Wie ein besoffener Kuckuck

"Kurze Lebensläufe der Narren" von Rudi Palla

Wolfgang Paterno
FALTER 52/2008

Kurze Lebensläufe der Narren
Rudi Palla
Zsolnay, Paul 2008
€ 15,40

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Es sind Geschichten, die vom Wahnwitz des Alltags erzählen: Ein berufsmäßiger Gauner verkauft an Gutgläubige zweimal den Pariser Eiffelturm; ein Landbriefträger baut sich in jahrzehntelanger Arbeit eine Traumwelt aus Beton; eine vermögende Frau, die furchterregend schlecht singt, mietet sich die ausverkaufte New Yorker Carnegie Hall für einen Arienabend. "Sie klingt wie ein besoffener Kuckuck", merkt ein Zuschauer an. Ein Naturschwärmer hinterlässt zur Zeit der Monarchie landesweit auf öffentlichen Gebäuden und Brückenpfeilern seinen Namenszug, "Kyselak".
Der Philosoph Paul Virilio, so lautet eine weitere Episode aus Rudi Pallas jüngster Publikation "Kurze Lebensläufe der Narren", einer Sammlung absonderlicher Lebens- und Wirkungsgeschichten, widmete eines seiner Bücher einer Frau namens Sarah Krasnoff, dem wohl berühmtesten Jetlagopfer der Welt. Auf der Flucht vor dem Gesetz verbringt Krasnoff im Sommer 1971 fünf Monate lang praktisch ohne Unterbrechung in diversen Verkehrsmaschinen zwischen New York und Europa; dabei überquert sie rund 160-mal den Atlantik.
Müsste der Wiener Filmemacher und Schriftsteller Rudi Palla, 67, eine Umschreibung für jenen Bereich finden, der in seinem Fall das schwierige Gleichgewicht von Normalität und Narretei am ehesten kennzeichnete, so lautete die Antwort: Opfer manischer Sammelleidenschaft.
In einem Archiv als Behausung lebt und arbeitet Palla in der Schleifmühlgasse, die diversen Materialanhäufungen münden häufig in Literaturprojekte: 1989 erschien sein erstes Buch, "Die Mitte der Welt", eine Zusammenschau von Bildern und Geschichten von Menschen auf dem Land. Palla, der in den 70er-Jahren als Drehbuchautor an der TV-Reihe "Alpensaga" mitwirkte, publizierte einen "Thesaurus der untergegangenen Berufe" (1994) und einen Naturkundeführer mit dem Titel "Augentrost und Teufelskralle".
Die Beschäftigung mit den zuweilen legendären historischen (und gegenwärtigen) Extremisten bildet mittlerweile einen Nebenzweig von Pallas Tätigkeit als Zusammenträger des gemeinhin Unbeobachteten. "Mich interessieren Menschen, die versuchen, die Wirklichkeit auf ihre ganz eigene Weise zu bewältigen", umschreibt Rudi Palla sein Faible. "Dieses hartnäckige Festhalten an einer Idee, die mehr oder weniger nutzlos ist. Diese Leidenschaft und Leidensbereitschaft für die Sache." Seiner Heimatstadt Wien, die sich gern als Originalschauplatz der paradiesvogelmäßig paradierenden Originalgenies präsentiert, spricht der Autor jeden Sonderstatus ab: "Exzentrik ist ein internationales Phänomen."

Drei durchnummerierte Mappen liegen auf Rudi Pallas Schreibtisch, rund 100 Lebensläufe in unterschiedlich recherchierten Stadien. Die Sammlung der Possenreißereien bildet ein heimliches Zentrum der Wohnung. Der letzte Neuzugang im Narrenparadies ist unter dem Buchstaben K abgelegt: Knievel, Evel. Der Anfang Dezember verstorbene US-Stuntman übersprang einst Bus- und Auto­kolonnen; im Lauf seiner Karriere zog er sich fast 40 Knochenbrüche zu. "Gott hat nie zuvor einen so harten Mistkerl wie mich geschaffen", vertraute Knievel einst einer Zeitung an. Es sind Sätze wie dieser, die Pallas Inter­esse sprunghaft wecken. In unbeobachteten Augenblicken, so ist der Autor überzeugt, widmen sich die zwischen den Aktendeckeln archivierten Exzentriker geisterhaftem Treiben.
"Sie unterhalten sich", sagt Rudi Palla. "Sie lachen sich zu Tode."


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