"Die Rolle der Homoerotik im Arabertum" von Ferdinand Karsch-Haack, Sabine Schmidtke

Martin Droschke
FALTER 11/2006

Die Rolle der Homoerotik im Arabertum
Gesammelte Aufsätze 1921-1928
Ferdinand Karsch-Haack, Sabine Schmidtke
Männerschwarm Verlag, Salzgeber Buchverlage GmbH - 2006
22,70

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Warme Wüstensöhne

Die Texte des Schwulenpioniers Ferdinand Karsch-Haack führen zurück zum Beginn der Sexologie.

Der 150. Geburtstag Sigmund Freuds mag auch daran erinnern, wie kurz die Tradition ist, auf die nicht nur die Psychoanalyse und Psychologie zurückblicken kann, sondern im Grunde das gesamte Feld der Sozialwissenschaften. Es ist ein Jammer, dass nur ab und an wissenschaftliche Schriften aus den Kindertagen der Moderne neu aufgelegt werden, in denen die Sittengeschichte aller Völker und Zeiten nach Belegen dafür abgesucht wurden, dass der Mensch schon immer eine soziale, emotionale, kognitive und sexuelle Individualität besessen hat.

Mit welcher Waghalsigkeit die Pioniere des neuen Denkens argumentierten, zeigt der jüngste Titel der Reihe Bibliothek Rosa Winkel, der Aufsätze des drei Jahre vor Freud geborenen Berliner Publizisten Ferdinand Karsch-Haack präsentiert. Ab 1878 trug der Kopf der schwulen Emanzipationsbewegung systematisch Material zusammen, um zu beweisen, dass die gleichgeschlechtliche Liebe kein Phänomen eines dekadenten, sich industrialisierenden Europas war, sondern zu jeder Zeit und in allen Kulturen praktiziert wurde.

Das Ergebnis der ab 1921 verstreut publizierten Aufsätze über "Die Rolle der Homoerotik im Arabertum" stand entsprechend von vornherein fest. Trotz einer im Koran überlieferten Ablehnung des Propheten Mohammed und einer daraus für die Scharia abgeleiteten schweren Bestrafung war die Homosexualität in den islamischen Kulturen stets stärker verankert als in christlichen Ländern, so Karsch-Haacks nicht ganz überraschende Botschaft.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Karsch-Haacks Schriften sind keine ernst zu nehmenden Quellen über die orientalische Alltagskultur. Zu grob ist der Widerspruch zwischen dem beiläufig eingestreuten Verweis auf die in allen großen Konfessionen angedrohte Todesstrafe und den demonstrativ in den Vordergrund geschobenen Belegen für die Existenz von Knabenbordellen, für den Volksbrauch gleichgeschlechtlicher Jünglingstänze oder für die Praktik, einem homosexuell wirkenden Pubertierenden ein als Junge verkleidetes Mädchen zur Seite zu geben, um ihm das andere Geschlecht doch noch schmackhaft zu machen.

Was den von der Orientalistin Sabine Schmidtke zusammengestellten und kommentierten Band so interessant macht, ist der im Subtext transportierte Einblick in die Geschichte der Sozialwissenschaften. Es verstört, wie wenig gesicherte Fakten zur Verfügung gestanden und wie viel Energie in die Korrektur von Tatsachen gesteckt hatten werden müssen, die als bare Münze galten, obwohl bekannt war, dass sie aus einer absichtlichen sittlichen Bereinigung von Übersetzungen resultierten.

Nur ganz am Rand ist der für islamische Kulturen prägende Ausschluss der Frau aus dem öffentlichen Leben, das Tabu weiblicher Reize und die Unterdrückung einer öffentlich gelebten Zweigeschlechtlichkeit thematisiert. Karsch-Haack konnte gar nicht anders, als zentrale psychosoziale Zusammenhänge auszusparen. Mit anderen Worten: Noch in den 1920er-Jahren hatten Sittengeschichtler keine Chance, bis zum eigentlichen Sujet ihrer Arbeit vorzudringen. Entsprechend kurios lesen sich die Ergebnisse.


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