Gedächtnis aus Papier

"70er" von Wienbibliothek im Rathaus

Christopher Wurmdobler
FALTER 8/2008

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Hinter einer stählernen Tür verbergen sich Regale, darin liegt, nummeriert und übereinandergestapelt, alles, was in den letzten hundert Jahren an Wiens Wänden, Bauzäunen und Litfaßsäulen klebte, Kaffeehauswände zierte oder sich hinter Glas drehte. Riesige Reklamebilder für Kleinwagen, Knäckebrot oder den Sozialismus, sachliche Ankündigungen für große Wettkämpfe oder kleinformatige Straßenbahnposter für Hygiene und gegen Mundgeruch: "Murus sind unter uns." Die Plakatsammlung der Wienbibliothek bringt in ihrem Tiefspeicher im Rathaus die bunte Welt der Außenwerbung zusammen. In den Büroräumen ein Stockwerk darüber geht's weiter: Hierher hat das Plakatierunternehmen Gewista von jedem Sujet, das es im letzten halben Jahr in Wien plakatiert hat, ein Exemplar gebracht. Und von all den Jahren davor. Es riecht nach Papier. Wahrscheinlich muss man einigermaßen abgebrüht sein, viel Zeit in Archiven verbracht haben und viel Selbstvertrauen besitzen, um angesichts dieser Massen nicht zu verzweifeln.
Oder man braucht einfach eine große Portion Neugier.
Die städtische Plakatsammlung ist ein Archiv voll mit Alltagskultur, Geschichte und Geschichten. Nun erscheint ein Bildband mit Plakaten aus den Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts, im Wienmuseum zeigt man zur Präsentation tolle Beispiele aus dem Jahrzehnt von Flower-Power, Glockenhosen, Arenabesetzung und Anti-AKW-Bewegung.
1921 als eigene Magistratsabteilung gegründet, wurde die Gewista ("Gemeinde Wien städtisches Ankündigungsunternehmen") 1974 ausgegliedert. Ein Jahr später ging die Plakatsammlung der Gewista ins Archiv der Wienbibliothek über, vier Lkw-Ladungen voll. Bis heute kommt jedes Plakatsujet, das die Firma in Wien anbringt, in einer Ausführung ins Depot der Plakatsammlung, das sich bis vor kurzem noch unterm Rathausdach befand. Seit eineinhalb Jahren gelangen die seit dreißig Jahren ungesichteten Posterschätze peu à peu vom staubigen Dachboden in einen klimatisierten unterirdischen Raum mit einem speziellen Aufbewahrungssystem.
Zwischen oben und unten säubern Archivare den Plakatbestand, katalogisieren und digitalisieren ihn, damit Historiker, Ausstellungskuratoren oder andere Interessierte ihn nutzen können. Von den geschätzten 250.000 Exemplaren der Sammlung sind bereits rund 120.000 gesichtet und in einer Datenbank erfasst worden. Davon 20.000 mit Bild – ab sofort auch für jeden online zu durchforsten.

Ganz ohne Selektion sammelte und sammelt man im Rathaus alles, Produktreklame, Ankündigungen, Wahlplakate oder Imagewerbung. "Den Luxus, einfach alles aufzubewahren und zu katalogisieren, was jemals im öffentlichen Raum gehangen ist, gibt es in keiner anderen Stadt der Welt", sagt Markus Feigl, Leiter der Sammlung. Neben der Gewista liefern auch die Wiener Bühnen monatlich ihre Besetzungszettel ab. Ein fleißiger Kollege besuchte auch regelmäßig Galerien und Museen, weshalb sich in der Sammlung zahlreiche – meist nur in kleiner Auflage gedruckte und an wenigen Orten affichierte – Kulturplakate finden. Ein Teil des Bestandes kam dadurch zustande, dass die Exekutive illegal angebrachte und deshalb entfernte Plakate – zum Beispiel rund um die Besetzung des Kulturzentrums Arena Ende der Siebzigerjahre – beisteuerte.
"Wir sind so etwas wie Schatzsucher", sagt Julia König-Rainer, die gemeinsam mit Markus Feigl die "Tagebücher der Straße" (so der Titel eines Kataloges, der sich mit Wiener Plakaten von vor 1950 befasste) aufarbeitet. Jeder Karton voll mit gefalteten Plakaten, die ganz großen Plakate bestehen aus vier, acht, zwölf oder mehr Teilen, birgt neue Überraschungen. Je nach Jahrzehnt kommt es dann zu Déjà-vu-Erlebnissen, werden Kindheitserinnerungen wach. "Wir tragen hier eine große Verantwortung", sagt König-Rainer. Dass man mit den historischen Plakaten sorgsam umgeht, versteht sich von selbst. Aber die Poster-Bibliothekare behandeln auch die aktuellen Plakate so sorgsam, dass ihre Nachfolger in ein paar Jahrzehnten mit Werbung aus dem Jahr 2008 noch viel Vergnügen haben werden.
Ist erstmal das komplette Plakatarchiv vom Rathausdach im neuen Tiefspeicher verstaut, reicht dort der Platz übrigens noch geschätzte zehn weitere Jahre. Und das, obwohl die modernen Rolling-Board-Plakate aus Kunststoff mehr Raum brauchen als ihre papiernen Vorgänger. Derzeit überlegt man in der Wienbibliothek, ob auch virtuelle Plakate, beispielsweise die Infoscreen-Werbung aus der U-Bahn, archiviert werden sollen. "Wir haben die Absicht, das auch zu sammeln", sagt Markus Feigl und wirkt dabei äußerst entschlossen.


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