Als Zeus mit Hera bumste

"Homers Heimat" von Raoul Schrott

Klaus Nüchtern
FALTER 4/2009

Homers Heimat
Der Kampf um Troia und seine realen Hintergründe
Raoul Schrott
Hanser, Carl 2008
€ 25,60

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Von Homer wissen wir nichts", schreibt Raoul Schrott im ausführlichen Vorwort zu seiner Übertragung der "Ilias" – ein alles andere als unkokettes Statement, hat Schrott doch im Frühjahr mit seinem Buch "Homers Heimat" den sehr dezidierten Anspruch erhoben, diese Wissenslücke zu schließen. Seiner These, es handle sich beim Schöpfer der "Ilias" und der "Odyssee" um einen keilschriftkundigen assyrischen Schreiber und Eunuchen aus dem (heute türkischen) Karatepe, ist zwar niemand gefolgt, aber im deutschen Feuilleton sorgte sie für gehöriges Blätterrauschen.

Ein medialer Coup, kein Zweifel – so geschickt inszeniert, dass ein Rezensent sarkastisch anmerkte, es empfehle sich, allen künftigen Goethe-Exegesen die These vorauszuschicken, dieser stamme nicht aus Frankfurt, sondern aus Offenbach. Nun hat Schrott das eigentliche Hauptprojekt nachgeschoben: eine Neuübersetzung der "Ilias".
Auf den Hexameter, dessen Transfer ins Deutsche "das schwebende Klangereignis" des Originals nicht annähernd wiederzugeben vermöge, verzichtet er ebenso beherzt wie auf alle Versuche einer "das Wörtliche liebenden" Übersetzung. An ihre Stelle tritt der Anspruch, "die Art, wie etwas von Homer formuliert wurde", durch das zu ersetzen, "was er sagt und wie er es meint".
Dass Schrotts "Ilias" anders klingt als Johann Heinrich Voß' Übersetzung von 1781 oder diejenige, die der Altphilologe Wolfgang Schadewaldt 1974 knapp vor seinem Tod fertigstellen konnte, erschließt sich schon im ersten Vers, in dem nun nicht mehr vom "Zorn", sondern "von der bitternis" des Achilleus gesungen wird. Vom "heutigen Duktus", den Schrott der "Ilias" verleihen möchte, ist das einigermaßen weit entfernt, weswegen schon in der zweiten Zeile der "groll" nachgereicht werden muss, wohingegen die beiden älteren Übersetzungen mit dem auch heute noch tadellos verständlichen "Zorn" aus dem ersten Vers ihr Auslangen finden.
Die konsequente Kleinschreibung, die Akzentuierung der Namen (achilléus, pátroklos) oder die völlig erratische Zeichensetzung sind Manierismen, die den Anspruch auf radikale Neuheit schon auf den ersten Blick suggerieren. Beim Idiom setzt Schrott auf forcierte Drastik: Beschimpfungen finden sich auch in der "Ilias" sonder Zahl, in erotischen Belangen war diese aber, wie Peter Mauritsch im Kommentar anmerkt, "für ihre Dezenz bekannt": keine Rede also davon, dass Hera mit Zeus "bumst" oder sich Paris und Helena "liebten daß die bettpfosten wackelten". Wer also wissen will, was Homer tatsächlich geschrieben hat, soll sich an die Fußnoten halten, in denen Mauritsch die vorsätzlichen und unfreiwilligen Schnitzer des Übersetzers mit dezenter Ironie kommentiert.
Er könne kein Griechisch und übersetze wie eine Wildsau, hat Wendelin Schmidt-Dengler über Schrott einmal angemerkt. Ersteres vermag ich nicht zu beurteilen, Letzteres ist evident; wobei angesichts des Deutsch, in dem hier dem Homer hinterhergedichtet wird, mitunter selbst einer Wildsau die Grausbirnen aufsteigen würden.
Dass er auch anders könnte, lässt Schrott in einigen Passagen aufblitzen, hat sich generell aber leider dafür entschieden, es stattdessen mal richtig krachen zu lassen. Kein Wortspiel ist ihm zu kindisch ("hochherrscherlicher argeier, du habgierigster geier"), kein Witzchen zu doof: "himmelherrgott", flucht Zeus; "wollt ihr den totalen krieg?", fragt Hektor; "ich bin der größte", prahlt Epeios vor dem Boxkampf.
Achill, der Agamemnon als "etappenhengst" beschimpft, wirft diesem in einer ansonsten um Austriazismen nicht verlegenen Übertragung – "zornbinkel", "angetrenzt", "wurscht", "ausgschamtes luder" (als Alternative, die man auch in Kiel und Kassel versteht, wird später "berechnende schlampe" angeboten) – den Trophäenraub gegenüber jenen vor, "die gegen dich motzen". Drei Verse später stolpert man über das zuletzt circa im Sturm und Drang gebräuchliche Wort "hundsfötterei".

Es hinken die Vergleiche, es krachen die Katachresen. Viele Bilder sind schief (Odysseus etwa versucht "öl auf die sturmwogen zu gießen"; Nestor fordert die Archai­er sarkastisch auf: "schmeißt doch gleich jede taktik und strategie ins feuer"), manches ist nicht einmal deutsch: "gleich auf den ersten blick überkam ihn wieder das verlangen auf sie."
So selbstbewusst Schrott in seiner sprachlichen Saloppheit ist, so betulich ist er in realienkundlichen Details: Auf den "krampenverklammten, ganze 22 ellen langen spieß" mag er dann doch ebenso wenig verzichten wie auf die "mit menning eingefärbelte richtschnur" (ein Detail, das bei Voß und Schadewaldt fehlt).
Die Homer'schen Helden sind fast allesamt auch Maulhelden. Insofern hat sich Schrott von ihnen was abgeschaut. Den Anspruch, sie zu neuem Leben zu erwecken, hat er freilich gleich um mehrere Speerlängen verfehlt; nicht trotz, sondern gerade wegen seiner Aktualisierungsbemühungen. Bei Homer sind Achilleus & Co aus guten Gründen in die Distanz versunkener, größerer Zeiten gerückt. Schrott hingegen will sie – halbherzig und patschert – in die Gegenwart holen und opfert diesem fragwürdigen Unterfangen den Anspruch auf ästhetische Kohärenz oder, zeitgemäß formuliert, auf einen "eigenen Sound".
So weiß der Leser weniger denn zuvor, was ihn das Schicksal all dieser infantilen Gottheiten und narzisstischen Scheißkerle heute noch angeht und warum die "Ilias", diese Abfolge stereotyper Schlachtenszenen, elendslanger Schiffskataloge und Schildbeschreibungen "den zentralsten Text unserer Literatur" darstellen soll, wie der Klappentext superlativisch anmerkt.


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