"Tinte und Blut" von Andreas Kraß, Thomas Frank

Sebastian Kiefer
FALTER 4/2009

Tinte und Blut
Andreas Kraß, Thomas Frank
S. Fischer 2008

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Zu glauben heißt heute für viele nicht mehr, die eine Wahrheit zu kennen. Für unsere Kirchen sind wir längst Kunden, die sich im Erlebnispark der Wohlstandsgesellschaft ihre "Sinnangebote" selber zusammenstellen. Am 11. September 2001 tauchte auf den Fernsehschirmen plötzlich ein archaisches Gegenbild auf: das ­Selbstopfer im Namen des Glaubens und des Kampfes gegen eine Welt, die sich der einzigen Wahrheit nicht zu unterwerfen gedenkt.
Das Opfer des eigenen Lebens bezeugt die Wahrheit des Glaubens – im Wort "Märtyrer" steckt das altgriechische Wort für "Zeuge". Nur: War die Tat der großteils an westlichen Universitäten ausgebildeten jungen Männer tatsächlich ein willig erduldetes Leiden – oder nicht einfach pathologischer Mord und Selbstmord? Die Religionen hatten früh Mühe mit solchen Fragen und haben es heute wieder. Besonders in Form der Synthese von Männerfantasie, Actionfilmgeist, Prophetengebaren, militantem Nationalismus, Opferkult und latenter Homosexualität …
Dass in einem lehrreichen Buch wie diesem zwar ein großflächiges Panorama entworfen, aber die Fixierung auf den Nationalsozialismus nicht aufgebrochen wird, stimmt allerdings nachdenklich: Mit keinem Wort wird die größte dem Helden- und Märtyrerkult huldigende Bewegung des 20. Jahrhunderts erwähnt: der Kommunismus.


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