Internierte im neoliberalistischen Wahnsystem

"Jahre unter ihnen" von Hermann Peter Piwitt

Sabine Gruber
FALTER 11/2009

Jahre unter ihnen
Roman
Hermann Peter Piwitt
Wallstein 2006
€ 16,50

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So wird der Schrecken ohne Ende langsam normales Leben."
Dieser Satz des frühverstorbenen Nicolas Born dürfe nicht unwidersprochen eintreten, schreibt Hermann Peter Piwitt (Jahrgang 1935) in seinem 2000 erschienenen Aufsatz "Gott und der Dichter". Piwitt wies bereits 1981 auf die Auswirkungen der Globalisierung hin, er beklagte früh das Verschwinden geistiger und materieller Alternativen zum "katastrophal Bestehenden". In seinem gesamten Werk sucht er auf höchstem stilistischem Niveau emphatisch und sorgend neugierig nach einem Weg, sich diesem "Schrecken ohne Ende" zu widersetzen.
In seinem 2006 erschienenen Roman, "Jahre unter ihnen", kriegt der Bruder des Erzählers sein Leben nicht mehr in den Griff. Wo der Wahnsinn beginnt und die Normalität endet, lässt sich längst nicht mehr ausmachen. Der ehemalige Architekt, der ein Faible für Friedrich den Großen hat, fälscht Bauaufträge und führt in seinem ganz persönlichen Wahnsinnskrieg Banken und Beamte in die Irre.

Wie schon Kaiser Friedrich unterliegt auch der Bruder in "Kunersberg", so der Titel des ersten Teils des insgesamt zweiteiligen Romans. Er hofft wie sein "Dynast" bis zum Schluss auf Rettung, doch die Feindesseite antwortet mit immer unverständlicheren "Vollstreckungsbeschlüssen". Dem Bruder bleibt nichts anderes, als sein "Sprachgefieder" zu sträuben, den Rest erledigen Staat und Anstalt.
Hier sind wir mitten in Piwitts Poetologie. "Mich interessiert an Büchern Stil als Form, die dem zugemuteten Leben passioniert abgearbeitet ist, Stil als Lebensrhythmus provozierten Lebens." Piwitt hat die Forderungen, die er an das Werk anderer stellt, selbst eingelöst. Als Internierte im neoliberalistischen Wahnsystem, sagt Piwitt, kommen wir mit etwas Geld "zwar noch überall hin, aber nicht mehr raus".

Der Verlust der Utopie führt zur Fragmentierung der Sprache und der Wirklichkeit. Die Ordnung verfällt, und dieser Prozess wird an der Romankonstruktion ablesbar: poetische Miniaturen, eine Liebesgeschichte, Augenblicke aus dem Leben von Passanten – man erfährt nur scheinbar Zusammenhangloses, denn der Roman spart auch am Schluss nicht mit erhellenden Verweisen: Da umarmt der Erzähler ein Pferd.
"Um verrückt zu werden, genügte es, dass man lebte", sagt er einmal. Um beglückt zu werden, genügt es, dass man Piwitt liest. Der Wallstein-Verlag legt dankenswerterweise all dessen großartige Romane wieder auf.


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