"Völkerball" von Michal Viewegh

Klaus Nüchtern
FALTER 47/2005

Völkerball
Roman
Michal Viewegh
Zsolnay, Paul 2005
€ 18,40

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Sex nach dem dritten Bier

Der Prager Michal Viewegh hat einen der traurigsten und schönsten Romane der Saison geschrieben: "Völkerball".

Mit zwanzig kann es ganz nett sein, sich die Wohnung mit zwei Gleichaltrigen zu teilen; mit einundvierzig ist es nicht mehr so lustig." So beginnt Michal Viewegs "Völkerball", der diesem Einstiegssatz eine launige Beschreibung einer hygienisch entgleisten WG hinterherschiebt. Dennoch darf man Tom ruhig beim Wort nehmen: Es ist wirklich "nicht mehr so lustig".

Tom teilt sich mit seinen alten Schulspezln Jeff und Skippy die sogenannte "Höhle". Wenn Frauenbesuch angesagt ist, wird sie ausnahmsweise mal ausgemistet. Aber erstens ist das ohnedies nicht oft der Fall und zweitens ein Riesenmissverständnis - das sich allerdings nach 25 Jahren Freundschaft nur mehr unter heroischem Bekenntnisaufwand korrigieren ließe; und dazu ist Skippy nicht bereit. Also bleibt er der Rolle des Klassenclowns treu, führt zotig-komische Reden über die "Mösen", mit denen er als Gynäkologe tagtäglich zu tun hat, und widmet sich dem passiven Sportkonsum: "Seit zwanzig Jahren verfolge ich regelmäßig die englische, italienische, deutsche und spanische Liga, all die Pokale, Wettbewerbe, Champions Leagues und Meisterschaften, aber eigentlich hat es mich nie wirklich interessiert. Ich bin kein Fan, ich spiele bloß einen - vor den anderen und auch vor mir selbst."

Die Institution des Klassentreffens ist ein sehr brauchbares und in Film, Fiktion und Fernsehen gern genutztes Vehikel zum Transport von Einsichten und Emotionen. Auch Michal Viewegh bedient sich seiner, lässt allerdings die gängigsten Klischees glücklicherweise aus: Dramatische Konfrontationen, Enthüllungen und Entlarvungen - und sei's die, dass eh alles beim Gleichen bleibt - finden nicht statt. Das Sentiment steigt, und die Schrecken der veränderten Welt werden im durch Selbstmord und Unfalltod kleiner werdenden Kreis abgefedert - so ist das eben bei Menschen um die vierzig.

Tom, der aus "sozialer Faulheit" als Lehrer an jene Schule zurückgekehrt ist, an der er maturiert hat, will die Arbeit "im Museum meiner eigenen Jugend" aufgeben - und säuft sich einigermaßen methodisch der Selbstauslöschung entgegen, nicht zuletzt aus Melancholie darob, die von allen begehrte Eva nicht gekriegt zu haben. Sein Freund Jeff hingegen hat sie zwar gekriegt, ist aber mittlerweile längst wieder von ihr geschieden. Die gemeinsame Tochter Alice wird alle zwei Wochenenden von Jeff zu Ausflügen abgeholt, im Rahmen derer auch Tom und Skippy ihre Familiensehnsüchte so weit wie möglich stillen.

"Völkerball" wäre einer von Hunderten Romanen über enttäuschte Erwartungen, gescheiterte Beziehungen und verhatschte Lebensläufe, wäre er, erstens, nicht so gut geschrieben und würde er uns, zweitens, nicht doch auch ein wenig Trost spenden. Die Erzählung hat Viewegh an insgesamt sechs Figuren delegiert, wobei die bereits Genannten und erst recht "der Autor" weniger oft und ausführlich zu Wort kommen als die intelligente, aber hässliche Hujerová, deren wacher Sarkasmus den Roman mit einer wohltuenden Schärfe und ebensolchem Witz ausstattet: ",Männer mögen mich', gebe ich zu Hause vor Vater an, aber erst nach dem dritten Bier.' (...) Es überkommt mich die angenehme Gewissheit, dass ich aussuchen darf - wenn auch erst kurz vor Ladenschluss. Seitdem betrete ich die verrauchten und lauten Etablissements mit dem aufregenden Gefühl, dass nach der Sperrstunde aus jeder zweiten Saufnase mein erster Lover werden könnte."

Viewegh hat - ein erzähltechnisch ziemlich genialer Spielzug - das "Traumpaar" Jeff und Eva gleichsam ins leere Zentrum des Romans gestellt (die entsprechenden Kapitel sind in der dritten Person Einzahl geschrieben und enthüllen am wenigsten von den Charakteren selbst). Es ist wie beim Völkerball: Die Schönen und Sportlichen bewegen sich nahe am Mittelkreis, die zur Ehrgeizlosigkeit Verdammten werden abgeschossen und müssen zuschauen. Dass Völkerball aber nicht nur eine existenzielle Metapher und der Hujerová im Leben mehr gegönnt ist als im Turnsaal, ist eine der schönen Pointen des Romans, der außerdem noch mit der - tröstlichen oder traurigen? - Einsicht aufwartet, dass auch die schönen Menschen lange nicht so viel vögeln, wie wir glauben.


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