Die Militarisierung der Seele

"Die Schule an der Grenze" von Géza Ottlik, Peter Esterhazy

Sigrid Löffler
FALTER 27/2009

Die Schule an der Grenze
Géza Ottlik, Peter Esterhazy
Eichborn 2009
€ 37,00

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Ungeschoren kam keiner davon. Alle haben sie vom ersten Tag an Haare lassen müssen – die Zöglinge der Militärunterrealschule an der ungarisch-burgenländischen Grenze. Als Elfjährige rückten sie im September 1923 im Internat ein, als wohlerzogene, empfindliche und arglose Buben, zumeist aus gutbürgerlichen oder adeligen Familien aus Budapest. Erst nahm man ihnen die Zivilkleider ab und steckte sie stattdessen in schwarze Waffenröcke; dann wurden ihnen die Köpfe kahl geschoren. Derart normiert und uniformiert hatten sie sich im Gleichschritt in das "Bataillon" einzureihen, wie die Gesamtschülerschaft der Kadettenanstalt genannt wurde. Doch erst nach dem Kahlscheren begannen für die Neulinge die eigentlichen Scherereien, in aller Ratzfatzrigorosität.
Von diesen Scherereien handelt Géza Ottliks Roman "Die Schule an der Grenze", der 1959, drei Jahre nach der Niederschlagung des Ungarn-Aufstands durch sow-
jetische Panzer, erstmals in Budapest erschien. Er avancierte augenblicklich zum Kultbuch der ungarischen Intellektuellen und Schriftsteller und kann nun, nach Jahrzehnten der Verschollenheit, auch auf Deutsch – im sehr stimmigen kakanisch-wienerischen Deutsch der Charlotte Ujlaky – wiederentdeckt werden.
Bislang war der Roman hierzulande ja nur ein fabelhaftes Gerücht, immer wieder aufs Neue genährt vor allem durch Péter Esterházy. Der wurde nicht müde, von Géza Ottlik als seinem Meister und literarisches Vorbild zu schwärmen.

Aus lauter Verehrung hat Esterházy anlässlich Ottliks 70. Geburtstag den ganzen Roman zwischen 10. Dezember 1981 und 15. März 1982 in ungefähr 250 Stunden mit der Hand abgeschrieben: mit schwarzem Filzstift auf einem Zeichenblatt von 57 mal 77 Zentimetern, in unendlichen Überschreibungen bis zur völligen Unleserlichkeit. Das tiefgeschwärzte Bild dieses zerschriebenen Romans bewahrt Esterházy bis heute auf. Eine zwiespältige Hommage: Huldigung und ritueller literarischer Vatermord zugleich. Was Esterházy selbst aber erst im Nachhinein bemerkte.
Von all diesem legendären Drumherummel kann man schwerlich absehen, wenn man "Die Schule an der Grenze" endlich zu lesen bekommt. Auf den ersten Blick hat man einen Internatsroman vor sich, ein weiteres Beispiel dieser traditionsreichen Gattung, wie ihn nicht nur Engländer immer wieder gerne schreiben, bis hin zu "Harry Potter".
Und ließe sich, überspitzt gesagt, nicht auch die Geburt der Literatur Mitteleuropas aus dem Geiste des Internats herleiten? Von Musil bis Rilke, von Bernhard bis Handke und von Hesse bis hinunter zu Benjamin Lebert? Findet sich nicht bei all diesen Autoren ein ähnliches Knaben-elend zwischen Schliff und Schleiferei, im Dunst von Schlaf- und Speisesälen, im Mief der Klassenzimmer und in der geheimen Schmutzlust- und Entregelungswelt der Aborte?
Sehr beziehungsreich widmet Géza Ottlik seinen Roman "dem Andenken des Zöglings René Rilke". Wie Kadett Rilke in den Militärrealschulen von St. Pölten und Mährisch-Weißkirchen, so hatte Kadett Ottlik (1912–1990) eine Generation später in der ungarischen Militärunterrealschule von Köszeg (Güns) zu leiden. Und wie seine Romanhelden, die Zöglinge Bóth, Medve und Szeredy, hat auch Ottlik selbst dort von 1923 an vier Jahre lang Gewalt und Misshandlung durchgestanden.
Für Ottliks Elfjährige stellen sich die Scherereien von Köszeg als lücken- und auswegloses Herrschaftssystem von Willkür, Unterdrückung und heimlichem Terror dar, als eine "in sich geschlossene, gnadenlose und schale Welt". Von der Stunde ihres Eintritts an sind sie einem Regime der Disziplinierung, Kontrolle und Züchtigung unterworfen, überwacht, gedrillt und schikaniert von brüllenden Unteroffizieren, die ihnen die zivilen Umgangsformen brutal wegschleifen. Unter den Zöglingen herrscht ein spezieller rüder Schulton, ein Kloakenkauderwelsch, gespickt mit gotteslästerlichen Beschimpfungen und halbverstandenen Obszönitäten.
Kaum haben die Neulinge den Drill verinnerlicht und sich die geheimsprachlichen Besonderheiten des Kadetten-Pidgin zu eigen gemacht, werden sie auch schon den verschärften Ritualen der Züchtigungsmaschinerie unterworfen und von Zöglingen höherer Jahrgänge geschurigelt und gedemütigt. Überraschender ist, dass Géza Ottlik zudem eine Herrschaftsclique von Jahrgangsgenossen einführt, die wie selbstverständlich die Macht über alle ausübt und augenblicklich ein Schreckensregiment von beachtlicher sadistischer Raffinesse entfaltet. Auftritt Merényi und sein Hofstaat, Sitzengebliebene allesamt, die sich als Helfershelfer der Unteroffiziere etabliert haben.
Der Anführer, ein hübscher Junge mit Grübchen und hartem Blick, der seine Hellwachheit hinter schläfrigem Gehabe verbirgt, ist umgeben von einem inneren Kreis von Vasallen, Spitzeln, Folterknechten und zeitweiligen Günstlingen sowie einem äußeren Kreis von Lakaien, Zuträgern, Speichelleckern und Mitläufern. Ein blatternarbiger Junge, genannt "der Wachtel", fungiert als eine Art Geheimdienstchef.

