"Wahrscheinlich bin ich zu nett"

"Alle sieben Wellen" von Daniel Glattauer

Sebastian Fasthuber
FALTER 6/2009

Alle sieben Wellen
Roman
Daniel Glattauer
Zsolnay, Paul 2009
€ 18,40

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Er ist rückfällig geworden. Der derzeit karenzierte Standard-Schreiber und Autor Daniel Glattauer hat das E-Mail-Liebespaar Emmi und Leo aus seinem Bestseller-Roman "Gut gegen Nordwind" auf vielfachen Wunsch wieder hervorgeholt und mit "Alle sieben Wellen" eine würdige Fortsetzung zu Papier gebracht. Kriegen sie sich – oder kriegen sie sich nicht? Das Ende soll natürlich nicht vorweggenommen werden. Eines verrät Glattauer über den neuen Roman jedoch gern: "Ich werde oft gefragt, ob sie sich endlich einmal auch real, von Angesicht zu Angesicht, treffen. Die Antwort lautet: nein. Mehrmals!"

Falter: Danke, dass Sie sich halbkrank hergeschleppt haben.
Daniel Glattauer: Mit dem Falter rede ich gern. Heute ist das mein einziger Termin. Generell sind es derzeit sehr viele Interviews.
Daniel Kehlmann sprach zur Veröffentlichung von "Ruhm" nur mit sehr ausgewählten Medien. Sie machen alles?
Glattauer: Manches geht mir schon auf die Nerven, aber ich mache jetzt einmal brav alles, was sich zeitlich ausgeht. Für mich sind das Erfahrungswerte. Bisher war bei meinen Büchern medial nichts los. Jetzt ist es dafür extrem. Deshalb habe ich mir auch die Karenz genommen, um für alles zur Verfügung zu stehen. Bis Ende Mai sind es 40 Lesungen, und ständig kommen neue Anfragen. Einige Interviews führe ich lieber per E-Mail. Bei gewissen Hochglanzmagazinen ist es notwendig, das schriftlich festzuhalten. Sonst wird man in eine völlig kranke Richtung interpretiert. Die würden über mein Liebesleben schreiben.
In diesen Zeitschriften wird über jeden nur aus dieser Perspektive berichtet.
Glattauer: Da muss man sehr aufpassen. Ich habe mir ja auch geschworen, nie in den "Seitenblicken" aufzutauchen. Weil: Wer dort auftaucht, macht irgendwas falsch. Aber sogar der Kehlmann war schon in den "Seitenblicken", habe ich mir erzählen lassen. Ich finde es auch so unsympathisch, wenn ein und dieselbe Figur durch alle Zeitungen gereicht wird. Da bin ich mir selber schon unsympathisch.
Aber Sie sagen auch nicht nein. Sind Sie zu gutmütig?
Glattauer: Wahrscheinlich bin ich zu nett. Wolf Haas hat viele der Erfahrungen, die ich momentan mache oder in den nächsten Monaten machen werde, schon hinter sich. Der hat gesagt: Man darf nicht nett sein. Der Nette ist immer der Blöde.
Sie haben die Lesereise angesprochen. Wie gestalten Sie die Lesungen? Es fehlt Ihnen ja der weibliche Part.
Glattauer: Das mache ich mit iPod. Die Emmi wurde aufgenommen, die deutsche Schauspielerin Gesine Heinrich hat drei Kapitel gelesen. Ich sitze da, lese den Leo und spiele sie ein. Das kommt gut. Wenn ich beides lesen würde, wäre es natürlich eine Katastrophe.
Publikumsfragen – Fluch oder Segen?
Glattauer: An sich mag ich so was. Auch wenn sich die Fragen oft wiederholen. Die häufigste ist: "Haben Sie das selbst erlebt? Wie kann ein Mann sonst so von einer Frau schreiben?" Diese Frage wundert mich.
Wieso das?
Glattauer: Na, es sollte doch die Kunst eines Schreibers sein, dass er sich in einen Menschen hineinfühlt. Für mich war das überhaupt nicht schwierig. Im Gegenteil: Das war mir das größte Vergnügen. Mich in andere Menschen reinzuversetzen, ist eine Leidenschaft von mir. Ich bin da praktisch ständig in Übung, auch privat. Aus Emmi heraus habe ich sogar lieber geschrieben als aus Leo.
Sie laden auf Ihrer Homepage ein, Ihnen zu schreiben – und wurden in den letzten Jahren mit Leserlob für "Gut gegen Nordwind" bombardiert. Wie viele E-Mails waren es heute schon?
