Der Teufel ist auch nur ein Mensch

"Magma" von Michael Stavaric

Sebastian Fasthuber
FALTER 42/2008

Magma
Michael Stavaric
Residenz 2008

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In seinen Romanen "stillborn" und "Terminifera" konzentrierte sich Michael Stavaric auf die Form des Monologs und das Innenleben seiner Figuren. Mit "Magma" bricht er diese Perspektive ein wenig auf und unternimmt eine geführte Reise durch die Geschichte der Welt. Geschildert wird sie dem Leser durch die Brille einer ziemlich allmächtig und allwissend auftretenden Figur. Die wirkt zunächst rätselhaft, wobei man sich dann schnell denken kann, dass es sich eher nicht um Gott handelt, sehr viel wahrscheinlicher um den Beelzebuben höchstpersönlich.
Gewiss, wenn ein Schiff sinkt oder ein Vulkan ausbricht, ist der Mann immer mit von der Partie. Dennoch kommt er bei Stavaric nicht als der Allerunsympathischste rüber. Manches scheint ihm mehr zu unterlaufen, als dass böser Wille dahinterstecken würde: "Wenn man nur kurz nachdenkt, wird einem klar, dass nichts zufällig passiert, aber es geht dann doch alles in die Hose."

Ansonsten führt der Teufel ein bürgerliches Leben als Besitzer einer Zoohandlung ("Tiere füttern und hegen, striegeln und kraulen, (…) tatsächlich ein Full-Time-Job."), philosophiert gern vor sich hin und hat zur Not auch zwei, drei Seelenverwandte, mit denen er reden kann, wenn ihm danach ist. Als einer davon stirbt und ihm sein Haus vererbt, sucht er dieses sogar ein paar Mal auf, um sich um die Pflanzen zu kümmern.
Dieser Teufel hat etwas Rührendes. Wahnsinnig eitel ist er auch nicht, denn mitunter tritt er über mehrere Seiten ganz hinter seine Schilderungen geschichtlicher Ereignisse und Personen zurück.
Er verfügt allerdings über einen gewissen Hang zum Schwadronieren und beginnt seine Erzählung wirklich ganz am Anfang:
"Irgendwann versicherte man einander, die Welt bestünde aus unzähligen Schichten Schlick und Schlamm, Jahrtausende hätten sie zu Grundfesten verschweißt, den Molekülen jede Flüssigkeit entzogen und später türmten sich Magma und Eisenoxide auf, aus unzähligen Schloten quoll Lava und kroch unter das Meer, bis endlich eine Landmasse aus dem Wasser ragte, nahezu vollkommen lag sie unter der gleißenden Sonne. Noch später sprach man von einem Herz vor der Küste oder Gott nur sich selbst, mitunter sagten sie auch bloß verdoppeltes Wasser, aber ich nannte es eine Insel."
Vom Sprachstakkato seiner vorangegangenen Bücher verlegt sich Stavaric in "Magma" auf einen etwas altertümlichen Tonfall, der den historischen Stoffen (u.a. wird der Untergang der Titanic oder das Leben des deutschen Jesuiten und Universalgelehrten Athanasius Kircher rekonstruiert) geschuldet sein dürfte. Vom Aufbau her funktioniert das Buch im Prinzip wie eine Anekdotensammlung. Man merkt ihm an, dass der Autor einige Lexika gewälzt hat. Er macht sich jedoch weder der Sünde der Beliebigkeit noch jener der Papiervergeudung schuldig und hat seine Recherchen sinnvoll zu verhältnismäßig übersichtlichen Texteinheiten gebündelt und gruppiert.
Sicher: Es braucht ein wenig, bis man sich in dem Roman zurechtfindet. Wenn man einmal drin ist, liest man ihn aber mit Gewinn und durchaus auch Amüsement über die menschlichen Seiten des Teufels. So ist dieser bei Stavaric mit einer ausgeprägten Schwäche für Schokolade und Rotwein ausgestattet und neigt außerdem dazu, mit seinem Haustier zu kommunizieren: "Manchmal frage ich mich, ob mir Bruno überhaupt folgen kann, gewiss, er ist der klügste Hamster der Welt, aber ob das reicht?" Manchmal wirkt er aber auch nur überfordert und müde, er ist schließlich nicht mehr der Jüngste.

Eine Schlusspointe oder Entwicklung verweigert der Autor allerdings, dem Leser wie dem Helden. Er hält die Dinge in der Schwebe, mitunter so sehr, dass man sich etwas mehr Griffigkeit wünschen würde. Mitarbeit ist bei Stavaric auf jeden Fall gefragt und spannend bleibt es dadurch allemal.
Mal sehen, wie's weitergeht. Mit kommendem Frühjahr wechselt der gebürtige Tscheche mit seinen größeren Erzählwerken vom heimischen Residenz Verlag zu C.H. Beck und veröffentlicht dort gleich seinen nächsten Roman "Böse Spiele", der parallel zu "Magma" entstanden ist. Der Teufel schläft nicht.


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