Böse sein war Ehrensache

"Das Böse Wien der Sechziger" von Hilde Schmölzer

Wolfgang Paterno
FALTER 39/2008

Das Böse Wien der Sechziger
Gespräche und Fotos
Hilde Schmölzer
Mandelbaum 2008
€ 29,90

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An die vier Buchstaben und den Punkt vor ihrem Namen muss sie sich erst gewöhnen. Frau Prof. "Ein bisschen komisch klingt das schon", sagt Hilde Schmölzer. Den Titel hat ihr kürzlich der Bundespräsident verliehen, noch wird sie in ihrem Stammcafé wie stets willkommen geheißen: "Das Übliche, Frau Dokta?"
Nicht nur die offizielle Ehrenbezeugung steht in kuriosem Kontrast zu den jahrzehntelangen beruflichen Unternehmungen der Autorin und Fotografin. Von ihrem Auftreten her könnte Schmölzer, 71, eine distinguierte Innenstadtbewohnerin mit einem Musikverein-Abonnement und Duzfreundin der Bezirksvorsteherin sein. Ihr Interesse gilt jedoch seit je den Außenseitern und Einzelgängern, Menschen am Rand. Ihr Lebensthema sei zudem seit einem Vierteljahrhundert, wie sie sagt, die "Frauenproblematik": Frauengeschichte, Frauensolidarität, Frauenrechte.
Mitte der 60er-Jahre erkundete sie als junge Journalistin allerdings eine Welt, die beinahe ausschließlich von zornigen Männern bevölkert war: Auf eigene Initiative publizierte Schmölzer 1973 den Band "Das böse Wien", einen planvollen Gegenentwurf zum damaligen Selbstbildnis der Stadt als Hort des Liebreizes und des immerwährenden Sisi-Zaubers. "Kaiserstadt und Kaiserwalzer sind nur noch für den Touristen interessant. Hingegen ist ‚böse sein' für den Wiener Künstler gegenwärtig Ehrensache", formulierte Schmölzer im Vorwort der Sammlung von Texten, Interviews und Fotos, die sie mit ihrer Rollei­cord machte. "Wien war zu jener Zeit ein enges, provinzielles Nest, in dem man sich gegenseitig auf die Füße trat", erinnert sie sich. "Die großen Kunstströmungen wurden nicht wahrgenommen. Zugleich war allenthalben diese Dämonie spürbar."
Die unlängst veröffentlichte Neuauflage von "Das böse Wien" wurde von der Autorin, die sich seit 1990 ausschließlich dem Schreiben von Büchern widmet, um etliche, zumeist in der Wochenzeitung Furche erstpublizierte Texte von damals für die Zweitverwertung erweitert, darunter ein langes Interview mit dem Kabarettisten Gerhard Bronner und Porträts des Filmemachers Michael Kehlmann und des Schriftstellers Reinhard ­Federmann. Ein Kapitel ist Ernst Fuchs, Maler und massentauglicher Kitschier, gewidmet.
Schriftsteller, Schauspieler und Aktionisten wie H.C. Artmann, Wolfgang Bauer, Günter Brus, Otto Muehl, Hermann Nitsch und Helmut Qualtinger bilden hingegen das Stammpersonal des "bösen Wien" der 60er. Artmann lud die junge Journalistin ins Hotelzimmer, er redete und trank während Stunden. Poet Gerhard Rühm empfing die Berichterstatterin in morgenmantelähnlicher Montur, mit hervorquellendem Brusthaar. Dramatiker Peter Turrini versuchte vergeblich, sich die Anmutung eines Jungmafioso zu verpassen. "Er ist eher breit als groß", schrieb die Reporterin über Hermann Nitsch, seinerzeit noch bartlos. Und über den 1998 verstorbenen Filmemacher Kurt Kren glückten Schmölzer die schönen Sätze: "Kurt Kren lebt einen Protest, den andere vielleicht nur spielen. Zwischen ungewaschenem Geschirr, Speiseresten, Filmrollen und Bergen abgetöteter Zigarettenstummel hat er sich in diesen Protest hineingefressen wie in eine letzte Möglichkeit des Überlebens."
Früher war alles besser. Diese Diagnose kennt Hilde Schmölzer nur vom Weghören, einzig eine gewisse Wehmut stellt sich bei ihr ein, spricht sie über ihre Vergangenheit. "Viele der Herren, die ich damals interviewte, werden heute als in Ehren ergraute Honoratioren hofiert, einige davon sogar als Herr Professor tituliert." Schmölzer hält kurz inne. Sie hat sich gerade neue Visitkarten drucken lassen. Prof. Dr. Hilde Schmölzer, Autorin, 1140 Wien. Sie blickt ungläubig auf den kleinen Karton mit ihrem ­Namen.


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