"Die Kosmonautin" von Jo Lendle

Jörg Magenau
FALTER 14/2008

Anzeige


Die Erde ist zu klein, um ihr nicht entkommen zu wollen. Jo Lendle, im Hauptberuf Verlagslektor in Köln, erzählt in seinem ersten Roman von einer Frau, die sich auf eine ungewöhnliche Reise begibt. Ihr Ziel ist der Mond. Sie unternimmt dieses Abenteuer stellvertretend für ihren bei einer Demonstration tödlich verunglückten Sohn, um damit dessen größten Wunsch doch noch Wirklichkeit werden zu lassen. Eine Reise zur Trauerbewältigung, als Flucht und Loslösung: Mit dem Auto fährt sie immer weiter ostwärts, durch endlose, sanft gewellte Landschaften, wo ihr am Straßenrand seltsame Menschen begegnen. Da steht zum Beispiel ein schweigsamer Hirte mit einer Kuh, der ihr frischgemolkene Milch anbietet, während hinter ihnen der Mond aufgeht.
Lendle kontrastiert das ewig Archaische geschickt mit technologischen Visionen, die alt und rostig geworden sind. Diesen Eindruck macht jedenfalls die Raketenstation in der kasachischen Steppe, in der die Kosmonautin einige Wochen verbringen muss. Sie verliebt sich, aber auch die Liebe kann sie nicht mehr zurückhalten. Raum und Zeit erfahren schon auf der Erde seltsame Verschiebungen. Der schön ruhig erzählte Roman spielt in einer Zukunft, in der Weltraumreisen möglich sind, wirkt aber wie eine Reise in die Vergangenheit. Wer in den fernen Osten kommt, muss sich in der Ortlosigkeit zurechtfinden. Weltall und Mond können da dann auch nicht mehr erschrecken.


Anzeige

Diese Rezensionen könnten Sie auch interessieren

  • Warum wurden die Stanislaws erschossen?

    Reportagen Der Titel des neuen Bandes von Martin Pollack, "Warum wurden die Stanislaws erschossen?", ist Programm, denn viele der "Momentaufnahmen", wie...
    Rezensiert von Kirstin Breitenfellner in FALTER 14/2008
  • The Robins Tiny Throat

    Seinen ersten großen Auftritt hatte der in Brooklyn lebende australische Singer/Songwriter Scott Matthew im Soundtrack des gemeinhin als Arthouse-Porno...
    Rezensiert von Gerhard Stöger in FALTER 14/2008
  • Das dunkle Schiff

    Die Gewalt kommt unvermittelt und erbarmungslos. Es ist ein schöner Sommertag in der Stille der Berglandschaft. Ein paar alte Frauen sammeln...
    Rezensiert von Jörg Magenau in FALTER 14/2008
  • Cool it!

    Bjørn Lomborg hat sich bereits 2002 auf die Seite derer gestellt, die unendliches wirtschaftliches Wachstum mit endlichen natürlichen Ressourcen...
    Rezensiert von Karin Chladek in FALTER 14/2008
  • Scott Matthew

    Seinen ersten großen Auftritt hatte der in Brooklyn lebende australische Singer/Songwriter Scott Matthew im Soundtrack des gemeinhin als Arthouse-Porno...
    Rezensiert von Gerhard Stöger in FALTER 14/2008
Alle Buch-Rezensionen | Alle Rezensionen aus FALTER 14/2008

Anzeige

Anzeige