"Kalteis" von Andrea Maria Schenkel

Martin Droschke
FALTER 44/2007

Kalteis
Andrea Maria Schenkel
Edition Nautilus 2007

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1939 wurde in München ein Bahnarbeiter zum Tod verurteilt, dem neunzig Vergewaltigungen und fünf Sexualmorde nachgewiesen werden konnten. Mit einer Aktennotiz, der Ablehnung seiner Begnadigung, eröffnet Andrea Maria Schenkel die Geschichte des Johann Eichhorn alias "Kalteis", der die Stadt mit dem Fahrrad auf der Suche nach jungen Mädchen durchstreift. Schenkel benutzt den historisch verbürgten Fall als Kulisse, vor der sich die Schicksale einfacher Leute, die den Gefahren einer Metropole nicht gewachsen waren, auf die schlimmstmögliche Wendung zuspitzen lassen.
Die sozialen Verhältnisse zu Beginn des Zweiten Weltkriegs – Landflucht, Wohnungsnot und die berufliche Perspektivlosigkeit der Frauen – sind das eigentliche Thema der Autorin. Wird die 16-jährige Kathie, die dem heimatlichen Bauerndorf entflohen ist und sich – mittellos und naiv – als Prostituierte verdingen muss, ihren Mörder oder ihr Glück finden? Schon bei "Tannöd", Schenkels im Vorjahr erschienenem Debüt, herrschte Verblüffung darüber, dass es die Autorin in Deutschland auf Platz eins der Bestsellerliste schaffte, hat sie doch einen dichten, fast schon avantgardistischen und für Massenware zu anspruchsvollen Stil. "Kalteis" glänzt erneut durch unbarmherzige Härte und einen sprachlich exakt auf das Sujet der Unterschicht zugeschnittenen Realismus. Ob Kathie auf Kalteis trifft oder nicht, ihr Traum wird sich so oder so zu einem Albtraum entwickeln.


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