Es geht Géza Ottlik darum zu zeigen, wie sich die einzelnen Zöglinge in diesem psychosozialen Aggregat verhalten, wie sie im Chaos totaler Willkür irgendwelche Gesetz- und Regelmäßigkeiten zu entdecken suchen, an die man sich halten könnte. Lange verweilt der Roman bei der Initiationsphase und bei der Schockstarre, die die verstörten Neulinge in den ersten Monaten in Bann hält. Vor allem Medve fehlen die längste Zeit die Begriffe für das, was er hier erleben muss. Er schwankt zwischen hilflosem Aufbegehren und feiger Unterwürfigkeit, Wegträumen und Fassungslosigkeit und findet lange zu keiner wirksamen Überlebenstechnik.
Brieflich ruft er seine Mama herbei, die ihn wieder herausholen soll; als sie dann aber tatsächlich kommt, fehlen ihm die Worte, um ihr sein Elend begreiflich zu machen – und seine stumme Sprache versteht die Mutter nicht. Schließlich ist Medve nicht unfroh, als sie wieder alleine abfährt. In ihm hat der elitäre Hochmut des Militärs gegenüber ahnungslosen Zivilisten zu sprießen begonnen.
Géza Ottlik nimmt sich viel Zeit, um die Verhaltensweisen zu ziselieren, die einzelne Zöglinge unter dem Druck der Tyrannei entwickeln: Rudelverhalten, Durchmogeln, Duckmäusertum, Liebedienerei, Ausweichmanöver, Resignation, innere Emigration. Nur ganz vereinzelt kommt es zu Ausbrüchen individueller Empörung – doch diese werden scharf geahndet und führen nur zum Schulverweis.
In diesem Internatsroman sind nicht die Lehrer die Quälgeister der Schüler (die Offiziere werden im Gegenteil durchwegs als freundliche, fähige Lehrer gezeichnet); die Hölle der Zöglinge sind vielmehr alle Mitzöglinge. "Kein Arschloch war da mit irgendwem befreundet", liest man. "Man lebte für sich allein und auf sich gestellt inmitten des eisig sengenden Nebels, starr und betäubt. Wir wussten ja, dass uns nichts hätte helfen können. Es war zu spät. Um Abhilfe zu schaffen, hätte alles anders werden müssen; und nicht so bleiben dürfen, wie es war. Nicht das Böse, sondern das Gute hätte die reale und über jeden Zweifel erhabene Wirklichkeit sein müssen."

Wer spricht hier? Benedek Bóth hat zufällig seinen ehemaligen Mitschüler Szeredy wiedergetroffen, 1957 im Schwimmbad in Budapest, 30 Jahre nach dem Abgang aus Köszeg – und dieses Treffen im Erzählrahmen ist seine Madeleine. Plötzlich fällt ihm das Schulinferno von damals wieder ein – und auch, dass ihm Medve ein Konvolut mit seinen eigenen Schulerinnerungen übergeben hat, kurz vor seinem Tod 1956. Wir lesen also Medves Memoiren, jedoch korrigiert durch Bóths eingestreute Kommentare. Diese Doppelperspektive relativiert naturgemäß die Geschehnisse von damals. Täuscht womöglich die Erinnerung?
Das beiläufig erwähnte Todesdatum Medves, 1956, ist der deutlichste Fingerzeig, dass es in der ungarischen Zucht- und Qualanstalt von Ottliks Roman eben nur scheinbar um entwendete Radiergummis, Fußbälle und Drehbleistifte und um enteignete Fresspakete von Zuhause geht. Eigentlich geht es um die Militarisierung der menschlichen Seele, um die Brutalisierung und Zerstörung des Menschen in einem geschlossenen totalitären System. Und damit wird "Die Schule an der Grenze" als politische Parabel lesbar, als Großmetapher für das stalinistische Regime in Ungarn, mit seinen Schauprozessen gegen Abweichler und andere Unpersonen und seinen Machtkämpfen in der Partei. Die unentwegten Verrätereien, Seitenwechsel und Ausgrenzungen innerhalb des Kadettenbiotops widerspiegeln nur die Machtverschiebungen in Merényis Politbüro, bis hin zu dessen Sturz.
Ottliks Helden gehen als 14-Jährige zwar mit Blessuren, aber doch existenziell ungebrochen aus der Anstalt ab – einfach, weil sie älter, gewitzter und abgebrühter geworden sind und gelernt haben, wie man sich dem Druck eines Regimes entzieht. In Ungarn war das nicht anders, nach 1956 und 1989.


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