Die Welt als Wilde und Vorstellung

"Philosophie des Traums" von Christoph Türcke

Andreas Kremla
FALTER 42/2008

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Nicht nur Menschen, auch Kulturen träumen. Um diesen Gedanken kreist Christoph Türcke in seinem Werk und durchstreift dabei die klassischen Forschungsfelder der Psychoanalyse: Traum, Trieb und Sprache. Während Freud und seine Nachfolger die individuellen nächtlichen Botschaften des Unbewussten sezierten, untersucht Türcke den kollektiven Traum.
Traumzeiten, in denen das kollektive Bewusstsein, erst halb erwacht, noch träumerisch gewesen sei, habe es, so Türcke, in unserer Vorgeschichte gegeben. Die Mythen der australischen Aborigines berichten, dass dieser Traumzustand einst alles Sein umfasste. Auch in der europäischen Ur- und Frühgeschichte sucht Türcke nach Spuren der Traumzeit – trotz dürftiger Quellenlage.
Die eindrucksvollsten Beispiele für kollektive Träume liefern ihm Rituale. Menschenopfer sind Türckes Lieblingsgegenstand. Hier macht er die Freud'schen Werkmeister des Traumes in der Kultur sichtbar: Verschiebung, Verdichtung, vor allem aber die Umkehrung. "Identifikation mit dem Angreifer" treibe die Brüder und Schwestern der schlachtenden Urhorde an: "Aller Schrecken, der das Kollektiv durchfährt, wird wirklich in diesen Schonräumen zusammengeballt. Das Kollektiv gibt sich darin eine Vorstellung vom gesamten Schrecken der Natur." An dieser Stelle beginnt nach Türcke die Entwicklung unserer Kultur: Aus dem geschützten Innenraum wird ein mentaler Raum, aus dem grausigen Vollzug nachvollziehbare Symbolik. An die Stelle der rituell gemordeten Menschen treten größere, dann kleinere Tiere, zuletzt kleine Opfergaben.

Vom Traum geht's weiter zum Trieb. Neurowissenschaftliche Erkenntnisse werden serviert, keine neuen, sondern grundlegende. Christoph Türcke lehrt im Hauptberuf Philosophie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Ein fundierter naturwissenschaftlicher Hintergrund ist also nicht gegeben. Sichtlich sicherer fühlt Türcke sich dort, wo er wieder auf die Psychoanalyse zurückgreifen kann. Auch wenn Türcke in seiner Darstellung zunächst in Freuds Fußstapfen tritt, löst er sich immer wieder von seinem Vorbild, um in unverspurtem Gebiet zu forschen.
Dabei gerät er zeitweise sogar in Opposition zum Vater der Traumdeutung, etwa wenn es um die Entwicklung der Kultur geht: Als "anachronistisch" bezeichnet er das psychoanalytische Weltbild, in dem Kultur aus dem sublimierten Trieb entsteht. Wirklich romantisch wird aber auch er nicht, wenn er beschreibt, wie sich die menschlichen Regungen verfeinerten. Türcke will zeigen, "wie generell Kultur eine spezifische Perversion der Natur ist". Auch sie verdanke sich dem unbewussten Mechanismus der Umkehrung.
"Der Traum spricht, aber die Sprache träumt auch." Mit dem simplen
Titel "Wort" eröffnet er das dritte große Forschungsfeld seines Buches. Auch in der Sprachentwicklung seien keine anderen Meister am Werk gewesen als in der Traumarbeit, meint er: Verdichtung, Verschiebung, Umkehrung – Sprachentwicklung als kulturelle Traumarbeit? An den Anfang aller Sprachen stellt Türcke einmal mehr die psychoanalytische Umkehrung – und die Angst.
Erst sie habe Worte entstehen lassen, die den Gegensinn eines gefürchteten Gegensinns bezeichnen – eine Art akustischer Totemtiere, die genau das symbolisieren, wovor sie schützen sollen. Hier verliert sich die Argumentationslinie des Buches stellenweise, und Türcke lässt sich auf akademische Dispute ein. Zuletzt findet das Buch jedoch wieder zurück zum Traum. Im Epilog stellt der Autor dem sitzfleisch- und damit auch philosophiefeindlichen "Updating" unserer Tage die Urbilder unseres Unbewussten entgegen, Traumbilder, aus denen die menschliche Vernunft nicht aufhören dürfe zu schöpfen, "wenn sie bei Sinnen bleiben will".
Liegt hier nun wirklich eine "Philosophie des Traums" vor? Seinem Gegenstand bleibt der Autor nicht immer treu. Dankenswerterweise legt er aber auch nicht die x-te Ideen­geschichte des Traums vor.
Es geht ihm um nichts weniger als die Funktionen des Unbewussten in der Geschichte unserer Kultur – im Traum, im Trieb und in der Sprache.
Mit diesem großen Anspruch und mit der damit notwendigerweise einhergehenden Subjektivität befindet sich Türcke im ureigensten Terrain seiner Disziplin, der Philosophie.
Ein wenig ist sein Werk selbst wie ein Traum: Es beginnt realistisch, spekuliert in dichter Sprache bis ins Fantastische, mäandert zwischen verschiedenen Themen und findet doch immer wieder zu seinem ursprünglichen Gedankenfluss zurück. Ein philosophisches Werk bleibt es in jedem Fall. Auf ihrer Gratwanderung zwischen Kunst und Wissenschaft mal auf die eine, mal auf die andere Seite zu schwanken ist für die Königin aller Disziplinen ja nichts Neues.


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