Einer Tat verschrieben, die kein gutes Ende nehmen wird

"Das Rote Kreuz" von Robert Dempfer

Michael Weiss
FALTER 19/2009

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Der 31-jährige Kaufmann im Leinenanzug hatte einen Plan. Ausgerechnet
Algerien wollte Henri Dunant zur Kornkammer Frankreichs machen, und war deshalb seinem Kaiser Napoleon in den Krieg nachgereist, nach Norditalien. Der Schweizer brauchte eine Unterschrift des ambitionierten Feldherren und wollte dessen gute Laune nach dem Sieg über Österreich nutzen. Doch es kam anders. Beim Anblick des Schlachtfelds bei Solferino
beschloss Dunant, auf seine Vision zu
verzichten – und stattdessen zu helfen. Zwei Jahre später schrieb er "Eine Erinnerung an Solferino" und legte damit den Grundstein für die heute größte nichtreligiöse Organisation der Welt: das Rote Kreuz.

Dunants Buch ging um die Welt, und mit ihm seine Idee einer neutralen Hilfsorgani-
sation, die in Zeiten des Kriegs einschreitet, um jenen zu helfen, denen sonst niemand hilft, ungeachtet dessen, auf welcher Seite sie stehen. Unter dieser Prämisse verbrachte Dunant 1859 drei Tage auf den Schlachtfeldern von Solferino, um zusammen mit Frauen aus einem nahegele-
genen Dorf die Verletzten zu versorgen.
Unter derselben Prämisse helfen heute weltweit 500.000 Hauptberufliche und Hundert Millionen Freiwillige in den verschiedenen Tätigkeitsfeldern des Roten Kreuzes. Der Journalist Robert Dempfer ist
einer von ihnen. Er leitet die Abteilung
für Gesellschaftspolitik beim Österrei-
chischen Roten Kreuz und kennt sich in
der internationalen Szene aus. 150 Jahre nach Solferino hat er ein Buch geschrie-ben, das bei Dunant beginnt und seine
Idee bis zu den Helfern der Gegenwart verfolgt.
So begleitet er beispielsweise den Rettungssanitäter Dieter Krammer bei seinem freiwilligen Dienst in einer Silvesternacht, die ihn zu nicht weniger als 28 Einsätzen führt. Oder er porträtiert den englischen Rotkreuz-Chirurgen Robin Coupland, dessen Datenbank über Minenverletzungen als ausschlaggebend für das Verbot dieser Waffenklasse durch die sogenannte Ottawa-Konvention gilt.

Als einen "Popstar der Hilfe" bezeichnet er schließlich den aktuellen französischen Außenminister Bernard Kouchner, der, so Dempfer, mit der Gründung von Ärzte ohne Grenzen das "Allerheiligste der humanitären Hilfe entweiht: die Neutralität". Während die Helfer des Roten Kreuzes sich verpflichten, nur das zu kommunizieren, was sie tun, nicht aber das, was sie sehen, sieht Kouchner die Aufgabe von Ärzte ohne Grenzen auch darin, Menschenrechtsverletzungen öffentlich anzuprangern.
Neben der Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte des Roten Kreuzes schafft Dempfer mittels dieser Porträts einen Überblick über die Bandbreite der humanitären Aktion, aber auch über ihre ­Herausforderungen und Probleme. Nicht zuletzt stellt das Buch wohl auch einen Aufruf zum Engagement dar, schließlich werden im letzten Teil unter dem Titel "Einstiegswege für neue Helferinnen und Helfer" die Kontaktdaten und Profile verschiedener nationaler und internationaler Hilfsorganisationen aneinandergereiht.
Dafür wird selbst der Bruch mit einem Dogma des Roten Kreuzes in Kauf genommen. In diesem Buch stehen nämlich keineswegs die Taten im Vordergrund, sondern die Helfer selbst. Jene, die sich, so zitiert Dempfer Hans Magnus Enzensberger, "einer Tat verschrieben haben, von der sie wissen, dass sie nie ein gutes Ende nehmen wird".


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