Wie ein Wichtelzauber in Blüte und Eichel

"Schau heimwärts, Engel (Neuübersetzung 2009)" von Thomas Wolfe, Klaus Modick

Klaus Nüchtern
FALTER 30/2009

Schau heimwärts, Engel (Neuübersetzung 2009)
Roman
Thomas Wolfe, Klaus Modick
Manesse 2009
€ 30,80

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Sollten Sie Ihren Urlaub noch vor sich haben und bezüglich der Wahl Ihrer Lektüre noch unschlüssig sein, dann lassen Sie sich Thomas Wolfes "Schau heimwärts, Engel" empfehlen: Es ist umfangreich genug, um auch einigen Tagen Landregen zu trotzen, und schwer genug, um damit kleine Krokodile erschlagen zu können. Lediglich die Urlaubsdestination will gut überlegt sein. Die Bereisung von niederschlags- und vegetationsarmen Landstrichen in Begleitung dieses Buches ist nur psychisch äußerst gefestigten Leserinnen und Lesern zuträglich. Bei allen anderen ist mit hysterischem Abbruch der Lektüre oder des Urlaubs zu rechnen. Also: Salzkammergut – ja, Algarve – nein; Westirland – ja; Mojave-Wüste – nein.

Wolfe hat mit der Gießkanne geschrieben – und das ist durchaus keine bloße Metapher für die stilistische Abundanz seines Werkes und die Üppigkeit, mit der dort die unbändige Sprachmächtigkeit eines früh verstorbenen Genies ins Kraut schießt. Floristen, Botaniker und Hobbygärtner werden gewiss ihre Freude daran haben, was und wie hier alles sprießt, und wenn Eugene Gant, jugendlicher Held und Alter Ego des Autors, mit seiner großen Jugendliebe zusammen ist, dann spielt sich auf der im engeren Sinne erotischen Ebene erstaunlich wenig ab, wohingegen die Natur an diesem Tag "wie Gold und Saphire" außer Rand und Band ist:
"Ein kraftvoll-männlicher Gestank nach den breiten Blättern des Sauerampfers umgab sie, ein beißender Unkrautgeruch. Sie gingen querfeldein über einen Acker, versanken kniehoch in stoppeligem Kraut, und an ihren Kleidern blieben büschelweise braune Spitzkletten hängen. Das ganze Feld war übersät mit Gänseblümchen, die ihren brühwarmen Duft verströmten. Dann kamen sie wieder in den Wald und stiegen bis zu einer Insel aus zartem Gras hinauf, neben der ein kleiner Bach in seinem mit Farn bewachsenen, steinigen Bett in hellen Kaskaden vom grünen Hügel herabplätscherte. ,Lass uns hier rasten', sagte Eugene. Die Wiese war voller Löwenzahn; ihr stechender, stummer Duft überzog die Erde mit gelber Magie. Sie waren wie Kobolde und Elfen, wie ein Wichtelzauber in Blüte und Eichel."
Pflanzliches Wachstum steht für die Macht der Natur als Gegensatz zur menschlichen Zivilisation, sie bleibt die Zentralmetapher des Lebens – und des Todes: "Ihr Haar fiel auf ihren Körper herab wie bei einer buschigen Maisblüte, in süßer gelöster Schamlosigkeit", heißt es an einer Stelle; an anderer wird der erotische Heißhunger von einer Jungfrau evoziert –"knackig wie Staudensellerie". Und bezeichnenderweise wird der alte Gant – darin ein Vorgänger der an der nämlichen Krankheit leidenden Helden von Philip Roth, Richard Ford und Michael Köhlmeier – vom Prostatakrebs dahingerafft: "Er wirkte rein und zerbrechlich. Der Krebs, dachte Eu­gene, wucherte in ihm wie eine schreckliche und doch schöne Pflanze."

Unmäßigkeit ist das einzige Maß dieser Prosa, es ist auch eine bezeichnende (und nicht nur negativ besetzte) Eigenschaft der Protagonisten. So wie der Autor selbst einer der großen Trinker in der an solchen – Poe, O'Neill, Faulkner, Hemingway, Lowry – nicht eben armen amerikanischen Literatur war, säuft auch die ganze Gant-Sippe: die Männer offen, Eugenes Schwester Helen unter dem Vorwand, kräftigende Medizin zu sich zu nehmen.
Für Eugene selbst ist der Alkohol, als er diesem – ein Wasserglas "zu gleichen Teilen mit Whisky, Gin und Rum – erstmals begegnet, eine Offenbarung: "Er war sofort betrunken, und er wusste sofort, war­um man trank. Er wusste, dass dies einer der großen Momente seines Lebens war (…). Warum, wenn es doch möglich war, Gott in einer Flasche zu kaufen und ihn auszutrinken und selbst ein Gott zu werden, waren die Menschen nicht ewig betrunken?"
Selten hat die Physis eines Autors so sehr dessen Werk entsprochen: Wahrlich ein ganzer Kerl mit kühnem Haarschopf, würde man ihm das Beschlagen von Pferden, Erlegen von Grizzlys und eigenhändige Roden ganzer Wälder mindestens ebenso zutrauen wie das Verfassen voluminöser Romane. Als "Schau heimwärts, Engel" 1929 bei Charles Scribner's Sons erscheint, ist Wolfe noch keine 30 Jahre alt. Das in Zusammenarbeit mit Maxwell E. Perkins, dem Cheflektor des Verlags, um rund ein Drittel gekürzte, ursprünglich mehrere tausend Manuskriptseiten umfassende und von vielen Verlagen abgelehnte Debüt, verhilft Wolfe rasch zu Berühmtheit – die freilich keineswegs unumstritten ist.

