Die Tibet-Frage

"Dalai Lama" von Klemens Ludwig

Kirstin Breitenfellner
FALTER 30/2008

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Tibet war nie das Land der Glückseligen und Heiligen, als das es bisweilen dargestellt wird." Auch hier gab es wie in anderen Ländern Kriege, Intrigen, feudale Willkür – aber das weite Land am sogenannten Dach der Welt eignete sich immer schon für mythische Projektionen, die in der Person des 1935 geborenen 14. Dalai Lama, Tenzin Gyatso, Gestalt angenommen haben. Ihm widmet Klemens Ludwig einen Band der beck'schen reihe unter dem Titel "Dalai Lama. Botschafter des Mitgefühls".
"Er gilt als der weiseste Mensch auf Erden (…), Prophet der Gewaltfreiheit, personifizierte Glaubwürdigkeit", schreibt der persönliche Freund und Vorsitzende der Tibet Initiative Deutschland Ludwig, dessen Porträt die Verdienste des Oberhaupts der Tibeter um sein Volk und als Integrationsfigur der Weltgemeinschaft beinahe schmälert – ein Korrektiv zu der bisweilen unreflektierten Verehrung, die dem Weltweisen und Medienstar allerorts entgegengebracht wird.
Ludwig beginnt mit einer informativen Geschichte Tibets vom 11. Jahrhundert bis zur Auffindung der Reinkarnation des 13. Dalai Lama im Jahre 1937, seiner Inthronisation und strengen Erziehung im muffigen Potala-Palast. 1950 wurde Tibet durch China besetzt, 1959 gelang dem Dalai Lama die Flucht ins indische Exil, wo der wissenschafts-
und technikinteressierte "buddhistische Modernist", der religiöse Dogmen nicht über Vernunft und Erfahrung stellt, seitdem lebt und als Erstes begann, die (exil-)staatlichen Strukturen in einer "Revolution von oben" zu demokratisieren. 1988 gab er die Forderung nach Unabhängigkeit auf, 1989 folgte der Friedensnobelpreis.
Die Darstellung seiner Lehren fällt demgegenüber etwas knapp aus, wohl weil bereits ca. 60 Titel des religiösen Oberhaupts des tibetischen Buddhismus erhältlich sind. Der Person, der es gelang, in den unterschiedlichsten Ländern als weisester lebender Mensch zu gelten, widmet Ludwig breiteren Raum und hebt deren Ethik des Mitgefühls, der Toleranz, der Bedürfnislosigkeit und Konzentration auf das Wesentliche hervor. Von der chinesischen Regierung wird der Dalai freilich weiterhin als Feindbild hochgehalten. Kurz vor der Eröffnung der Olympischen Spiele ist es still geworden um die Tibet-Frage. Vermutlich nur vorübergehend


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