Mädchenwunden, Mädchenwunder

"Baby Blue Eyes" von Sophie Reyer

Christof Huemer
FALTER 47/2008

Baby Blue Eyes
Sophie Reyer
Ritter Klagenfurt 2008
€ 13,90

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Sie kommt keine Minute zu spät, trägt eine Kappe, die sie gleich abnimmt, moderater Händedruck. Da steht sie also, Sophie Reyer. Die Dichterin lächelt fein und spielt mit ihren Haaren; am Nebentisch sitzt die ehemalige Stadtschreiberin Maruša Krese; Reyer ist zu höflich, sie sofort zu begrüßen, setzt sich, das Café und Nervosität rahmen sie ein.

Eine Google-Suche nach "Sophie Reyer" fördert 586 Ergebnisse zutage; nicht wenige für eine Vierundzwanzigjährige, auch wenn die meisten Einträge lediglich auf Veranstaltungen verweisen, an denen sie teilnahm, als Dichterin oder Komponistin. Mag sein, dass dies ihr erstes Interview ist. Das könnte man mitdenken. Noch dieses Jahr wird die Autorin Sophie Reyer zwei Bücher veröffentlichen. Der Band "Vertrocknete Vögel", laut Reyer "drei Geschichten über drei Frauen, die in einer vierten zueinander finden", erscheint im November bei Leykam. Der Klagenfurter Ritter-Verlag wiederum veröffentlichte Ende Oktober ihren Romanerstling "Baby Blue Eyes", in dem drei hochpoetische Erzählstimmen mehr ineinander verschwimmend als voneinander abgegrenzt die Protagonistin als Opfer zelebrieren. Drei der Notizen, die der dies Schreibende dazu ins Manuskript gekritzelt hat: "Unbedingter Glaube an die Macht der Poesie"; "Interessante Symbiose: Lyrik-Trash"; und: "Zuviel Nick Drake gehört?" Zwischen diesen drei Koordinaten – Poesie, Trash und Traurigkeit – oszilliert Reyers Roman, den sie mehrmals "Kaleidoskop" nennt, einmal auch "Erfahrungsbericht". Begabt ist Sophie Reyer in allen drei: Poesie, Traurigkeit, Trash. Die Handlung von "Baby Blue Eyes" in einem Satz: Eine junge Frau wird sich langsam eines sexuellen Missbrauchs gewahr. Sprich: Urlaubslektüre geht anders.

Sie schreibe, weil sie nicht leben könne, sagt Sophie Reyer einmal zwischendurch und mehr verhuscht als geradeheraus. Man könnte daraus natürlich sofort eine Überschrift basteln und diese ätherische, hochtalentierte Person als ihre eigene Trümmerfrau inszenieren. Voilà: die nächste junge, blonde Poster-Klagefrau, die den Körper als Schlachtfeld stilisiert. Was Reyer auch unumwunden tut. Sie entwirft den Frauenkörper, wenn auch nicht unbedingt den eigenen, wohlgemerkt, als Symptomträger unzähliger Leiden. Der Punkt ist hier nur, dass Reyer einem die Trennung zwischen Autorin und Erzählerinnen nicht immer leicht, in "Baby Blue Eyes" sogar verdammt schwer macht: Die im Roman angegebene Adresse ist ihre Adresse, die Verdauungsprobleme der Protagonistin ihre Verdauungsprobleme, und irgendwann – und das ist längst nicht die spannendste Frage – hören die Parallelitäten wahrscheinlich auf und die Imagination, Verfremdung, ein Aufspüren beginnt. Das Werk der mitunter fulminant schreibenden Reyer aus ihrer Vita heraus zu erklären, diesen Sport kann sich natürlich trotzdem machen, wer will. Minuten zuvor hat sie noch Ingeborg Bachmann zitiert: "Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar." Hier also ein paar Versatzstücke.

Reyers Vater ist Psychotherapeut. Ihr Großvater war der bereits verstorbene Schauspieler Walter Reyer. An ihrem Hals baumelt eine Stimmgabel (440 Hertz). Reyer hat einen jüngeren Bruder. Auf die Frage, welche Musik sie hört, antwortet sie mit: "Ich liebe Monteverdi und Bach", nennt auf Nachfragen aber auch CocoRosie oder Marilyn Manson. Die Dichterin schreibt gerade ihre Diplomarbeit im Fach Komposition an der Kunstuniversität Graz. Zu ihren Freunden zählt die Grazer Autorin Olga Flor. Als Inspirationsquelle nennt sie unter anderem die feministische Theoretikern Judith Butler.

