"barfuß richtung festland" von Sonja Harter

Christian Teissl
FALTER 47/2005

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Beischlaf suchen

Die Grazerin Sonja Harter hat ihren ersten Lyrikband vorgelegt. Sie ist dabei "weit entfernt von ruhe" unterwegs.

In Graz werden Autoren entweder zum Mythos erhoben oder links liegen gelassen; vor Kritik aber sind sie in jedem Fall sicher, denn die kritische Auseinandersetzung mit Literatur findet hier außerhalb des akademischen Betriebes nicht statt. Die meisten der hiesigen Auguren meiden sie, und was da und dort als Kritik posiert, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als Reklame. Dass dieser Zustand gerade für junge Autorinnen und Autoren auf Dauer unerträglich ist, liegt auf der Hand.

Sonja Harter etwa, 22 Jahre alt, Lyrikerin und Redakteurin der "Lichtungen", gehört zu jenen literarischen Nachwuchshoffnungen, die zwar allenthalben genannt und anerkannt werden, deren Anspruch auf ernsthafte Kritik jedoch, wie es scheint, niemand einlösen will. Dabei wären gerade ihre Gedichte es wert, kritisch befragt und ins Gespräch gezogen zu werden. Anlass dafür besteht allemal, ist doch vor kurzem unter dem Titel "barfuß richtung festland" im Leykam-Verlag eine erste Sammlung erschienen.

Vor zwei Jahren schon, als Harter den Förderungspreis der Stadt Graz erhielt, stand in der Kleinen Zeitung zu lesen, sie sei eine "präzise, wortknappe Minimalistin, die, fast blitzlichtartig, innere Bestandsaufnahmen liefert, wissend, dass sie sich damit preisgibt und emotional ausliefert". Diese Charakterisierung ist denkbar irreführend; sieht man sich die Lyrik der Autorin an, so bemerkt man bald, dass sie sich darin gerade nicht preisgibt, sondern vielmehr verbirgt und sich selbst niemals ausliefert oder aufs Spiel setzt. Das Ich in ihren Gedichten bleibt schemenhaft, hält sich zurück, um dann und wann, gänzlich unerwartet, mit umso größerer Entschiedenheit aufzutreten, selbstbewusst genug, um sagen zu können: "ich werde auf den / straßen umkehren / oder den perfekten / beischlaf suchen / ich werde alles / fallen lassen".

Die große Stärke der Lyrikerin Harter ist ihre Nüchternheit. In ihren Gedichten gibt es keinen Gefühlsüberschwang; sie sind von einer Schlichtheit und einem Understatement, wie man es vor allem aus Popsongs kennt. Die Autorin geht mit ihren Wörtern überaus sparsam um, sie verausgabt sich nicht, betreibt keinen metaphorischen Hochleistungssport. Das macht ihre Texte zugänglich, eröffnet ihnen Möglichkeiten und steckt ihnen zugleich ihre Grenzen ab. Innerhalb dieser Grenzen sind jederzeit Überraschungen möglich. In den Gedichten der vorliegenden Sammlung etwa stößt man immer wieder auf schöne und eigensinnige Fügungen wie "das licht schneidet / immer noch keine / ziegel und die luft / ist zu scharf für / die tageszeit", Verse, in denen Bild- und Sprachrhythmus übereinstimmen.

Folgt man der Grillparzer'schen Definition, wonach Poesie "die Empfindung des Verstandes und das Denken des Gefühls" ist, so wird man gerade hier, an der zitierten Stelle, aber auch an etlichen anderen fündig. In Harters Poesie allerdings wird die Welt nicht verwandelt noch widerrufen, sondern in eine nebelhafte Ferne gerückt. Ihre Verse haben wenig Körper und wirken daher fast durchsichtig, ohne freilich durchschaubar zu sein. Dem Zorn über die herrschenden Zustände wird in ihnen ebenso wenig Platz eingeräumt wie der Lust am vollkommenen Augenblick. Sie begnügen sich vorerst damit, "weit entfernt von ruhe" unterwegs zu sein.


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