Glattauer: Fünf oder sechs. Im Schnitt sind es fünf bis zehn pro Tag. Jetzt kommen schon die ersten über "Alle sieben Wellen" – von Buchhändlern, die es gelesen haben. An sich wollte ich diese Kontaktmöglichkeit schon abdrehen, aber die Leute schreiben zum Teil einfach wahnsinnig lieb.
Wie kam es überhaupt dazu? Bei Autoren ist das an sich unüblich.
Glattauer: Ich komme ja vom Journalismus. Da ist es eine selbstverständliche Dienstleistung, Anfragen von Lesern zu beantworten. Das wollte ich bei den Büchern beibehalten. Bei meinen ersten Romanen, beim "Weihnachtshund" und bei "Darum", war das überhaupt kein Problem. Dass der E-Mail-Roman so eine Postlawine auslösen würde, ahnte ich nicht.
Wie geht man mit derart starken Leserreaktionen um?
Glattauer: Anfangs habe ich mich nur wie ein Schneemann gefreut. Es sind dies für mich die Komplimente, die am meisten zählen – von mir fremden Personen, die keine Absicht verfolgen, denen es einfach nur ein Anliegen ist, mir mitzuteilen, wie sehr sie die Geschichte in den Bann gezogen hat und was ihnen daran so gefällt. Seit das Taschenbuch heraußen ist, schaffe ich es leider nicht mehr, alle E-Mails kurz zu beantworten. Ich habe jedenfalls großen Respekt vor jenen, die mir schreiben. Ja, ich verehre die Liebhaber meiner Texte. Für sie schreibe ich ja.
Auch da unterscheiden Sie sich von anderen Autoren.
Glattauer: Es gibt zwei unterschiedliche Gründe fürs Schreiben. Die einen sind es sich schuldig, die müssen es für sich machen. Die Welt soll dann schon erkennen, wie super die Texte sind, aber sie denken nicht primär an den Leser. Und dann gibt es diese Populärschreiber wie mich. Ich mache das für andere. Für mich ist ­Schreiben eine Dienstleistung. Ich buttere da was rein, und dann soll auch etwas zurückkommen.
Was war das schönste Lob?
Glattauer: Schön ist, wenn wer zugibt, schon lange kein Buch gelesen zu haben, den "Nordwind" aber verschlungen zu haben. E-Mails von Schülern mag ich besonders, die kommen so schnörkellos rüber. Einmal hat mir eine schrullige 75-jährige Schweizerin geschrieben – mit der Absicht, auch einmal eine E-Mail-Beziehung aufzubauen, sie hätte da an mich gedacht … Und vor einigen Monaten schrieb mir eine Leserin aus Norddeutschland, dass sie ebenfalls einen "Leo" habe und dass sich daraus tatsächlich eine Beziehung entwickelt hat. Vor ein paar Wochen rief mich dieser "Leo" aus Hamburg an, vollkommen aufgelöst und verzweifelt. Er habe einen "fürchterlichen Blödsinn" gemacht, ich sei quasi die letzte Chance, ich solle bei seiner Angebeteten ein gutes Wort für ihn einlegen – per E-Mail. Da hab ich mich irgendwie nicht mehr in meinem Buch, sondern im falschen Film gefühlt. Am liebsten sind mir die ganz kurzen Mails.
Stimmt es, dass Sie sich von den Lesern des ersten Romans "Gut gegen Nordwind" überreden haben lassen, eine Fortsetzung zu schreiben?
Glattauer: Die E-Mailer haben es effektiv gefordert. Und zwar täglich, mehrmals.
Für Sie war die Geschichte von Emmi und Leo schon abgeschlossen?
Glattauer: Ja. Aber ein bisschen ist auch mir das Herz dabei stehengeblieben. Ich kannte das von Filmen, wo plötzlich der Nachspann rennt. Und ich denke: Nein, hier nicht, jetzt nicht, das geht nicht, da fehlt etwas. Das ist eine Schweinerei, ich verklage den Regisseur! Aber oft waren das die Filme, die mir am längsten im Gedächtnis geblieben sind, weil man über die letzte Zeile hinausdenken muss. Und ich sage noch zu meiner Lektorin Sonja: "Glaubst du, kann man das Buch so enden lassen?" Sie: "Natürlich, nur so, alles andere wäre Kitsch." Ich: "Wäre Kitsch, ganz genau!"
Aber?
Glattauer: Nach einem halben Jahr rigoroser Fortsetzungszurückweisung habe ich mich daran erinnert, wie schön und spannend es für mich war, den "Nordwind" zu schreiben, von Leo auf Emmi hin und retour zu wechseln, diesen Dialog zu verfassen, wo ich selbst nie wusste, wo er uns drei hintreiben würde. Das wollte ich nochmals probieren, einfach schauen, ob die Geschichte der beiden weitergehen kann. Sie konnte.
