"Wodka und Messer" von Artur Becker

Ulrich Rüdenauer
FALTER 41/2008

Wodka und Messer
Lied vom Ertrinken
Artur Becker
Weissbooks 2008
€ 20,70

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Immer wenn den Suhrkamp Verlag ein paar Mitarbeiter verlassen, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass eine Verlagsneugründung ins Haus steht. Im Frühjahr hat Weissbooks – der ehemalige Suhrkamp-Programmchef Rainer Weiss und die Marketingleiterin Anya Schutzbach – das erste Programm vorgelegt. Inhaltlich geht es ums erzählende Sachbuch und um Belletristik mit Schwerpunkt auf traditionellen Erzählern.
So einen können sie nun präsentieren: Artur Becker ist ein geborener Geschichten(er)finder. 1968 in Masuren als Sohn deutsch-polnischer Eltern geboren, lebt er seit 1985 in Deutschland, hat die neue Sprache rasch aufgesogen und beschlossen, nur noch in ihr zu schreiben. Erstaunliche zehn Bücher hat der junge Autor bereits verfasst, aber eigentlich immer nur eines: Auch sein neuestes bewegt sich wieder mit diesem leichten, anheimelnden, slawischen Ton zwischen Heiterkeit, Melancholie und schier unglaublicher Tragik.
Die Sehnsucht und ein Albtraum führen Kuba Dernicki, der in West-Berlin sein Alltagsglück gemacht hat, zurück in die polnische Heimat, wo er als Jugendlicher von Schicksalsschlägen nur so gebeutelt worden ist: Der Vater hat die Mutter einst im Vollrausch aus Eifersucht erstochen, die Geheimpolizei Kubas schwangere Freundin Marta in den Tod gehetzt – sie ertrank auf der Flucht im Dadajsee.
Es stirbt sich in diesem Roman ausgiebig, es geistert und poltert obendrein sehr. Kuba begegnet allerhand Lebens- und Todeskünstlern, verliebt sich in eine Wiedergängerin von Marta. Berlin ist plötzlich weit weg, aber Masuren heilt Kubas Blessuren nicht wirklich. Die Suche nach der verlorenen Zeit und der verlassenen Heimat erweist sich als eine Mission Impossible.
In seinen besten Momenten schafft es Becker, dieses Gefühl der Heimatlosigkeit an einem fast mythischen Ort anzusiedeln, der seltsame Geschichten und Figuren anzieht. Das Ganze ist zwar nicht immer frei von Folklore, aber dafür von realitätschaffender Sprachkraft – einfach, traurig, beschwingt, pathetisch, uferlos und überladen, und alles zur gleichen Zeit.


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