"Das Paradies ist anderswo" von Mario Vargas Llosa

Leopold Federmair
FALTER 13/2004

Das Paradies ist anderswo
Roman
Mario Vargas Llosa
Suhrkamp - 2004
25,60

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Mario Vargas Llosa folgt in seinem jüngsten Roman der Internationalistin Flora Tristan und ihrem Enkel Paul Gauguin, um das 19. Jahrhundert endgültig zu verabschieden.

Das 19. Jahrhundert war nicht nur das Jahrhundert des Romans und des Nationalismus in seinen verschiedenen Spielarten: es war auch das der Utopien." Mit diesem Satz beginnt Mario Vargas Llosa sein Vorwort zu Flora Tristans Reisebericht "Fahrten einer Paria", und er nennt auch gleich einen Schuldigen, denn der Utopismus ist für ihn nicht nur Kennzeichen, sondern auch das Grundübel einer Epoche, die nicht ein, sondern zwei Jahrhunderte währte. Von 1789 bis 1989 - schuld ist die Französische Revolution. Flora Tristan, 1803 geboren und 1844 gestorben, uneheliches Kind einer Französin und eines Peruaners, war - oder wurde - Internationalistin, nicht zuletzt durch ihre Reisen nach England und Peru und durch die schrankenlose Neugier, die sie auszeichnete. Auch der Internationalismus ist ein Kind des 19. Jahrhunderts, er entstand zugleich mit den Nationalismen.

Vargas Llosas neuer Roman "Das Paradies ist anderswo" verfügt über zwei große Erzählstränge, die nur sehr lose miteinander verknüpft sind. Die beiden Hauptfiguren, Flora Tristan und ihr Enkel, der Maler Paul Gauguin, sind einander nie begegnet. Gauguin beruft sich im Roman mehrmals auf seine Großmutter und sieht sich als Nachkomme der Inkas. Letzteres ist nichts weiter als eine der Fantasien dieses barbarisch sein wollenden Zivilisationskindes und ehemaligen Börsenmaklers, denn seine peruanischen Vorfahren waren spanische Einwanderer, Konquistadoren.

Gemeinsam ist Flora und Paul, dass sie felsenfest an die reale Existenz eines Paradieses glaubten. Zwischen ihren Biografien liegt ein Datum, das sie nicht nur chronologisch trennt: 1848, die gescheiterte Revolution, die unmittelbar auf 1789 verweist. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts breiten sich utopisch-sozialistische Ideen mit beeindruckender Geschwindigkeit aus. In der zweiten Hälfte herrschen weithin Restauration und Resignation, aber es entstehen auch neue, private, anthropologische oder künstlerische Utopien. Der Exotismus in der Kunst ist ein Beleg für jene ungestillte revolutionäre Sehnsucht, die sich grundsätzlich in zwei Richtungen wenden kann: nach vorne oder nach hinten. Die sozialistischen Utopien und erst recht die auf dem Hegel'schen Historizismus fußenden marxistischen sind vom notwendigen gesellschaftlichen Fortschritt überzeugt. So auch Flora Tristan, die im Nachwort zu ihrem peruanischen Reisebericht schreibt: "Der graduelle Fortschritt von Jahrhundert zu Jahrhundert lässt sich leicht anhand historischer Dokumente nachweisen, die uns die gesellschaftliche Form der Völker in früheren Zeiten nahe bringen. Um ihn zu leugnen, muss man schon die Augen verschließen; nur der Atheist, der sich selbst treu bleiben will, hat ein Interesse daran." Das Zitat belegt, dass Fortschrittsutopie von einem religiösen Glauben grundiert wird (auch bei Autoren, die sich dessen nicht bewusst sind).

Paul Gauguin hingegen war vom Verfall der zivilisierten Gesellschaften überzeugt und suchte den Ausweg folglich bei den "Wilden", die Flora Tristan auf einer niederen historischen Stufe sah. Ebenso willensstark wie seine Großmutter, machte sich Gauguin auf den Weg und glaubte, das Paradies auf Tahiti oder - noch weiter weg - auf der Insel Marquesa gefunden zu haben. Vargas Llosa suggeriert, dass auch Gauguins Begegnungen mit der unverdorbenen Kultur der Wilden bloß Ausgeburten einer allzu regen Fantasie waren, die den Arsch der Welt mit dem Garten Eden verwechselte. Es gibt keinen "reinen Ursprung", gab ihn auch im 19. Jahrhundert nicht. Der Utopismus, sosehr man seine halb heiligen, halb verrückten Vertreter auch bewundern mag, ist damit desavouiert. Was an seine Stelle treten soll? Vargas Llosa hat die Frage anderswo gestellt, nicht im Roman, sondern in seinen politischen Memoiren ("Wie ein Fisch im Wasser") und in zahllosen kleineren Schriften. Pragmatismus als Alternative - wir finden das immer noch ein bisschen enttäuschend.

Mit "Das Paradies ist anderswo" wollte der weltgewandte Peruaner den Roman des 19. Jahrhunderts schreiben, indem er Adam und Eva in der modernen Zivilisation auftreten lässt und sie in jenem Moment zeigt, in dem sie in zwei verschiedene Richtungen blicken. Über aller erzählerischen Ambition Konstruktion ist am Ende freilich gar kein rechter Roman entstanden, sondern eher eine Abhandlung über Dinge, die man längst wusste. Über und von den beiden Figuren gibt es eine Unmenge Biografien, Briefe, Dokumente. "Das Paradies" klingt kaum anders als das Vorwort Vargas Llosas zu den "Fahrten einer Paria", er ist nur ausführlicher, weitschweifiger, komplexer. Die Gegenwartsebene, auf denen die Geschichten des Antipaars jeweils spielen, tragen kaum, am wenigsten Floras Tour de France, ihre missionarische Frankreichreise zur Bekehrung der Arbeiter.

Bei jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit bringt Vargas Llosa die Flashbacks, Erinnerungen und inneren Monologe an, welche die Biografien der beiden Figuren einholen sollen, was zu einer Art von defektem psychologischem Realismus führt, der lustlos und routiniert abgespult wird. In Wirklichkeit verläuft Erinnerung niemals chronologisch. Noch bei der Darstellung von Gauguins Todeskampf steht die Thesenhaftigkeit im Vordergrund: Da zitiert der blinde, syphilisverseuchte Maler den Anfang von Flauberts Roman "Salammbô" und kommentiert: "Exotismus ist Leben, nicht wahr, Pastor" - grad so, als hätten sich die von Historikern später so genannten Exotisten noch auf ihren Totenbetten um ihre korrekte geistesgeschichtliche Zuordnung gesorgt.


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