Reyers Feinde heißen "Feigheit und Müdigkeit". Denn "beide fördern den Wunsch nach Unterhaltung", wie sie sagt. "Ich blicke in mich hinein und aus mir heraus." Sie will "starke Bilder" schaffen, sie "ästhetisch in Form gießen". "Baby Blue Eyes" wünscht sie Leser, die "sich verstanden fühlen; die sich sagen: Das kenne ich!" Diese Leser wird es geben. Es werden Menschen sein, die den eigenen Körper als Feind kennen; die oft nur Ekel für die Welt da draußen empfinden und dieses Kranken an der Hässlichkeit trotzdem akribisch in Worte fassen müssen; Menschen, die es als Qual empfinden, von einer Minute in die nächste zu gelangen. Und es wären ihr Leser zu wünschen, nebenbei, die das alles etwas leichter nehmen und einfach literarische Qualität schätzen.

Müsste man für "Baby Blue Eyes" ein Genre benennen, es hieße "Bachmannpreisliteratur". Das ist zunächst weder ein Kompliment noch das Gegenteil davon. Gemeint sind zarte Leidensgeschichten, Texte von jungen Leuten, die dem Thema Schmerz nachspüren und dabei um stilistische Bemerkenswertigkeit bemüht sind. Ob hinter diesen kathartisch angelegten Texten junger Leute dabei große Brüche in der Biografie stehen, spielt keine Rolle.

Auch bei Reyer nicht. Drei Stimmen leiht Reyer ihrer Protagonistin, drei Stimmen, die für die Autorin um Authentizität ringen. "Ich will niemanden schonen", sagt Reyer, "mich nicht und auch die anderen nicht". Und so reiben die Gedankenströme ihrer Erzählstimmen über eingefrorene Szenen, aus denen Krankheit, Einsamkeit und Verdrängung suppen. Was ihre Protagonistin da aber so voller Abscheu von sich weg und aus sich heraus drückt, ist jedoch keineswegs die Realität, sind keine Abgründe; es sind sprachlich mal hochpoetisch, mal stammtischtief aufgeführte Karikaturen vieler Facetten menschlicher Ekelhaftigkeit. Und es ist in diesem Insistieren auf deren Aufführung als etwas bedenkenswert Pathologisches – kaum ein Mann, der nicht betrunken, äußerlich hässlich, aber dafür überdurchschnittlich an Analsex interessiert ist –, in dem Reyers Leidenstext ins Trashige kippt, man sich also gar nicht so leise an "Feuchtgebiete" erinnert fühlt.

Das was Charlotte Roche die Hämorrhoiden, ist der jungen Grazer Dichterin die Verstopfung. Mit dem Kampf gegen sie beginnt ein Katalog an Intimbebilderung, der bei Roche in seiner Kuriosität, bei Reyer in seiner Ernsthaftigkeit bemerkenswert ist. Beide Male resultiert das in traurigen Büchern. Deutlich besser geschrieben ist dabei Reyers, die überwältigen will, heraus- und überfordern mit ihrem Text, dem man dieses Ansinnen aber dort, wo ihr Kunstwollen sich wiederholt dem Zwanghaften widmet, auch anmerkt. Nur: Es gibt auch jene Stellen, in denen die Autorin dem Obsessiven mal kurz eine Auszeit gönnt; Stellen, die atemberaubend gut geschrieben sind, die direkt aus den vielen Wirklichkeitsfiltern aufs Papier übertragen scheinen. Auch hier bleibt das Thema schwierig, die Realität grimmig. Es liest sich aber betörend.

Es gibt mit Sophie Reyer ein Riesentalent zu entdecken. Eine Dichterin mit dünner Haut, die schreiben will, muss und auch kann. Irgendwann, wahrscheinlich schon mit dem nächsten Verlag, wird sie beim Bachmannpreis lesen. Und, kann gut sein, reüssieren.

Sophie Reyer,geboren 1984, erhält für "Vertrocknete Vögel" den diesjährigen Literaturpreis der Steiermärkischen Sparkasse. Lesung am 27.11., 19.00

"Baby Blue Eyes" bezieht sich natürlich auf das gleichnamige Stück der Industrie-Metaller Godflesh, ist aber auch die englische Bezeichnung der Hainblume, von der es in der Bachblüten-Heilkunde heißt: "Sie vermittelt kindliches Vertrauen und bewirkt, sich verbunden mit der geistigen Welt, geliebt und wohl zu fühlen"


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