Ein Tag wie jeder andere

"Die Kunst des Lokomotivführens" von Steven Carroll, Peter Torberg

Martin Droschke
FALTER 40/2006

Die Kunst des Lokomotivführens
Steven Carroll, Peter Torberg
Liebeskind 2006

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Familienalbum aus der Unterschicht: Steven Carrolls Roman "Die Kunst des Lokomotivführens".

Samstagabend, irgendwo in einer der Vorstädte Australiens, irgendwann in den Sechzigerjahren. Dieser Tag könnte zu einem Schlüsselereignis im Leben des 12-jährigen Michael werden. Ein schmerzhaftes, das ihn aber zugleich von einer Last befreien würde, der ein Kind nicht gewachsen ist. Es könnte der Tag werden, an dem sich sein Vater, der Lokomotivführer Vic, und seine Mutter Rita endlich dazu aufraffen, einen Schlussstrich unter ihr verkorkstes Familienleben zu ziehen. Wenigstens aber könnte es der Tag werden, an dem dem Trinker Vic die Einsicht überkommt, dass es ohne Entzug keine gemeinsame Zukunft geben kann. Die vielen Nächte im Alkoholdelirium – für den Sohn ist es schon Zumutung genug, den Vater nach seinen epileptischen Anfällen ins Hier und Heute zurückbegleiten zu müssen.
In der Nachbarschaft wird Verlobung gefeiert. "Vic, Rita und der Junge, Michael, gehen die alte Straße entlang. (...) Die Sonne steht tief, und ihre Schatten reichen fast bis zu ihrem Haus zurück." So beginnt eine wundervoll verfasste Sympathieerklärung an Menschen, deren finanzielle Lage ihnen eigentlich keinen Ausbruch aus einem unerfüllten Dasein erlaubt. Aber an diesem Abend wird sich alles zum Besseren wenden. Weshalb sonst sollte sich der 1949 geborene Australier Steven Carroll in seinem ersten, nun auch auf Deutsch erschienenen Roman die Mühe aufgehalst haben, eine vier Jahrzehnte zurückliegende, eigentlich ganz banale Nacht so detailliert und sprachlich brillant zu schildern, dass am Ende gut 260 Seiten gefüllt sind. In nur ein paar Minuten werden die drei am Ziel sein – in 170 Seiten. Bis dahin ist das Familienalbum durchgeblättert.

Während sich der auch im deutschsprachigen Raum – von Arno Geiger bis John von Düffel – eine Hochkonjunktur erlebende Familienroman oft im engen sozialen Korridor des Mittelstands bewegt, wendet Steven Carroll seinen keineswegs um Mitleid werbenden Blick dorthin, wo man sich eine private Sinnsuche nicht leisten kann und selbst ein Tag mit einer Verlobungsfeier dem anderen gleicht. Und dennoch liest sich "Die Kunst des Lokomotivführens" so spannend wie ein Abenteuerroman oder ein Krimi.


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