"Tinte und Blut" von Andreas Kraß, Thomas Frank

Sebastian Kiefer
FALTER 4/2009

Anzeige


Zu glauben heißt heute für viele nicht mehr, die eine Wahrheit zu kennen. Für unsere Kirchen sind wir längst Kunden, die sich im Erlebnispark der Wohlstandsgesellschaft ihre "Sinnangebote" selber zusammenstellen. Am 11. September 2001 tauchte auf den Fernsehschirmen plötzlich ein archaisches Gegenbild auf: das ­Selbstopfer im Namen des Glaubens und des Kampfes gegen eine Welt, die sich der einzigen Wahrheit nicht zu unterwerfen gedenkt.
Das Opfer des eigenen Lebens bezeugt die Wahrheit des Glaubens – im Wort "Märtyrer" steckt das altgriechische Wort für "Zeuge". Nur: War die Tat der großteils an westlichen Universitäten ausgebildeten jungen Männer tatsächlich ein willig erduldetes Leiden – oder nicht einfach pathologischer Mord und Selbstmord? Die Religionen hatten früh Mühe mit solchen Fragen und haben es heute wieder. Besonders in Form der Synthese von Männerfantasie, Actionfilmgeist, Prophetengebaren, militantem Nationalismus, Opferkult und latenter Homosexualität …
Dass in einem lehrreichen Buch wie diesem zwar ein großflächiges Panorama entworfen, aber die Fixierung auf den Nationalsozialismus nicht aufgebrochen wird, stimmt allerdings nachdenklich: Mit keinem Wort wird die größte dem Helden- und Märtyrerkult huldigende Bewegung des 20. Jahrhunderts erwähnt: der Kommunismus.


Anzeige

Diese Rezensionen könnten Sie auch interessieren

  • Antikensehnsucht und Maschinenglauben

    Die Geschichte der Kunstkammer<br />und die<br />Zukunft der Kunstgeschichte Wie eine himmlische Erscheinung schwebt der jugendliche Reiter aus den Lüften herab. Sein vom Wind gebauschter Mantel und das entrückt wirkende...
    Rezensiert von Matthias Dusini in FALTER 4/2009
  • Sind Religionen gefährlich?

    Erstaunlich, wie vorhersehbar und eindimensional immer wieder auf jegliche Kritik des Eingottglaubens reagiert wird. Der Berliner Theologe Rolf...
    Rezensiert von Martin Lhotzky in FALTER 4/2009
  • Der Sinn des Leben

    Wenn man es jemandem zutraut, ein unpeinliches, witziges und doch zugleich ernsthaftes kleines Buch über den Sinn des Lebens zu schreiben, dann...
    Rezensiert von Klaus Nüchtern in FALTER 4/2009
  • Tschetschenien

    Die Wahrheit über den Krieg Im Jahr 2003 erklärte der damalige Innenminister Ernst Strasser (ÖVP), er werde Asylwerber "einladen", das Land zu verlassen. 74 Tschetschenen...
    Rezensiert von Nina Horaczek in FALTER 4/2009
Alle Buch-Rezensionen | Alle Rezensionen aus FALTER 4/2009

Anzeige

Anzeige