Gin Tonic wird mit Gurkensaft noch etwas besser, als er mit einer Gurkenscheibe ohnehin schon ist

"Anständig trinken" von Kingsley Amis

Klaus Nüchtern
FALTER 8/2009

Anständig trinken
Kingsley Amis
Rogner & Bernhard 2008

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Als "On Drink" 1972 im Original erschien, stand der Wert des Pfundes bei rund 55 Schilling, und man konnte damit eine Flasche Beaujolais (siehe Abbildung rechts) kaufen. Dennoch wird man dieser Tage, ach was, in den nächsten Jahren und Jahrzehnten kaum ein Buch finden, das mehr Witz und Wahrhaftigkeit enthält als "Anständig trinken" von Kingsley Amis. Dass der gerne einen oder auch zwei über den Durst getrunken hat, weiß man aus der Autobiografie von Sohn Martin Amis ("Die Hauptsachen"); recht so, denn damit hat sich der Daddy das enorme Wissen erarbeitet, das hier mit leichter und keineswegs zittriger Hand vor den bald lachtränenfeuchten Augen des Lesers ausgebreitet wird.
Dass zahlreiche Rezepte zum Selbermixen dargeboten werden, ist schon mal gut. Noch viel besser ist, dass sie mit Angaben wie "1 ziemlicher Schuss Gin", "eine halbe Flasche Wodka" oder "man nehme 38 Liter schottisches Ale und einen schlachtfrischen Hahn" aufwarten. Im Detail mag man einige Vorlieben und Neigungen des Autors (Biergläser mit Henkel, heiße Drinks, Geiz gegenüber Gästen) für fragwürdig erachten, aber angesichts der philosophischen und toxikologischen Profundheit seiner Ausführungen kommt ihnen allenfalls der Status einer liebenswerten Schrulle zu. Bereits im ersten von insgesamt zehn "unumstößlichen Grundsätzen" verrät Amis dafür seine wahre, mit der schnöseligen Affektiertheit selbsternannter Weinkenner unvereinbare Kompetenz: "Quantität vor Qualität."
"Anständig trinken" nähert sich dem exzessiven Suff durchaus aufgeschlossen, keineswegs aber kritiklos. Über den gerne mit dem bloß physischen gleichgesetzten "metaphysischen Kater" etwa ist wohl kaum je so schonungslos präzise Auskunft erteilt worden (inklusive Hinweise auf geeignete Begleitlektüre und -musik von Solschenizyn bis Miles ­Davis). Und über eine Tatsache will sich auch dieses exzellent übersetzte und kongenial illustrierte Büchlein nicht hinwegschwindeln: Gegen den Kater kann man nur ansitzen, nicht antanzen.


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