Die Schrecken des Eises und des Sternenhimmels

"Fahles Feuer" von Vladimir Nabokov, Dieter E. Zimmer

Erich Klein
FALTER 42/2008

Fahles Feuer
Vladimir Nabokov, Dieter E. Zimmer
Rowohlt 2008
€ 28,80

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Nabokovs "Pale Fire" – "Fahles Feuer" ist ein Monstrum: Das Buch nennt sich Roman und besteht aus einem 40 Seiten langen Gedicht sowie einem Kommentar – inklusive Vorwort und Register mit 350 Seiten.
Mit dem Bild eines Singvogels, der gegen ein das Blau des Himmels spiegelndes Fenster kracht, eröffnet der Dichter John Shade die Erzählung seines Lebens. 999 Jamben lang ziehen Kindheitserinnerungen, Tod der Eltern, die Jugendjahre bei Tante Maud bis zur ersten Begegnung mit Sally, der künftigen Ehefrau, sowie der gegenwärtige Alltag vorüber. Sarkasmus und Selbstironie sind kennzeichnend für den Bericht. Über sein pubertär-philosophisches Erschrecken bei der Betrachtung des nächtlichen Sternenhimmels schreibt Shade: "Der ganz normale Spießer, so behaupte ich, / Ist besser dran: Die Milchstraß' sieht er nur, / Wenn er sein Wasser lässt."

Nach 40-jähriger Ehe mit Sybil wundert er sich noch immer dankbar, wie diese erdulden konnte, "dass dieser täppische, hysterische John Shade / Dir das Gesicht und Ohr und Schulterblatt abschleckte?" Allerdings hat die Zweisamkeit in der amerikanischen Uni-Kleinstadt längst ihren idyllischen Charakter verloren – Tochter Hazel ist in einer Winternacht nach ihrem ersten Date beim Gang über einen zugefrorenen See ertrunken: Vermutlich war es Selbstmord.
Stilistisch souverän verwebt der als Lyriker viel zu wenig bekannte Nabokov hier eine Paraphrase des Erlkönigs, den Alltag der 50er-Jahre (das Zappen durch sämtliche Fernsehkanäle erfolgte noch durch wildes Herumdrehen "am Karousell" ) und ausschweifende Kulturkritik ineinander: Hemingway bekommt sein Fett sowieso ab, während der morgendlichen Rasur räsoniert Shade noch weiter: "Mich widern Dinge an wie Jazz" (es folgt eine längere Aufzählung).
Nicht nur hier teilt Shade, dem es um ein "reich gereimtes Leben" geht, die Ansichten seines liberal-großbürgerlichen Erfinders Nabokov. Auch das Resümee von "Fahles Feuer", dessen Autor vor der Niederschrift der letzten Zeile auf mysteriöse Weise erschossen wird, lässt sich mühelos zur Gebrochenheit von Nabokovs Biografie in Beziehung setzen: "Das Menschenleben als ein Kommentar zu wirrem Unfertigen Gedicht. Notiz für späteren Gebrauch." Der Lyriker Nabokov war nach der Oktoberrevolution gezwungen, seine Heimat zu verlassen, sein späteres Werk verfasste er auf Englisch und in Prosa.
Der an Abstrusität und spiegelspielerischer Fantastik nicht zu überbietende Kommentar aus der Feder von Shades Freund und Herausgeber Kinbote, der daran anschließt, führt "Fahles Feuer" Schritt für Schritt zu jener Frage, die den eigentlichen Gegenstand des Buchs darstellt: "Was bedeutet es, das 20. Jahrhundert mit all seinen Tragödien und Schrecken zu überleben und darüber ein Gedicht zu schreiben?"
Die Empfehlung des Autors, sich zwei Exemplare des Buchs zu kaufen, eines davon zu zerschneiden und als Kommentar in das Leseexemplar des Gedichts einzulegen – darf man beherzigen. Auf nach Zembla, in die Heimat von Kinbote!


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