Eine schöne Liebesgeschichte ist immer auch ein wenig kitschig. Wie ist Ihr Verhältnis zum Kitsch?
Glattauer: Unverkrampft. Wenn mir etwas wirklich gefällt, wenn es mich berührt, ist es mir egal, ob es als Kunst oder Kitsch angesehen wird. Ich erwische mich immer wieder dabei, aus den banalsten und trivialsten Anlässen emotionell ergriffen zu reagieren. Wenn wer aus Freude weint, dann weine ich gleich mit. Ich war schon als Schüler ein glühender Verehrer der Musik der Bee Gees. Ich weiß, das klingt erbärmlich uncool, aber was soll ich tun?
Wieso? Die sind doch super. Stehen Sie mehr auf die frühen Sachen oder auf die Disco-Phase?
Glattauer: Ich liebe alle frühen Alben bis "Saturday Night Fever". Das habe ich ihnen mittlerweile auch schon verziehen. Und auch danach haben sie noch schöne Sachen gemacht.
Themenwechsel: Kommen wir zu Ihrer Zeitungskarenz. Im "Standard"-Interview zum Roman haben Sie anklingen lassen, dass es vielleicht mehr als ein Jahr Karenz wird.
Glattauer: Richtig. Ganz einfach gesagt: Wenn es sich ausgeht, nur den einen Beruf des Schriftstellers zu haben – warum soll ich dann zwei haben? Ich habe gemerkt, dass ich journalistisch ein bisschen ausgeschrieben bin. Bei den "Kastln" sind mir langsam die Luft und der Schmäh ausgegangen. Um das gleiche Niveau zu halten, musste ich mich viel, viel mehr anstrengen. Das ist ein Zeichen dafür, dass man es wahrscheinlich schon zu lang macht.
Das dag-Einserkastl ist Geschichte?
Glattauer: Für mich ist es das definitiv, das sage ich jetzt einfach so. Wenn ich es doch wieder mache, habe ich gelogen. Ich kann's mir aber nicht vorstellen. Nicht dass Schriftstellerei für mich das Höherwertige wäre. Es ist einfach ein schönes Gefühl, nicht tagtäglich etwas zusammenbringen zu müssen, sondern sich ein halbes Jahr oder ein Jahr auf ein Projekt konzentrieren zu können. Auch in Deutschland bin ich inzwischen ein bisschen bekannt. Wann also, wenn nicht jetzt?
Apropos Deutschland. War es nie ein Thema, zu einem großen Verlag zu wechseln?
Glattauer: Ich bin ein Verfechter der Beharrlichkeit, in fast allen Lebenslagen. Der kleine Deuticke Verlag ist für mich wie eine Familie, ich mag die vertrauten Menschen dort und den angenehmen, lockeren Umgang mit ihnen. Jetzt steht ohnehin der Hanser Verlag als Mutterfirma in der Tür. "Alle sieben Wellen" ist der Spitzentitel der gesamten Hanser-Gruppe im Frühjahr. Ich bin mittlerweile dort, wo es auch wirklich ums Geld geht.
Der Deutsche sitzt sowieso im Hintergrund?
Glattauer: Genau. Mir sind diese großen Verlagshäuser ja etwas suspekt. Bevor der Erfolg da ist, tun sie nichts. Ist der Erfolg da, dann tun sie so, als hätten sie ihn gemacht. Aber ich darf nicht klagen. In "Alle sieben Wellen" hat Hanser ordentlich Werbemittel gebuttert. Dadurch fühle ich mich ziemlich in die Pflicht genommen. Es kommen hundert Sachen auf einen zu. Ich werde das ganze Jahr nicht viel zum Schreiben kommen.
Hätten Sie schon eine Idee?
Glattauer: Mehrere. Vielleicht mache ich ein Theaterstück, nachdem ich so gerne Dialoge schreibe. Und es gibt ein Buch, das ich nach "Gut gegen Nordwind" begonnen habe und das ich immer noch gern schreiben würde. Die Frage ist: Mache ich in der bekannten Art weiter, oder probiere ich etwas Neues aus? Ich weiß es noch nicht. Aber mir prognostizieren eh schon länger alle Freunde: Dich wird es demnächst auf die Goschen hauen. Es kann nicht sein, dass immer alles gutgeht. Für "Alle sieben Wellen" habe ich noch ein sehr gutes ­Gefühl. Nach den normalen Erfolgs­zyklen wäre ich aber bald reif für den ­großen ­Misserfolg.


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