Verb(r)annt

"Das Buch der verbrannten Bücher" von Volker Weidermann

Fritz Trümpi
FALTER 19/2008

Das Buch der verbrannten Bücher
Volker Weidermann
Kiepenheuer & Witsch - 2008
19,50

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Hiermit übergebe ich dem Feuer die Werke von ..." Die Bücherverbrennung vom 10. Mai 1933, also vor genau 75 Jahren, war der erste Vernichtungsakt der Nationalsozialisten in Deutschland. Er war jedoch – und dies macht ihn umso brisanter – keineswegs ein "von oben" inszenierter Schlag gegen die zeitgenössische Literatur, sondern ging von der organisierten Deutschen Studentenschaft aus. Das grausliche Spektakel beschränkte sich denn auch nicht auf Berlin, sondern fand in fast jeder deutschen Universitätsstadt statt. Bei der Berliner Bücherverbrennung tat sich Joseph Goebbels mit seinem traurige Berühmtheit erlangenden Satz nur deswegen als Protagonist hervor, weil ihn die Studentenschaft als "Festredner" eingeladen hatte.
Es ist jedoch weniger dieses Ereignis, das Volker Weidermann primär interessiert, vielmehr geht es in "Das Buch der verbrannten Bücher" um die verbrannten Bücher und deren Autoren selbst. In aufwändigen Recherchen hat Weidermann Werke und biografische Bruchstücke sämtlicher verbrannter Autoren und Autorinnen zusammengetragen: Es waren 94 deutsch- sowie 37 fremdsprachige. Entstanden ist eine Art biografisches Lexikon mit Namen, die auch eingefleischten Kennern der Literatur des 20. Jahrhunderts noch nie untergekommen sein dürften. Oder wer hat je von Hans Sochaczewer, Otto Linck oder Maria Leitner gehört? Weidermann liefert über sie indes ebenso ausführliche Porträts wie über die Vertreter der kanonisierten Literatur Stefan Zweig, Heinrich Mann oder Joseph Roth.
Mit Blick auf die heute vergessenen Autoren konstatiert er zwar, dass nicht alle von ihnen bedeutende Werke geschrieben hätten. Dass jedoch eine Vielzahl ihrer Bücher – auch der qualitativ hochstehenden – in unseren Bibliotheken bis dato fehlt und nur über mühselige Suchaktionen in Antiquariaten aufzustöbern gewesen ist, beweist, dass sich die nationalsozialistische Vernichtungspolitik auch auf dem Gebiet der Literatur bis in die Gegenwart auswirkt.
Dass die Nachkriegsgesellschaft es nicht für wert befand, die einst verbrannten Literaten wieder in ihr Recht zu setzen, ist ein weiteres Symptom für ihren problematischen Umgang mit der eigenen Vergangenheit.


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