Verzopft? Verkopft? Verniedlicht! Der große Haydn-Irrtum

"Joseph Haydn" von Hans J Irmen

Carsten Fastner
FALTER 16/2009

Joseph Haydn
Leben und Werk
Hans J Irmen
Böhlau Köln 2009
€ 31,00

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Kennen Sie den? Steht eine Sonate in C-Dur. Kommt das Finale, findet ein cis und biegt ab nach – H-Dur.
Nicht lustig? Je nun! Zu Joseph Haydns Zeit war das ein wirklich guter Witz. Kein billiger Schenkelklopfer, sondern eine feine, wirkungsvoll gesetzte Pointe, die Kenner und Liebhaber auf Anhieb verstanden haben. Weil sie, wie in jedem guten Witz, die Erwartungshaltung des Hörers auf überraschende Weise unterläuft.
Das unscheinbare cis, das da im neunten Takt des Finales von Haydns Klaviersonate Nr. 50 aufblitzt, mündet einen Takt später in einen H-Dur-Akkord – mithin in eine gänzlich unerwartete, der Grundtonart C-Dur gegenüber denkbar weit entfernte Tonart. Ganz schön gewitzt!

Doch ein Witz, den man erklären muss, ist keiner mehr. Genau das ist heute das Problem mit Joseph Haydn. 200 Jahre nach dem Tod des Komponisten klingt uns seine Musik so selbstverständlich in den Ohren, dass wir ihren eigentlichen Reiz gar nicht mehr wahrnehmen.
Das ist nicht nur unsere Schuld – auch wenn wir musikalisch schlecht ausgebildete Laien kaum noch die Grundzüge der klassischen Harmonielehre kennen. Es liegt auch an Haydns Musik selbst, genauer: an deren durchschlagendem Erfolg. Denn mehr noch als Mozart und Beethoven hat der konsensuale Übervater der Wiener Klassiktrias mit seiner so originären wie originellen Kunst unser gesamtes Musikverständnis geprägt.
Haydn entwickelte in hunderten von Kompositionen die Basis eines radikal neuen Musikverständnisses, das bis weit ins 20. Jahrhundert hinein als verbindlich gelten sollte, ja, das unterschwellig noch die Struktur und Harmonik des Pop prägt. Und nun? Teilt er das Schicksal so vieler Pioniere: Seine Grundlagenarbeit nehmen wir so beiläufig hin wie das Hintergrundgedudel im Formatradio.
Dabei gäbe es in Haydns Musik so viel zu hören und zu entdecken, zu staunen und zu lachen. Seine Werke stecken, quer durch alle Schaffensphasen, voller Reibungen, Regelbrüche und verquerer Einfälle, voller widerborstiger Rhythmen, doppeldeutiger Harmonien und abrupter dynamischer Kontraste. Ein paar Beispiele?
In der für Paris entstandenen Sinfonie Nr. 83 erweist Haydn mit einem markigen Rhythmus dem seinerzeit in Frankreich gepflogenen Pathos die Reverenz – nur um all den orchestralen Prunk sogleich mit einem gackernden Staccato der Oboe ins Leere laufen zu lassen.
Im Finale der Sinfonie Nr. 98 spielt das Orchester eine floskelhafte Schlussfigur, die jedoch keineswegs zum Ende führt, sondern in grotesk ausgesponnenen Variationen wieder und wieder wiederholt wird – bis sich, kurz vor der Erschöpfung, auch noch ein völlig deplatziertes Klaviersolo anschließt. Und in der 102. Sinfonie braucht das Orchester nicht weniger als vier Anläufe, ehe es sich, wie betrunken torkelnd, ordnungsgemäß in einen Sechzehntelauftakt einfädelt.
Auch in seiner Kammermusik finden sich zahlreiche Beispiele für Haydns Humor, von fingierten Schlüssen (Streichquartett op. 33/2) über rhythmische Illusionen (Streichquartett op. 50/1) bis hin zu raffinierten harmonischen Verwechslungen (Klaviertrio Hob. XV:7).
Die Liste ließe sich schier endlos fortsetzen. Haydn liebt es zu persiflieren, zu karikieren, zu decouvrieren, überraschend den Kontext zu wechseln, Unsinn in Sinn zu verwandeln. Indem er so virtuos mit den kunstvoll konstruierten Zusammenhängen zwischen Metrum, Tonart und Rhythmus spielt, macht er deutlich, dass diese Zusammenhänge letztlich nur suggeriert sind, nicht naturgesetzlich aus sich heraus existieren, sondern erst im Geist des Hörers entstehen.
Der Komponist wendet sich direkt an sein Publikum, will mit musikalischem Esprit unmittelbare Reaktionen der verständigen Hörerschaft provozieren – und zeigt sich in diesem selbstbewussten dialogischen Verhältnis ganz als Kind seiner Zeit: als Aufklärer par excellence.

