"Alzheimer" von Michael Jürgs

Sabina Auckenthaler
FALTER 40/2006

Alzheimer
Spurensuche im Niemandsland
Michael Jürgs
C. Bertelsmann 2006
€ 15,50

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Genau hundert Jahre sind vergangen, seit Alois Alzheimer erstmals die Krankheit beschrieben hat, die schleichend beginnt. Hirnzellen sterben ab, die Gedächtnisleistung geht zurück. Am Ende verlieren die Kranken ihren Verstand ganz, erkennen weder sich selbst noch ihre Angehörigen. Michael Jürgs, der frühere Chefredakteur des Stern und von Tempo, hat vor mehreren Jahren ein spannendes populärwissenschaftliches Buch über die Demenzerkrankung geschrieben, das aus Anlass des Jubiläums überarbeitet und aktualisiert vorliegt.
Für seine "Spurensuche im Niemandsland", so der Untertitel, hat sich Jürgs nicht nur in moderne Forschungslabors begeben, sondern auch auf die Suche nach der vergessenen Geschichte des Alois Alzheimer. Er recherchierte in Archiven, besuchte Geburtshaus und Grabstätte und sprach mit den Nachfahren. Ganz nebenbei liefert Jürgs Buch somit ein Stück deutscher Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Zurück in der Gegenwart der Alzheimerforschung beschreibt er das harte Geschäft der Pharmaindustrie, den Weg eines Medikaments von den ersten Experimenten bis in die Regale der Apotheken und die Problematik der Tierversuche.
Ein eigenes Kapitel widmet Jürgs dem Pflegeheim de Bleerinck im holländischen Emmen. Klar, dass er es sich selbst angesehen hat. Fast wie in einem richtigen Dorf leben dort die Alzheimerpatienten. Sie können ihrem eigenen Rhythmus folgen, und niemand nimmt an ihrer Demenz Anstoß. Eine "humane Lösung", schreibt Jürgs, kein "normales Endlager". Seine Schilderung überzeugt. Hier würde man auch leben wollen, sollte man einmal von dieser furchtbaren Krankheit getroffen werden.


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