William Faulkner preist Wolfes Wagemut, alle Regeln des Schreibhandwerks über den Haufen zu werfen, Sinclair Lewis räumt ihm in seiner Nobelpreis-Rede von 1930 gute Chancen ein, zum bedeutendsten amerikanischen Schriftsteller seiner Zeit zu werden. In Deutschland, wo "Schau heimwärts, Engel" 1932 erschienen war, zählen so verschiedene Gemüter wie Gottfried Benn und Hermann Hesse zu seinen Bewunderern. Die hymnische Naturbetrachtung, der zwischen Großspurigkeit und Zerknirschtheit oszillierende Individualismus und die zivilisationskritische Stoßrichtung machen Wolfe zum natural born Hausgott eines Jack Kerouac, die drastische und zärtliche, burleske und berührende Beschreibung einer ganz normal unglücklichen, zerstrittenen und in sich verklammerten Familie lässt unschwer erkennen, dass diese Traditionslinie von Autoren wie Philip Roth, John Updike und Jonathan Franzen weitergeführt wurde.
Was die einen am "amerikanischen Homer" bewundern, wird von jenen kritisiert, die in dem "elefantösen Proust" vor allem eine unzureichend gebändigte und in selbstgefälliger Manier sich austobende Kraftlackelei erblicken. Wolfe polarisiert, und er steht in unübersehbarem Kontrast zur wohlproportionierten Lakonie einer Prosa zwischen Hemingway und Carver, die mitunter vorschnell mit moderner amerikanischer Literatur in eins gesetzt wird.
Selbst wenn man – wie dies der Schriftsteller und Übersetzer Klaus Modick in seinem Nachwort tut – das Buch gegen den Vorwurf der disziplinlosen Strukturlosigkeit verteidigt, wird man dessen "Redundanzen und Überorchestrierungen" (Modick) nicht ignorieren können. Wolfe setzt immer noch eins drauf. Und dann noch eins: "Sie war ihm ins Fleisch gegraben. Sie pochte im Rhythmus seines Pulses. Sie war Wein in seinem Blut, Musik in seinem Herzen."
Man muss aber durchaus kein glühender Bewunderer einer Ästhetik rhapsodischer Verausgabung und schon gar kein Parteigänger einer fragwürdig vitalistischen "Das Leben kommt vor der Literatur"-Ideologie sein, um den Roman zu mögen. ­Wolfe hat die eigene Autobiografie schamlos ausgebeutet, woran auch die im Vorwort "An den Leser" formulierte Beteuerung, es handle sich "um ein fiktives Werk und nicht um das Porträt lebender Personen" nichts ändert. Aber er tut dies nicht mit jener wehleidigen und betulichen Kraftlosigkeit, die der heutzutage zirkulierenden Selbstbefindlichkeitsprosa erstaunlicherweise gern als Sensibilität gutgeschrieben wird.

Wolfe verfügt nicht nur über die Kraft, sondern auch über das ästhetische Vermögen, seinen vielstimmigen und die Tonlagen kühn wechselnden Hymnus ins Mythische zu überhöhen und jeglichen Wie-es-wirklich-war-Realismus zu transzendieren. "Er gehörte wohl einem älteren, einfacheren Menschenschlag an: Er gehörte zu den Mythenschöpfern. Für ihn war die Sonne ein majestätisches Licht, das ihm bei seinen großen Abenteuern leuchtete", lautet die entsprechende Passage über seinen Protagonisten, die man getrost eins zu eins als Selbstauskunft des Autors verstehen darf.

Obgleich dem Entwicklungsroman zurechenbar, geht "Schau heimwärts, Engel" in dem Genre nicht auf. Meist fällt der Erzähler mit der Tür ins Haus und umreißt seine Figuren adjektivreich, aber mit entschiedenem Strich: So sind sie, so werden sie bleiben. Er huldigt einem humanistischen Determinismus, dessen Großzügigkeit darin besteht, uns die Charaktere larger than life auszumalen. Die Poesie aber wird keineswegs mit Eskapismus erkauft. Als die Hinterbliebenen von Ben Abschied nehmen, der seinem Bruder Eugene auf den letzten Seiten noch einmal begegnen wird, kommentiert der Roman das ausnahmsweise vergleichsweise lakonisch: "So wurde dem toten Ben mehr Aufmerksamkeit, mehr Zeit, mehr Geld zuteil, als man ihm je zu Lebzeiten geschenkt hatte." Darin besteht denn auch das Ethos dieser mächtig tönenden Literatur: dass sie den Mangel des Lebens ebenso besingt wie dessen Fülle.


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