"Keine Kunst" von

Tabea Soergel
FALTER 28/2009

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Am Ende entwirft die Mutter ihr eigenes Gedenkblatt. "Unter meinem Namen rechts in der Mitte gesperrt soll stehen geboren am 5. Oktober 1916, gestorben, hier schreibt ihr rein, was dahin gehört, ich habe als Beispiel gestorben am 14. August 1980 dahin geschrieben". Das ist der vielleicht traurigste Moment. Denn diese Mutter ist seit Jahrzehnten tot. Für die Länge eines Buchs wird ihr und dem Erzähler, ihrem Sohn, Aufschub gewährt. "Keine Kunst" ist die Fortsetzung von Ersterházys Familienpanoramen mit den Mitteln des Fußballs. Die Mutter begreift die Welt als großes Fußballspiel, darin fand sie ihre Freiheit in Zeiten ständiger Angst, die gleichbedeutend mit der großen Zeit des ungarischen Fußballs waren. Und ihren Sohn holt das Schicksal in Gestalt eines alten, sterbenskranken Fußballfunktionärs ein.
Zunächst wirkt die hakenschlagende Handlung, erzählt in einer heißblütigen, kraftstrotzenden Sprache, fast lose angeordnet – bis man die zwingende Mathematik des Textes zu spüren beginnt. Im Schlusskapitel wird, barbarisch und herzzerreißend, eine andere Mutter beerdigt. Die Mutter des Erzählers ist ja schon tot, seit dem 14. August 1980. "Netzervariation: Ein in der Tiefe des Raums nunmehr für immer verschwindender Romanheld namens Meinemutter."


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