"Man schließt nur kurz die Augen" von Klemens Renoldner

Andrea Grill
FALTER 46/2008

Man schließt nur kurz die Augen
Erzählungen
Klemens Renoldner
Folio 2008
€ 19,50

Anzeige


Drei badende Frauen finden beim Ballspiel einen nackten, blutbeschmierten Mann. Ist das ein Voyeur? Das Opfer eines Überfalls? "Du blutest", sagt die forschere der Freundinnen zu dem im Schilf angespülten Häufchen Unglück. "Verzeihung!", antwortet er.
Wie der Protagonist dieser letzten von sieben Erzählungen scheinen die Figuren in Klemens Renoldners literarischem Debüt sich für die ihnen zugefügte Unbill geradezu entschuldigen zu wollen. Sie heißen z.B. ­Katharina F., Thomas und Waltraud, André ­Polonsky, Josefine oder Professor Mietzekatze. Ein griechisches Drama an der Enns. Da herrscht eine wüste Sanftheit. Jemand spielt Harfe, besitzt aber gleichzeitig einen Hund namens Picco und isst ein Twix nach dem anderen. Wo väterliche Beziehungen zur "Konzernspitze" nicht mehr ausreichen, um dem Sohn eine Arbeitsstelle zu besorgen, ist man bekümmert, sogar wenn es "nicht den geringsten Grund für deine Unzufriedenheit gibt". Eine in den Kummer verliebte Gesellschaft? Kafka lässt jedenfalls grüßen. Freund Fritz, dem eine Professur versagt geblieben ist, malt als Selbsttherapiemaßnahme kläffende Hunde.
"Der soll den Film über meinen Vater drehen und den Roman unserer Generation schreiben, der imstande ist, aus einer Vogelfeder den Lebenslauf eines Mäusebussards zu fantasieren", heißt es in der wohl ambitioniertesten Erzählung, "Roman unserer Generation". Genau das ist dem Autor vollends geglückt. Die Rezensentin ertappte sich bei der Recherche nach Achim Brantow, einem deutschen Soldaten, der "am 14. August 1949 in einem verwilderten Obstgarten am Stadtrand von Anger tot aufgefunden wurde". Ab und zu erlaubt die raue Sorgfalt von Renoldners Sprache den Sätzen, sich "in den Pelzmantel hinein zu wurschteln". Zum anderen sind die präzisen Quellenangaben Erquickung für den Geist des neugierigen Lesers.
Manche Bücher riskieren es, zu schnell aus der Hand gelegt zu werden. Dies ist eines von ihnen. Man kann es kaum lange genug unter den Augen haben. Wie schrieb Kafka am 6. November 1913 in sein Tagebuch: "Woher die plötzliche Zuversicht? Bliebe sie doch!"


Anzeige

Diese Rezensionen könnten Sie auch interessieren

  • Elfriede Mejchar, Fotografien von den Rändern Wiens

    Franse ist ein tolles Wort. Es macht schon Spaß, es bloß auszusprechen: "Franse." Allzu viel Gelegenheit dazu gibt es nicht: Stirnfransen sind...
    Rezensiert von Klaus Nüchtern in FALTER 46/2008
  • Der Sturz des Adlers

    120 Jahre österreichische Sozialdemokratie Der emeritierte Professor für Gesellschaftsphilosophie an der Universität Wien Norbert Leser entwickelt sich zur professionellen Kassandra in...
    Rezensiert von Oliver Rathkolb in FALTER 46/2008
  • Ein amerikanischer Traum

    Die Geschichte meiner Familie Eine Politikerbiografie der besonderen Art ist "Ein amerikanischer Traum" von Barack Obama – er schrieb das Buch nämlich, bevor er sich zum Wechsel...
    Rezensiert von Robert Misik in FALTER 46/2008
  • Einsam lehnen am Bekannten

    Die Dramatikerin Felicia Zeller ist Spezialistin für Komödien der schrilleren Art. Mit ihrer hysterischen Sozialamtsfarce "Kaspar Häuser Meer"...
    Rezensiert von Wolfgang Kralicek in FALTER 46/2008
  • Hundszeiten

    Laura Gottbergs fünfter Fall Ein heißer Sommer in München, aber abgesehen davon sind die Stadt und die meisten ihrer Bewohner großartig! Ältere Damen (mit Pudel), die Sandler...
    Rezensiert von Martin Lhotzky in FALTER 46/2008
Alle Buch-Rezensionen | Alle Rezensionen aus FALTER 46/2008

Anzeige

Anzeige