Morgen darf nicht heute sein

"Die demografische Zukunft von Europa" von Iris Hossmann, Reiner Klingholz, Steffen Köhnert,...

Stefan Apfl
FALTER 40/2008

Die demografische Zukunft von Europa
Wie sich die Regionen verändern
Iris Hossmann, Reiner Klingholz, Steffen Köhnert,...
dtv - 2008
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Ausgerechnet zu zwei Themen haben Österreichs Politiker im Wahlkampf auffällig geschwiegen: Europa und Zukunft. Mit "Die demografische Zukunft Europas" hat das Berlin-Institut nun eine 368-seitige Studie vorgelegt, die sich multidisziplinär mit ebendiesen Themen auseinandersetzt, und schon ist unter Experten von einem Standardwerk die Rede. Österreich steigt darin nicht allzu gut aus.
Die Schlüsse sind nicht neu: Die Zukunft wird Europa weniger Kinder, mehr alte Menschen und mehr Immigranten bringen – diese sind heute europaweit schlecht ausgebildet, häufiger arbeitslos und unerwünscht. Völlig neu ist hingegen die Darstellung: Für die quantitative Vergleichsstudie wurden 285 europäische ­Regionen unter die Lupe genommen, zusätzlich zu den EU-27 auch die Gebiete Islands, Norwegens und der Schweiz. Die Antworten auf die Fragen, wo Europa 2008 steht und wohin es steuert, sind nicht bloß irritierend, sie sind lehrreich.

Österreich auf Platz elf
Die Demografieforschung bildet sozusagen das Skelett des Werks. Um einen Befund über Europa als Gesamtkörper ausstellen zu können, werden weitere Indikatoren berücksichtigt: Bruttoinlandsprodukt und Beschäftigungsgrad etwa, Investitionen in Forschung und Entwicklung oder Umweltbedingungen.
In puncto Wohlstand lassen sich ein Nord-Süd- sowie ein West-Ost-Gefälle feststellen: Am besten schneiden bei der Untersuchung Gebiete ab, die nicht zur EU gehören, also Island, Norwegen und die Schweiz, was die Autoren auf wirtschaftliche Alleinstellungsmerkmale zurückführen. Dahinter kommen Skandinavien, Zentraleuropa und Großbritannien. Tirol liegt als beste heimische Region auf Platz 38 von 285, Österreich schafft es im 30-Länder-Ranking auf Platz elf.
Fazit Nummer eins: "In allen europäischen Ländern werden die Menschen künftig länger für weniger Rente arbeiten müssen." 2050 wird es in Europa erstmals mehr über 65-Jährige als unter 20-Jährige geben. Die Negativspirale dreht sich weiter, denn kinderärmere Generationen werden sehr wahrscheinlich selbst weniger Nachwuchs bekommen.
Während die Geburtenrate europaweit im Schnitt bei 1,5 Kindern pro Frau liegt, müsste sie deutlich auf über zwei ­steigen, um die Bevölkerungsstagnation aufzuhalten. "Es ist unmöglich, einen Bevölkerungsschwund ohne massive Zuwanderung auszugleichen", heißt es in der Studie.
Ostdeutschland und Teile Bulgariens schrumpfen derzeit am schnellsten. Durch steigende Abwanderung von Frauen und den Rückgang von Arbeitsplätzen dürften einige Landstreifen im Süden und Osten ­Europas nahezu gänzlich entvölkert werden. Fazit Nummer zwei: "Eine Stabilisierung oder gar ein Wachstum der europäischen Bevölkerung aus eigener demografischer Kraft ist ausgeschlossen."
In beinahe allen untersuchten Ländern steigt die Immigration. Das ist nicht nur begrüßenswert, weil Zuwanderung Mobilität steigert und Gesellschaften öffnet. Durch Migration lässt sich der Mangel an qualifizierten Arbeitskräften ausgleichen. Bis 2020, so besagt eine McKinsey-Studie, werden bis zu 600.000 gut ausgebildete Arbeitskräfte fehlen.
"Österreich hat keine rationale und ­vorausschauende Einwanderungspolitik", sagt Wolfgang Lutz, Leiter des Instituts für Demografie an der Österreichischen ­Akademie der Wissenschaften und Vorstandsmitglied im Berlin-Institut, das die Studie herausgibt: "Das Land öffnet die Tore kurz, bekommt danach Panik und versperrt sie wieder, ohne zu planen, welche Zuwanderer das Land braucht." Die heimischen Übergangsbestimmungen für "neue" EU-Mitglieder sind nur ein Beispiel dafür, wie Migrationspolitik durch Ängste gesteuert wird.
Österreich, auch dies ist keine Neuheit, ist ein Zuwanderungsland. Die Bevölkerung wuchs 2007 nur deshalb um 33.000 Menschen, weil 32.000 einwanderten. "Länder mit liberalem Zuwanderungsrecht und umfangreicher wohlfahrtsstaatlicher Versorgung", so die Autoren, "schneiden eher schlecht ab. Sie ziehen die am wenigsten gebildeten Migrantengruppen an."
Die Verweigerung, die Zuwanderungsrealität in Europa zu akzeptieren, wird in den kommenden Jahren zunehmend zum Hemmnis, auch für die Integration. Kaum anderswo in Europa wird Zuwanderern die Integration ähnlich schwer gemacht wie in Österreich, wo Personen, die im Zuge der Familiennachholung kommen, ein Jahr lang nicht arbeiten dürfen. Die zweite Migrantengeneration, und das ist tatsächlich erschreckend, ist im Schnitt weniger gebildet als direkte Zuwanderer. Das birgt nicht nur soziales Konfliktpotenzial, es ist auch wirtschaftlich schädigend.

Blick über den Tellerrand
Was tun? Die Autoren stellen den Diagnosen politische Empfehlungen bei, die Kurzfassung: "Familienpolitik aufwerten, Zugewanderte besser integrieren, die Einwanderung regeln, die Bildung der Bürger verbessern, die Sozialsysteme demografiefest machen, die Staatskassen sanieren." Der Blick über den Tellerrand, das ist die Kernbotschaft der Studie, lohnt sich dabei, denn von Vorzeigeregionen, die ähnlichen Phänomenen mit neuartigen Ideen begegnet sind, lässt sich lernen: etwa vom kanadischen Einwanderungsmodell, von finnischer Bildungs- oder schwedischer Integrationspolitik.
Dass Österreich, was die Kaufkraft betrifft, gemessen am Nettoeinkommen pro Kopf dennoch der drittreichste EU-Staat ist, hat zwei Gründe: Tourismus und Ostöffnung. Kaum ein anderes europäisches Land bietet eine vergleichbare touristische Infrastruktur, und kein anderes hat auch nur annähernd so von der Ostöffnung profitiert wie Österreich, und zwar nach 1989 ebenso wie nach 2004, als die zehn "Neuen" der EU beitraten. Dennoch zählen Bürger und Politiker hierzulande zu den EU-kritischsten in ganz Europa. "Das hat auch mit dem vergleichsweise niedrigen Bildungsstand breiter Bevölkerungskreise zu tun, was sie für populistische Argumente empfänglich macht. Und Politiker", sagt Lutz, "repräsentieren nun einmal das Volk."


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