Haydns Jahrhundert war eines der aufregendsten der Geschichte. Der Mensch begann, neugierig zu werden, sich selbst, seinen Verstand, seine Welt zu entdecken. "Der Mensch ist das wahre Studienobjekt des Menschen", befand – in Haydns Geburtsjahr 1732 – Alexander Pope in seinem "Essay on Man".
Als Haydn in seinen 30ern war, formulierte Jean-Jacques Rousseau mit dem "Gesellschaftsvertrag" das Verhältnis zwischen Individuum und Staat neu; es begannen die Ausgrabungen in Pompeji; und James Watt entwickelte die erste brauchbare Dampfmaschine. Noch zu Haydns Lebzeiten wurde der Sauerstoff entdeckt, die elektrische Batterie erfunden und die moderne Schutzimpfung entwickelt.
Kant und Voltaire veröffentlichten ihre aufklärerischen Ideen, die Amerikaner erklärten ihre Unabhängigkeit, die Franzosen köpften ihren König. Und als Haydn am 31. Mai vor 200 Jahren hochbetagt starb, war die Kapitulation der französischen Truppen vor Andreas Hofer schon wieder Geschichte, stand Napoleon zum zweiten Mal als Sieger in Wien.
Auch in der Musik war viel passiert in diesen acht Jahrzehnten, und Haydn hatte gewaltigen Anteil daran gehabt. Aus dem einstmals rein höfischen Musikleben war ein aristokratisches Vergnügen geworden, an dem schließlich auch das entstehende Bürgertum Anteil haben wollte.
Ein neuer Musikmarkt war entstanden, und mit ihm die Nachfrage nach leichteren Opern und großen öffentlichen Konzerten; aber auch der Wunsch, selbst zu musizieren, im Salon kunstsinnige Verständigkeit unter Beweis zu stellen, kam auf.
Die Komponisten reagierten mit der Entwicklung neuer Gattungen. Sinfonien und Solistenkonzerte, kammermusikalische Divertimenti und Klaviersonaten verdrängten das barocke Prunkbedürfnis zugunsten einer feinsinnigen Schlichtheit.
In zwei Ausprägungen zeigte sich dieser neue, vorklassische Stil, beispielhaft repräsentiert durch das Werk zweier Bach-Söhne: dem in heiterem, lebhaftem Tonfall gehaltenen Galanten Stil, wie ihn Johann Christian Bach (1735–1782) in London pflegte, und dem expressiven, mitunter stürmisch drängenden Empfindsamen Stil, wie ihn Carl Philipp Emanuel (1714–1788) in Berlin und Hamburg kultivierte.
Für die Synthese war Joseph Haydn verantwortlich. Er fand im Laufe der Zeit zu jener klugen Mischung, die wir heute Wiener Klassik nennen. Eine Mischung aus populären Melodien (die oft folkloristisch wirken, ohne es tatsächlich sein zu müssen), dem Tempo der Opera buffa und den Strukturen der Tanzmusik; aus geistreichem Witz und subtil mit Formen und Proportionen spielenden Techniken.
Das kam beim Publikum gut an und erweckte zugleich das Interesse der Kollegen. Haydns Musik gefiel: bei Amateuren und Berufsmusikern, Bürgern und Adeligen, in Frankreich, England, Russland – "von Mexiko bis Calcutta", wie ein zeitgenössischer Biograf bewundernd feststellte.

