und der Bauernfamilie, bei der wir übernachten, mit den vier Gäste-Jurten hilft. Die Antwort: „Was für eine Frage – die kirgisische Rasse ist das!“ Was sonst? Alles hier ist wunderbar unkompliziert. Das macht das Reisen in Kirgistan so sympathisch. Die Sättel bestehen aus ein paar Decken, die Zügel aus einer einfachen Schnur. Ebenso simpel: die Jurten, die im Sommer immer wieder zu sehen sind. „Manche davon bauen wir in nur 40 Minuten auf“, erklärt uns Samat, einer unserer Begleiter auf der Trekking-Tour. Am Son-Kul-See auf 3.000 Meter sehen wir, wie schnell Scherengitter, Türen, gebogene Dachstangen und der „Tündük“, die runde Dachöffnung, zu einer Jurte zusammenwachsen. Der Tündük symbolisiert das Heim und die Familie. Deshalb haben ihn die Kirgisen als Ornament in ihre Nationalflagge genäht.

Die häufigste Frage meiner Bekannten vor der Abreise: Was macht man eigentlich in Kirgistan? Nun habe ich die richtige Antwort: schauen. Und genießen. Man muss nicht reiten, man muss nicht wandern – aber wer es nicht tut, hat etwas verpasst. Sicher, auch der Adler-Mann in Tuura-Suu mit seinem grimmig dreinschauenden Jagdvogel bleibt in Erinnerung, auch der riesige, verwirrende, laute Osch-Markt in der Hauptstadt Bishkek oder das elegante Kaufhaus ZUM. Doch im Grunde ist es immer wieder die gewaltige, in sich ruhende Bergwelt, die uns hier demütig zurücklässt.

Zurück zu unserer Trekking-Tour: Wir sind auf der Passhöhe angekommen. Hier machen wir Rast und gönnen den Pferden eine Pause, von der wir selbst am meisten profitieren: 3.000 Meter Höhe lassen einen schon ordentlich schnaufen. Den Tieren ist die dünne Luft augenscheinlich ziemlich egal. Diese Pferde sind zäh: Sie können 150 Kilo tragen und werden sie nur von einem Mann geritten, so sind 120 Tageskilometer drin, erklärt mir Askar, der Chef unter unseren drei Begleitern, die zusammen mit einer Reiseführerin mitgekommen sind und sich um Pferde und Gepäck kümmern. Ist das Angeberei? Kann ein Pferd 120 Kilometer am Tag zurücklegen? Nun, wir müssen es glauben – für ein schnelles Googeln fehlt uns hier nicht nur die Lust, sondern auch das entsprechende Netz.

Also freuen wir uns über den geschafften Aufstieg und verspeisen die mitgebrachte Wurst, den herzhaften Nudelsalat, den Jamilya, unsere junge Reisebegleiterin, zubereitet hat, und das Fladenbrot, das so wunderbar schmeckt. Die Männer kümmern sich um die Pferde, die Frauen um die Küche. Klingt nach ganz alter Schule. „Nein, wir Frauen können auch reiten. Sehr gut sogar“, sagt Jamilya. Später wird sie es uns beweisen. Jamilya möchte Englischlehrerin werden. Unter dem Jahr studiert sie in der Hauptstadt. Im Sommer führt sie die wenigen Fremden, die nun, in Kirgistans zarten Anfängen des Tourismus, ins Land kommen.

Früher war Kirgistan eine Teilrepublik der Sowjetunion. Nach Erreichen der Unabhängigkeit wurde das Land eine im Vergleich zu anderen zentralasiatischen Staaten ziemlich demokratische Demokratie. Alles Russische wird in Kirgistan heute eher mit Argwohn betrachtet. So sprechen unsere Guides alle Kirgisisch miteinander – eine Sprache, die dem Russischen zwar ähnelt, aber eben nur ähnelt. Übrigens musste 2011 jeder Kandidat, der zur Präsidentschaftswahl in Kirgistan antreten wollte, einen Kirgisisch-Sprachtest absolvieren. Nein, die Russen sind hier nicht wirklich beliebt.

