Kotzende Schnorrasseln im Damenklo

"Punk" von Hollow Skai

Gerhard Stöger
FALTER 42/2008

Punk
Versuch der künstlerischen Realisierung einer neuen Lebenshaltung
Hollow Skai
Hirnkost 2008
€ 18,50

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Als Punk-Rock steht Punk in einer klassischen Rock-'n'-Roll-Tradition, die mit Elvis Presley Mitte der 50er begann und in den 60ern von den Rolling Stones, The Who und Kollegen fortgesetzt wurde. Dieser Punk-Rock war aber nur eine Facette jener (Anti-)Pop-Spielarten, die unter dem Überbegriff "Punk" zusammengefasst wurden und zum wichtigsten Ideenspender im nicht-afroamerikanischen Pop der letzten drei Jahrzehnte werden sollte.
Ausgehend von diversen amerikanischen und britischen Regionalszenen tauchte Punk in der zweiten Hälfte der 70er-Jahre vor allem als musikalische Ausdrucksform auf, die mit klassischen Rock-'n'-Roll-Mustern radikal brach. Punk hielt nichts von technischem Können, Starprinzip und bleibenden Werten, sondern lebte von der Freude am Dilettantismus, der Lust am Ausprobieren und dem Reiz des Minimalismus. Und auch als Jugendkultur ging es bei Punk nicht um wohlüberlegt reformistisches Streben nach Veränderung.
Punk wollte in erster Linie eines: lautstark "Nein!" sagen.
Nein zu Autoritäten jeder Art, zu Eltern, Lehrern, dem Staatsapparat, aber eben auch nein zum großen Hippie-Bruder.Punk war anfangs eine extrem schnelllebige Angelegenheit. Sein klassisches Tonträgerformat bildete nicht mehr die Schallplatte, sondern die Vinylsingle. Gefüllt mit zwei, drei, vier selbstproduzierten Aufnahmen sind diese meist in geringen Auflagen auf obskuren Kleinlabels erschienen, die von den Musikerinnen und Musikern und ihrem unmittelbaren Umfeld selbst betrieben wurden. Diese Platten wurden aber nicht etwa vergessen, sie wurden und werden bis heute in Büchern und auf Webseiten akribisch dokumentiert und von Sammlern weltweit gesucht.

"Wenn kaputt, dann wir Spaß"
Dass der ursprünglichen Schnelllebigkeit retrospektiv eine derart penible Dokumentation gegenübersteht, ist nur einer der Widersprüche, die der vielschichtige Themenkomplex "Punk" bereithält. Dass Punk mit Parolen à la "Wenn kaputt, dann wir Spaß" lustvoll zerstören wollte und doch zu einem Motor der kulturellen Erneuerung wurde, ist ein anderer. Einer kulturellen Erneuerung, die sich übrigens nicht nur auf den musikalischen Bereich beschränkte, sondern auch verwandte Bereiche wie Film, Mode, Malerei, Theater, Grafikdesign und Medien nachhaltig erschütterte. Wie Punk überhaupt in den unterschiedlichsten Inkarnationen bis heute weiterlebt, obwohl er bereits um 1978/79 herum von diversen Protagonisten der ersten Stunde für tot erklärt wurde.
Nicht ganz unoriginell ist in diesem Zusammenhang der Umstand, dass die Sex Pistols, die vermeintlich authentische Stimme einer desillusionierten Arbeiterklassejugend, tatsächliche vom findigen britischen Musikmanager Malcolm McLaren als Casting-Boygroup der etwas anderen, chaotischen Art inszeniert wurden.
Andere Punk-Widersprüche sind weniger produktiv. Allen voran jenes seit Jahrzehnten zur urbanen Folklore gehörende Missverständnis, das Punk mit einem gewissen Stylecode – Irokesenschnitt, Nietenarmband, Hund – sowie bestimmten Verhaltensweisen verbindet. Saufend und schnorrend durch Fußgängerzonen zu ziehen etwa. Oder die lautstark zur Schau gestellte Perspektivlosigkeit zum zentralen Lebensprinzip zu erheben.

