Aus der Trabantenstadt in den Häuserkampf

"Unwirtlichkeit unserer Städte" von Alexander Mitscherlich

Matthias Dusini
FALTER 42/2008

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Im Jahr 1965 veröffentlichte der deutsche Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich ein Buch, das zum Bestseller und nun aus Anlass seines 100. Geburtstags wieder aufgelegt wurde. Mehr Pamphlet als Analyse, verdammt Mitscherlich den Städtebau der Moderne – die funktionelle Entmischung in Wohnviertel, Industriezonen und Freizeitparks, aber auch die Vorstadtvilla als Ausdruck eines entfesselten Individualismus.
Viele Argumente, mit denen Mitscherlich die Wirtschaftswunderidylle störte, tauchen auch in der Urbanismuskritik der Gegenwart auf: die Nachgiebigkeit der Stadtplanung gegenüber Investoren, die Missachtung der für den alltäglichen Gebrauch so wich­tigen Räume für Kinder und Jugendliche oder die für die Kinderbetreuung nachteilige Trennung zwischen Wohnung und Arbeitsplatz. "Alte Städte hatten ein Herz", schreibt Mitscherlich. Seine Kritik bleibt nicht an den Geschmacklosigkeiten der Häusl­bauer hängen, sondern steigert sich zur radi­kalen Forderung nach Bodenenteignung. So bolschewistisch redet heute niemand mehr.

Nach drei Jahrzehnten Cultural Studies
lösen Mitscherlichs Auslassungen über jugendliche, durch eingeschränkte Bewegungsfreiheit ausgelöste Delinquenz, die "suchthafte Hingabe an das Fernsehprogramm" allerdings innerliche Abwehrreflexe aus. Bei Begriffen wie "Trabantenstadt" fällt einem die Berliner Gropius-Stadt ein, in der Christiane F. in den 70er-Jahren gewissermaßen von der tristen Architektur zum Junkie gemacht wurde. "Alles ist artifiziell, gewollt, beabsichtigt, geplant – manipuliert also." Mitscherlichs Buch hatte nachhaltige Folgen auf das negative Image moderner Architektur; die reduzierte Formensprache – der Raster – galt als Inbegriff des Herzlosen, der Plattenbau, obwohl er billigen Komfort für arme Menschen brachte, als No-go-Area.
In den Bemerkungen über "kümmerliche Gesellungsformen, deren mentales Niveau sehr bescheiden ist", erweist sich Mitscherlich als Kind seiner Zeit. Auch wird der zugegebenermaßen einfallslose Wohnungsbau der Nachkriegszeit – auch als "Bauwirtschaftsfunktionalismus" bezeichnet – heute als Ausdruck ökonomisch bedingter Bescheidenheit gewertet.
Und dennoch muss man sich die Zeit in Erinnerung rufen, deren Unbehagen Mitscherlich so trefflich in Worte fasste. Beim Wiederaufbau zerbombter Städte wie Frankfurt standen die Erfordernisse des Autoverkehrs im Mittelpunkt. Die erste Fußgängerzone in Westdeutschland entstand erst 1972 in München. Was an alter Bausubstanz übriggeblieben war, wurde systematisch weggeräumt. Die Mitsprache des "Wohnraumverbrauchers" war in ­dieser autoritär exekutierten Modernisierung nicht vorgesehen.
Das in seinem Buch geforderte Aufbegehren – "Anstiftung zum Unfrieden" heißt es im Untertitel – wurde dann in besetzten Häusern und Wohngemeinschaften verwirklicht. "Die Unwirtlichkeit" wurde also zu einem Stimmungsbericht über die post­moderne Wende, die eine Wiederentdeckung der Innenstädte und die Entwicklung alternativer, kulturpes­simistisch gestimmter Milieus zur ­Folge hatte.


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