"Kafka am Strand" von Haruki Murakami

Klaus Taschwer
FALTER 10/2004

Kafka am Strand
Roman
Haruki Murakami
DuMont Buchverlag 2017
€ 28,80

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"Kafka am Strand", die neue Schwarte des japanischen Kultautors Haruki Murakami, handelt von der abenteuerlichen Selbstfindung eines ziemlich starken 15-Jährigen - und festigt den guten Ruf seines Autors.

Mit 17 fängt das Leben erst an, hieß es einmal im deutschen Schlager. Dass das große Lieben und Leiden mit 16 längst schon losgegangen ist, führte uns zuletzt Benjamin Lebert in "Crazy" vor Augen. Was jedoch Kafka Tamura, der sehr reife und gar nicht pubertäre Titelheld von Haruki Murakamis neuem Buch, in einigen wenigen Tagen nach seinem 15. Geburtstag an dramatischen Ereignissen durchleben muss, das bleibt den meisten von uns glücklicherweise ein Leben lang erspart. Die Ankündigung zu Beginn - nämlich der "stärkste fünfzehnjährige Junge auf der Welt" sein zu müssen -, die sollte sich als nur zu wahr herausstellen.

"Kafka am Strand" ist das mittlerweile elfte ins Deutsche übersetzte Buch Murakamis - und der vorläufige Endpunkt einer eigentümlichen Erfolgsgeschichte, die den Autor auch in unseren Breiten zum meistgelesenen japanischen Schriftsteller der Gegenwart machte. Seine ersten, seit 1991 auf Deutsch erscheinenden Bücher waren indes lange Zeit ohne große Resonanz geblieben, ehe vor vier Jahren ein legendärer Eklat im "Literarischen Quartett" die mediale Aufmerksamkeit eher zufällig auf Murakami lenkte: Marcel Reich-Ranicki und Sigrid Löffler hatten sich heftig über die - im Übrigen ziemlich unbedeutenden - erotischen Passagen in Murakamis Roman "Gefährliche Geliebte" gestritten. Das hatte auf der einen Seite das Ende des "Literarischen Quartetts", auf der anderen Seite den deutschsprachigen Durchbruch des japanischen Kultautors zur Folge, dessen Bestseller mittlerweile nahezu im Halbjahrestakt erscheinen.

Zuletzt waren dies unter anderem seine aufschlussreichen Studien über den Giftgasanschlag der Aun-Sekte ("Untergrundkrieg"), der für seine Verhältnisse eher schwache Roman "Sputnik Sweetheart" (beide 2002) sowie - im vergangenen Herbst - der Erzählband "Nach dem Beben". Auffällig daran war, dass sich der weltläufige Schriftsteller, der auch einige Jahre im Westen verbracht hatte, wieder verstärkt japanischen Motiven zuwandte: Hätten die bisherigen Romane und Erzählungen auch in europäischen oder amerikanischen Großstädten spielen können, ohne dass allzu große Abänderungen notwendig gewesen wären, so kreisen die Stories von "Nach dem Beben" um die Tausende Todesopfer fordernde Erdbebenkatastrophe von Kobe - freilich ganz im bewährten, zwischen Traum und Wirklichkeit changierenden Stil des Autors, mit zahlreichen Tieren in tragenden Rollen.

Auch "Kafka am Strand" weist mehr Japan-Bezüge auf als die meisten Romane des heute 55-Jährigen. Murakami lässt darin Kafka Tamura die mehr als abenteuerlichen Geschehnisse schildern, die sein Held unmittelbar nach seinem 15. Geburtstag macht: Kafka haut von zu Hause ab, verlässt Tokio, begibt sich in eine fremde Stadt namens Takamatsu und landet dort schließlich in einer kleinen Privatbibliothek, wo er mit dem Hermaphroditen Oshima Bekanntschaft macht. Dabei lastet ein Ödipus-artiger Fluch auf ihm: nämlich seinen Vater zu töten, mit seiner Mutter zu schlafen - und zur Draufgabe auch noch mit seiner Schwester. Es kommt allerdings nicht alles ganz so, wie es das Schicksal vorhergesehen hat.

Diese im Präsens erzählte Selbstfindung wechselt in den fünfzig Kapiteln des komplexen Entwicklungsromans mit einer zweiten Erzählebene: In jedem zweiten Abschnitt wird von Herrn Nakata erzählt, der aufgrund eines rätselhaften Kindheitstraumas etwas zurückgeblieben ist, nicht lesen, dafür aber mit Katzen reden kann. Nakata ermordet unter mysteriösen Umständen einen Mann, der aussieht wie die Whiskey-Legende Johnny Walker, und macht sich dann gemeinsam mit einem jungen Mann namens Hoshino ebenfalls auf den Weg nach Takematsu, wo die beiden narrativen Stränge einander asymptotisch annähern und es zu einem lang gezogenen Showdown kommt.

Murakamis jüngster Roman enthält viele charakteristische Elemente von dessen Personalstil: Der raffinierte Wechsel der Erzählperspektiven gehört ebenso dazu wie derjenige zwischen Realismus und Fantastik, sodass der Eindruck entsteht, als wären für "Kafka am Strand" Hermann Hesse und David Lynch Pate gestanden. Wieder einmal wird viel Musik gehört, man zitiert Weisheiten aus West und Ost, und auch der Sex kommt nicht zu kurz. Vor allem aber versteht es der Autor auch diesmal wieder, die Gefühlswelten der Jugend heraufzubeschwören: starke Gefühle von Einsamkeit, Liebe und Lebensüberdruss.

"Ich konnte in meine Hauptfigur versinken und ganz neu erleben, wie es ist, 15 zu sein", meinte der Autor kürzlich in einem Interview über seine Arbeit an "Kafka am Strand". Ob das entwicklungspsychologisch betrachtet ein realistisches Alter für seinen ziemlich erwachsenen Helden ist, darf bezweifelt werden. Aber vielleicht steckt ja nicht nur in jedem Mann ein Kind, sondern auch in jedem Kind ein Mann. Zumindest in Japan.


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