Zurück zu unserer Picknick-Pause. Wir bedienen uns von unserem improvisierten Mittagstisch, einer Plastikplane. Eines haben wir bereits auf unserer Tour gelernt: Die Kirgisen sind unheimlich gastfreundlich und kochen gerne und viel. Das aus 80 Ethnien bestehende Volk, zusammen-gemischt über die Jahrhunderte, hat von den Usbeken, Kasachen und natürlich auch von den Russen viele Gerichte über-
nommen.

Letztere steuerten die Rote-Beete-Suppe „Borschtsch“ bei. Von den Uiguren hat man das „Lagman“ kopiert: Nudeln mit kleingeschnittenem Gemüse und etwas Fleisch. Den Usbeken haben sie das „Plow“ abgeschaut, ein Reisgericht mit Fleisch und gestiftelten Möhren. Vor allem sind es Fleisch und Milchprodukte, die die nomadisierenden Viehzüchter verzehren. Sonst wächst ja auf den hochgelegenen Gegenden wenig.

Um den vollen, ja überladenen Tisch zu zeigen, der die Gastfreundschaft der Kirgisen überall unter Beweis stellen muss, bedienen sie sich eines Tricks: Zuckerwerk und die gefüllten Teigbällchen „Boorsok“ sowie Marmeladen, Obst und Brote füllen möglichst jeden Zentimeter des Tisches aus.

Es ist Zeit, aufzubrechen. Bis zu unserem Schlafplatz sind es noch einige Kilometer. Die Jungs mit den Pferden scheinen uns nicht allzu viel zuzutrauen und fragen uns, wie weit wir überhaupt noch gehen möchten. Egal wo wir stehen bleiben wollen, dort fänden sie dann schon das richtige Plätzchen, sagen sie. Tatsächlich ist hier rundhe­rum nur Natur. Kein Haus, nicht einmal mehr eine Jurte, keine Stromleitungen, keine Straße, kein Dorf – nur immer wieder eine Schafherde, Ziegen, einige zottelige Yaks und die Pferde. Das ganze Land ist ein einziger Zeltplatz. Wir schlagen unser Nachtlager schließlich direkt neben einem Bach auf. Die Zwei-Mann-Zelte sind schnell aufgebaut, die Pferde bekommen Grasplätze zugeteilt. Meistens werden sie über Nacht aber gar nicht angebunden. Die Jungs holen sie am Morgen einfach ein paar hundert Meter weiter ab. Wo sollen sie denn hin in dieser unendlichen Weite? Wir sind hundemüde, aber mehr als zufrieden, liegen im Zelt und hören zu, wie uns der Bach leise in den Schlaf murmelt.

Auf eine ruhige Nacht folgt ein weiterer Tagesmarsch. Noch immer sind wir auf über 2.000 Meter Höhe, aber das ist ja nichts Besonderes: 70 Prozent der gesamten Landesfläche liegen über 3.000 Meter Höhe. Der Pik Pobedy ist mit 7.439 Metern der höchste Gipfel im Tien-Shan-Gebirgsmassiv, das 95 Prozent von Kirgistan bestimmt. Wir haben uns an die Höhe gewöhnt und der sanfte Abstieg führt vorbei an einigen Bauernhäusern, durch Wiesen mit Millionen von Enzian, über Bäche und Sümpfe, bis wir das Dorf Temir Kanat erreichen. Hier besuchen wir noch die Grundschule, denn heute ist der erste Schultag: Der wird als großes Fest gefeiert, bei dem jedes Kind feierlich ein Heft und einen Bleistift überreicht bekommt. Alle sind fein herausgeputzt, das ganze Dorf ist auf den Beinen. Schließlich reisen wir von hier wieder zurück nach Bishkek. Wäre die Strecke nicht so weit, so würden wir bestimmt auch diesen Weg gehen. Denn wir haben gelernt: Wer zu Fuß unterwegs ist, bekommt besonders viel zu sehen. In Kirgistan braucht man dafür nur zwei Dinge: Zeit und gute Wanderschuhe.

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