Die gesellschaftlichen Umbrüche des 18. Jahrhunderts spiegeln sich nicht nur in Haydns Musik, sondern auch in seinem Leben. Der Handwerkersohn aus der niederösterreichischen Provinz brachte es zum europaweit gefeierten Kapellmeister eines angesehenen Hofes – und schaffte, mit immerhin 58 Jahren, schließlich den Sprung in ein gänzlich neues Karrieremodell: in die künstlerische Selbstständigkeit.
Aus dem letzten großen Komponisten des Ancien Régime war einer der ersten unabhängigen Tonkünstler geworden. Geschickt verstand es Haydn, die technischen Entwicklungen und die soziale Durchlässigkeit seiner Zeit für sich zu nutzen.
Wobei er freilich schon im Dienst der Esterházys ungewöhnlich große Freiheiten zur Vermarktung in eigener Sache genossen hatte. Die jahrzehntelange Abgeschiedenheit in Eisenstadt und auf Esterháza, über die sich Haydn immer wieder beklagte, bedeutete keineswegs, dass er dort von der Welt abgeschnitten gewesen wäre.
Denn Haydn bediente sich ausgiebig des dank verbesserter Drucktechniken prosperierenden Verlagswesens, um seine Musik auf eigene Faust weit über die Grenzen der Monarchie hinaus zu verbreiten. Bestes Beispiel dafür sind jene sechs Sinfonien, die er 1785/86 im Auftrag der Pariser Gesellschaft Concert de la Loge Olympique schrieb. Mit ihnen wurde der Kapellmeister aus dem fernen Osten zum beliebtesten Komponisten von tout Paris – ohne jemals selbst dort gewesen zu sein.
Als er sich – nach der Pensionierung und zwei ausgiebigen Englandreisen – schließlich am Rande Wiens niederlässt, kann Haydn, der ehemalige Höfling, selbst Hof halten. Im eigenen Haus am Windmühlgrund empfängt der alternde Weltstar Kollegen und Bewunderer, Bittsteller und Förderer, nimmt Aufträge und Ehrungen entgegen, lässt seine Verleger zu harten Verhandlungen antreten und gewährt seinen Biografen Gesprächstermine.
Am frühen Morgen des 31. Mai, wenige Tage nach einem Bombardement Wiens durch die napoleonischen Truppen vom nahegelegenen Linienwall aus, stirbt Joseph Haydn – in seinem Haus, als selbstbewusster Bürger.
Seine Musik galt schon damals als vorbildlich und musterhaft, als klassisch im wahrsten Sinne des Wortes. Doch genau diese Einschätzung wurde ihr bald zum Verhängnis. Haydns Werke standen auf allen Spielplänen, wurden so häufig gespielt, dass sie rasch in der mediokren Routine des Alltags versanken.
So konnte ein Kritiker bald über eine besonders schlampige Aufführung der "Schöpfung" ätzen, demnächst wohl würden "die ausführenden Herrschaften sich bequeme Fauteuils ins Orchester stellen, darauf sanft des Schlummers pflegen, und es dem verehrlichen Publikum überlassen, sich das Werk mittlerweile – zu denken".

Es kam noch schlimmer. Schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts begannen die Romantiker mit der ideellen Entrückung Mozarts und der Monumentalisierung Beethovens. Diesen "unverstandenen Genies", dem "Musensohn" und dem "Titanen", jedoch stellten sie einen verniedlichten "Papa Haydn" gegenüber – als zwar ehrwürdigen, aber letztlich langweiligen Steigbügelhalter.
Und dieses Bild sollte sich für lange Zeit festsetzen. Schon Robert Schumann fand, man könne "nichts Neues mehr" von Haydn erfahren: "Er ist wie ein gewohnter Hausfreund, der immer gern und achtungsvoll empfangen wird: Tieferes Interesse aber hat er für die Jetztzeit nicht mehr."
Johannes Brahms sah das an der Wende zum 20. Jahrhundert zwar ganz anders, musste aber noch immer an der Ignoranz seiner Zeitgenossen verzweifeln: "Die Leute verstehen von Haydn fast nichts mehr."
Substanziell hat sich daran bis in die Gegenwart nichts geändert. Und es ist bezeichnend, dass die Stadt Wien nach dem groß angelegten Mozart-Jahr 2006 auf die Ausrichtung eines Haydn-Jahres 2009 verzichtet hat.
Vergessen wie einst Bach oder Vivaldi war Joseph Haydn nie gewesen, wiederentdeckt müssen er und seine Musik also nicht werden. Aber es wäre höchste Zeit für eine Neuentdeckung. 


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