Präzise Perfidie

"Werke in 22 Bänden" von Thomas Bernhard, Martin Huber, Wendelin Schmidt-Dengler

Klaus Nüchtern
FALTER 21/2007

Werke in 22 Bänden
Band 7: Holzfällen
Thomas Bernhard, Martin Huber, Wendelin Schmidt-Dengler
Suhrkamp - 2007
36,00

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Wie dieser Roman im Jahr 1984 einen der größten Literaturskandale der Zweiten Republik auslöste und schließlich gar beschlagnahmt wurde, kann man im siebzig Seiten umfangreichen Anhang zum jüngsten Band der von Martin Huber und Wendelin Schmidt-Dengler besorgten Werkausgabe bis ins Detail nachlesen, die auch noch jeden Justizhistoriker zufriedenstellen wird. Und natürlich wäre es unredlich, wollte man leugnen, dass der Reiz von "Holzfällen" mit den anrüchigen Aspekten des Schlüsselromans zusammenhängt, einem vollkommen verkommenen Genre, das zugleich bloßstellt und es dann aber - weil: Literatur! - nicht gewesen sein will. Andererseits gewinnt die durchdrehende Denunziationsrhetorik, die Thomas Bernhard hier von der Warte seines im Ohrensessel in der Gentzgasse bei den mittlerweile verhassten Auersbergers sitzenden Icherzählers aus entfesselt, natürlich an Griffigkeit, wenn man weiß, wer der Adressat der Invektiven ist.

Dass Bernhard hier einmal mehr "das Unangepasste im Konformisten" bedient, wie Franz Schuh seinerzeit schrieb, stimmt gewiss, und doch ist "Holzfällen" nicht nur einer der stimmigsten und gelungensten, sondern - bei aller Gemeinheit - auch einer der zärtlichsten Romane des Autors. Das hat damit zu tun, dass die Trinkerin, Selbstmörderin und gescheiterte Künstlerin Joana hier in absentia einen Raum einnimmt, der bei Bernhard nur wenigen (Frauen-)Figuren zugestanden wird; und selbst der Burgschauspieler, Anlass des zusehends entgleisenden "künstlerischen Abendessens" und ein eitler Geck wie nur irgendeiner, bekommt im Finale einen großen Auftritt zugestanden. Ja, sogar die viel beschworene, weitgehend auf syntaktischer Schwindsucht, verbalem Wiederholungszwang und der Nennung von Speisen (hier: Fogosch) fußende Komik Bernhards ist hier immer wieder tatsächlich komisch.

In seinen besten Momenten ist "Holzfällen" ein genuin böses Buch, weil es eine präzise Phänomenologie des Ressentiments liefert, die alle unter den Verdacht des Verrats stellt, und weil es den Typus des Wiener Kulturschmocks messerscharf umreißt.


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