"Ein bisschen Wut ist immer übrig"
Dieses Dosenbier-Punk-Verständnis ist auch einigen Autorinnen und Autoren des im Berliner Archiv der Jugendkulturen erschienen Bandes "Keine Zukunft war gestern – Punk in Deutschland" nicht ganz fremd. Aber dass für diesen Wälzer nicht unbedingt die Gymnasiastenpunkfraktion verantwortlich zeichnet, verrät bereits der Name des Herausgeberkollektivs, das sich schlicht "IG Dreck auf Papier" nennt.
"Die größte Herausforderung für mich sind die zwischenmenschlichen Beziehungen", schreibt eine gerade einmal 15-jährige Schülerin mit dem Punk-Pseudynom Blanka Wahnsinn in ihrem Essay "Punkettes Don't Cry" über die Schwierigkeiten individueller Verhaltensweisen innerhalb jenes subkulturellen Zirkels, den sie sich als Nachwuchspunk ausgesucht hat.
"Ich bin Punk, kein Girlie und schon gar kein Accessoire. Damit schmücken sich allerdings die Herren der Schöpfung nur allzu gerne – vor allem beim Sehen und Gesehenwerden auf Punk-Konzerten. Sexy soll das Anhängsel sein, Titten, Minirock. Eine echte Punkette soll saufen können wie ein 100-Kilo-Oi!-Skin und fähig sein, ihren trunkenen Kerl huckepack und in Stilettos nach Hause zu tragen. Sonst noch was? Versuche ich nicht gerade mit aller Kraft, genau das zu vermeiden? Okay, es bleibt mir wohl nur noch, wenigstens cool und hart zu sein – oder zumindest so zu tun. Ich würge auf Konzerten die Bierdosen im Dreischlag runter, in gekonnter Pose, versteht sich. Ich hasse Bier und kotze die Hälfte im Damenklo gleich wieder aus, aber was tut man nicht alles fürs Image."
An anderer Stelle erzählt die um knapp 20 Jahre ältere Designerin Yvy Pop davon, wie sie Punk-Identität und Alltagsleben zusammenbringt. "Ich wohne jetzt in der Stadt, hab' einen Job und 'ne verhältnismäßig konforme Frisur, aber ich bin immer noch Punk – nicht Nietenkaiserin oder Schnorrassel, aber innen drin. Da brodelt es noch kräftig. (…) Letztens auf einem Punk-Festival fordere ich den ehemaligen DDR-Boxmeister zum Spaßkampf heraus und breche mir beim eigenen Schlag die Hand. Erwachsen werden? Das bekämpfe ich erfolgreich. Mein Punk-Tattoo wird nicht übertätowiert. Ein bisschen Wut ist immer übrig."
"Keine Zukunft war gestern" ist ein Buch der Basis, inhaltlich zerfällt es in drei Blöcke. Der erste Teil umfasst eine Geschichtsschreibung zu Punk in Deutschland, wobei die IG Dreck auf Papier einen gefährlichen Spagat hinlegt, der letztlich aber doch einigermaßen schmerzfrei gelingt: In einer Mischung aus kurzen einführenden Texten und umfangreichen O-Ton-Erinnerungen diverser Punk-Aktivistinnen und -Aktivisten soll ein gerade auch Außenstehende ansprechender Überblick gegeben, gleichzeitig aber auch die eigentliche Community bedient werden. Eine Community, die sich vielfach in beherzter Intellektuellenfeindlichkeit gefällt, einem weiteren Element der zuvor angesprochenen Punk-Folklore. Teil zwei versammelt eine Handvoll Essays zum Thema, Teil drei Interviews mit alten Szenehasen, deren jeweilige Biografien als exemplarisch präsentiert werden.
Den Reiz des Buches macht vor allem seine liebevolle Aufmachung aus, die anhand hunderter Illustrationen – Fotos, Plattencover, Zeitungsausschnitte, Konzertplakate, Fanzinecover und Songtexte – auch abseits der Textebene durch mehr als drei Jahrzehnte Punk in Deutschland führt.

Und wir hängen auch noch 100 dran
Über die Einschätzung der Punk-Gegenwart ist sich die IG Dreck auf Papier nicht ganz sicher. "Inzwischen gilt Punk-Rock als der ideale Soundtrack, um schnelle Autos zu bewerben, und selbst dilettantisch gespielte Songs finden als Ausdruck jugendlichen Aufbruchs Platz in Werbespots", heißt es da. "Punk-Rock als Musikstil ist fester Bestandteil des Mainstream geworden."
Über die Zukunft macht man sich dagegen mit einem abgewandelten Zitat aus dem noch spaßbetonten Frühwerk der Hamburger Diskurspunkband Die Goldenen Zitronen keine Sorgen: "Viva Punk 30 Jahre lang, schönen Dank. Und wir hängen auch noch 100 dran." Dass der zugehörige Song "Für immer Punk" von der Band einst voll ironischer Brechungen gesungen wurde, wird an dieser Stelle großzügig ignoriert.
Eine andere Form der Punk-Geschichtsschreibung leistet die Wiederveröffentlichung von Hollow Skais Buch "Punk". Der 1954 als Holger Poscich geborene Autor hatte diesen Text 1980 als Abschlussarbeit seines Germanistikstudiums eingereicht (sie wurde mit "Gut" beurteilt); im Jahr darauf ist das im collageartigen Schnipsellayout verfasste Werk im Sounds-Verlag erstmals in Buchform erschienen.
Skai, der als Betreiber des Punk-Plattenlabels No Fun bekannt wurde, später als Stern-Kulturredakteur arbeitete und heute Musikbücher schreibt, nutzte seine Magisterarbeit zu einer stark subjektiv gefärbten Auseinandersetzung mit Punk, die sich um Prinzipien der Wissenschaftlichkeit herzlich wenig scherte. Er folgte dabei jenem Zitat Walter Benjamins, das seine Arbeit leitsternartig eröffnet: "Die Dinge in der Aura ihrer Aktualität zu zeigen ist mehr wert, ist weit, wenn auch indirekt, fruchtbarer, als mit den letzten Endes sehr kleinbürgerlichen Ideen der Volksbildung aufzutrumpfen."
Und obwohl oder gerade weil Skai die Würze vor allem in der Kürze suchte und sich kaum je mit detaillierten Ausformulierungen aufhalten mochte, funktioniert das Buch auch ein gutes Vierteljahrhundert später noch ganz ausgezeichnet. Und zwar in zweifacher Hinsicht: Als kurzweiliger Text eines frühen Szeneprotagonisten sowie als Dokument jener künstlerischen Revolte namens Punk, das sich bei aller Eigenwilligkeit doch auch als kursorische Einführung ins Thema lesen lässt.


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