"Lanz" von Andreas Weber

Klaus Kastberger
FALTER 20/2004

Lanz
Andreas Weber
Otto Müller 2004

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Lokalberichterstattung am Rande des Nervenzusammenbruchs : Andreas Webers weitgehend gelungener Roman "Lanz" laboriert an seinem schweren Schluss.

Es tut sich einiges in der kleinen Stadt Lanz (in der Nähe von Linz): Zwei tote Affen werden gefunden, ein Mädchenmord ereignet sich am gleichen Ort, und schließlich landet auch noch ein verirrter Adler im oberösterreichischen Voralpenland. Grund genug, dass Journalisten über Wochen hinweg ausführlich aus Lanz berichten: Reporter quartieren sich ein, Fotos werden geschossen, gestohlen und ausgetauscht, Anwohner, die naturgemäß nichts wissen oder sagen wollen, befragt. Alles läuft wie im richtigen Leben der Lokalberichterstattung. Lanz füllt die Chronikspalten der Zeitungen, Vermutungen werden angestellt und Gerüchte gestreut. Auf die Story kommt es an und nicht auf die Wahrheit, und notfalls wird sie eben erfunden: die Story, um deren geheime Hintergründe es in "Lanz" geht.

Andreas Weber, der 1961 geborene oberösterreichische Autor, ist nicht nur Exfußballer und Filmemacher, sondern auch in seinem literarischen und literaturwissenschaftlichen Schaffen ungemein vielseitig. Bislang liegen mehrere Erzählungen, eine Novelle und ein Bühnenstück vor. Weber hat über Fritz Habeck und Hermann Gail geschrieben, einen Bild- und Essayband über Bernhard Wicki herausgegeben und arbeitet zurzeit an einem Film über den argentinischen Fußballer und späten Österreich-Legionär Mario Kempes.

Dass der Autor weiß, wovon er spricht, merkt man seinem jüngsten Roman an. Weber war selbst mehrere Jahre als Lokalreporter einer Zeitung tätig und hat dabei auch seine Geschichten "gemacht". Dem Ich-Erzähler des Buches, der autobiografische Züge trägt, ergeht es in manchem umgekehrt: Nicht er kommt zu den Geschichten, sondern die eigentliche Geschichte kommt in fast schon schicksalhafter Weise auf ihn zu. Es ist die Geschichte einer gewissen Anna Jordan, die in "Lanz" alle anderen Geschichten grundiert und in die sich der Erzähler immer weiter vertieft. Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges hat diese Anna Jordan in Lanz gelebt, sich mit einem Russen eingelassen und war dann plötzlich aus der Stadt verschwunden. 23 Jahre später taucht im Ort ein seltsamer Fremder auf, der mit Anna Jordan verwandt ist. Zum Erstaunen der Einwohner geht es ihm nicht um die Besitzrechte am Haus, sondern einzig und allein um jene dunklen Geschichten, die sich in Lanz zwei Tage vor Kriegsende abgespielt haben sollen.

Die thematischen Parallelen zu Hans Leberts Roman "Die Wolfshaut" (1960), einem zentralen Werk der österreichischen Nachkriegsliteratur, sind unübersehbar. Auch dort ging es um einen Mord, der sich in den letzten Tagen des Dritten Reiches abgespielt hat und der später in dem symbolisch überhöhten Dorf "Schweigen" zu Tode geschwiegen wurde. Während Lebert in seinem Buch die sorgsam eingebuddelten Toten wiederkehren lässt und von ihnen wahre Blutarien singt, bleibt "Lanz" ein Kolportageroman im besten Sinn: Geschichten von Lokalreportern fangen zu wachsen und wuchern an, der Chronikteil der Zeitung spielt plötzlich verrückt.

Irgendwann in der Mitte des Buches verliert man als Leser allerdings den Überblick über die vielen detailreichen, miteinander geheimnisvoll verwobenen Geschichten. Aber noch ehe man so richtig zum Nachsinnen gekommen ist, hat einem der Autor auch schon eine Art Generalschlüssel zum Ganzen verpasst: Die Affenkörper, von denen alles seinen Ausgang nahm, verweisen auf eine bis heute verbreitete Affenskulptur, die einer der damaligen Stadtcapos auf seinem Schreibtisch stehen hatte: nichts hören, nichts sehen, nichts reden.

Obwohl es fragwürdig ist, die Aussage eines Buches auf ein ungefähr Allgemeines zu reduzieren, wird das hier durch den Schluss des Romans nahe gelegt: Alles bezieht sich nämlich auf die nationalsozialistische Kindervernichtungsanstalt im oberösterreichischen Schloss Hartheim, und wie so oft in der österreichischen Gegenwartsliteratur schlägt ein "historischer Moralismus" (Egon Matzner) zu. Das ist schade, denn dieser Roman hätte das nicht notwendig, der wunderbar wirre Kolportagenkranz, den der Autor da gewunden hat, wäre genug gewesen.


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