Blutwurstmäßig besoffen

"Ausg'steckt is'" von Beppo Beyerl

Wolfgang Paterno
FALTER 11/2007

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Die Sache mit der Reblaus: Ein neues Handbuch stellt die 105 besten Buschenschanken in und rund um Wien vor.

Großer Irrtum", sagt Beppo Beyerl, gegenwärtig wohl der einzige Mensch in Wien, der innerhalb der vergangenen Monate den insgesamt 105 Heurigen auf dem Stadtgebiet einen Besuch abstattete: "Keine Eulen nach Athen. Kein Wasser nach Venedig." Sein dieser Tage publizierter Heurigenführer "Ausg'steckt is'" sei keineswegs der Versuch, so Beyerl weiter, in einem gesättigten Markt noch ein Ach-wie-herrlich-ist-Wien-Produkt zu platzieren. "Der letzte Heurigenführer erschien bereits vor Jahren", sagt Beyerl, 52, Schriftsteller, Journalist, passionierter Wien-Wanderer. Er kostet den hervorgerufenen Aha-Effekt aus. Der zappeltechnisch betrachtet ohnehin sehr bewegte Mann, der in mittelgroßer Körperform mit Bauchansatz steckt, wird von Hyperaktivität ergriffen: "Läuten Sie? Läute ich? Aha, mein Handy. Ich läute. In der Jackentasche. Moment." Sprung hin zum Kleiderständer, hin zum Chopin-Gedudel.

Im Verzeichnis lieferbarer Bücher sind derzeit 357 Bücher zu finden, die das Stichwort "Wien" im Titel tragen. "Heuriger" ergibt keinen einzigen Treffer; "Heurigenpassion", ein Krimi, der offenbar im Weintrinkermilieu spielt, ist lieferbar; die letzten beiden (mittlerweile nicht mehr im regulären Fachhandel erhältlichen) Wiener Heurigenkundebücher erschienen 1999 beziehungsweise 2003.

Beyerl, Autor zahlreicher Werke mit Wien-und Tschechien-Schwerpunkt, aber auch Verfasser von Textsammlungen wie dem "Lexikon der nervigsten Dinge und ätzendsten Typen" (1998), definiert das klassische Achterl-und Ausg'steckt-Phänomen im Gespräch folgendermaßen: "Ein Heuriger ist eine Insel, auf der man sich in relativ entrückter Atmosphäre und in sicherer Distanz zum Stadtmonstrum Wien mit sich selber oder mit seinem jeweiligen Lebenspartner beschäftigen, ein Buch lesen oder einfach nur gut essen und trinken kann."

Im Buch, in einem allzu schmal geratenen Glossarteil, formuliert er expliziter: "Die Wiener Betrunkenheitsstadien lauten: fett, vollfett, blunzenfett (blutwurstmäßig besoffen)."

Der Buschenschankführer "Ausg'steckt is'" enthält keine Rankings, keine Sterne-und Hauben-Listen, keine bemühte Weinverkostungsprosa, sondern bislang eher unbeachtete Heurigengenussplätze wie etwa die Gegend rund um den Mauerer Hauptplatz. Beyerl ist mehr am Ambiente, an der Alkoholverkostungsatmosphäre der einzelnen Weinwirtschaften interessiert - dabei pendelt er zuweilen zwischen nüchternem und ein wenig bemüht-lustigem, aber stets sympathisierendem Reportagestil: "Halt, lieber Wanderer, oder besser, halte nicht, sondern geh noch ein Stückl weiter." Semirustikal der bemühte Wien-Sound: "Stückerl", "Glaserln", "ehganzklar". Wörter wie "heimelig", "romantisch", "idyllisch" - im Zusammenhang mit der Institution Buschenschank Totschlagwörter - vermeidet Beyerl dagegen dankenswerterweise. "Der Heurige als Zuflucht vor der ungarstigen Wirklichkeit, der Heurige als Entwurf der klassenlosen Gesellschaft, wo der Hofrat neben dem Arbeiter, der Arbeiter neben dem Hofrat zu sitzen kommt - ein Graus, eine fürchterliche Fehleinschätzung, ein Klischee", sagt Beyerl und schüttelt den Kopf. Beyerl ist immer noch in Fahrt. Das Kopfschütteln gerät ihm zum Oberkörperschütteln.


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