"Barcelona" von Cristina Mendoza, Eduardo Mendoza

Nicole Scheyerer
FALTER 47/2006

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Wenn eine Branche des Fremdenverkehrs trotz schmelzender Gletscher, Tsunamis und Terroristen boomt, dann der Städtetourismus. Dank Billigfliegern gelangt der "Wirtschaftsfaktor Kultur" zu voller Blüte. Das Pflaster für den touristischen Trampelpfad nach Barcelona wurde bereits zur Weltausstellung 1888 gelegt. Cristina und Eduardo Mendoza zeichnen in ihrem reich illustrierten Buch "Barcelona. Eine Stadt erfindet die Moderne" die gesellschaftlichen Umwälzungen des 19. Jahrhunderts nach, die im katalanischen Jugendstil ihr ästhetisches Pendant fanden. Das bürgerliche Leben jener Zeit wird gut lesbar dargestellt. Der ökonomisch erfolgreiche Norden befand sich lange im Hintertreffen gegenüber dem Hof-und Regierungssitz Madrid und suchte daher nach eigenen kulturellen Ausdrucksformen. Der verschnörkelte "Modernisme" kam einer aufstrebenden Klasse für ihre Repräsentationsbauten gerade recht. Bei aller Informationsfülle geben die Autoren aber nur eine recht oberflächliche Einführung in Barcelonas berühmteste Stilrichtung; dass sie sich um Gaudí herumdrücken (dessen "Komplexität" würde den Rahmen sprengen) und dennoch seine Sagrada Familia aufs Cover hieven, ist eigentlich unverzeihlich.

Das Hochglanzmagazin Wallpaper ist eine Kombination aus Design-und Reisemagazin und wesentlich für den Retrochic der letzten Jahre verantwortlich. Nun liegen die ersten zwanzig "Wallpaper City Guides" vor, von denen über die Hälfte zu außereuropäischen Destinationen führt. Die netten Bände versuchen mehr als nur Designerhotels und-bars zu bewerben: Eine "Architour" präsentiert spezielle Bauten, ein maximal stylisher Tagesablauf wird programmiert, jedes Büchlein stellt Fitnesscenter sowie Ausflugsziele vor - die perfekte Ergänzung zu einem gewöhnlichen Reiseführer.


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