Mit Hypothekarkrediten halten sie die Massen still

"Life Inc." von Douglas Rushkoff

Christoph Chorherr
FALTER 31/2009

Life Inc.
How the World Became a Corporation and How to Take It Back
Douglas Rushkoff
Random House Inc. 2009

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Douglas Rushkoff beginnt sein bemerkenswertes Buch, mit einem persönlichen Erlebnis, das belegen soll, wie sehr wir nicht bloß von corporations (ich bleibe beim englischen Ausdruck und vermeide den Terminus "Konzerne") beherrscht werden, sondern auch, wie diese denken und fühlen: Rushkoff wird vor seinem Haus in Brooklyn ausgeraubt; in einer Gegend, die von einem liberalen Publikum bewohnt wird, Marke Neubau.

Er "verarbeitet" sein Erlebnis, indem er es auf seinem Blog erzählt. Er erwartet, dass ihm Anteilnahme und Nachdenken darüber, was man tun könne, um die "neighbourhood" sicherer zu machen, entgegengebracht wird. Doch nichts davon. Stattdessen Mails, in denen er heftig dafür kritisiert wird, dass er es wagt, die genaue Adresse seines Hauses zu nennen, ob er nicht wisse, was das für den Immobilienwert dieser Gegend bedeuten könne.

Nicht nur die Warenwelt, auch unsere Beziehungen funktionieren wie corporations. Um zu erklären, wie das entstanden ist, geht Rushkoff weit zurück und erzählt eine überraschend neue Geschichte des späten Mittelalters und den Beginn des "Abstiegs", die Geburt der corporation in der Renaissance.

Der "Abstieg" hat seine Ursache dort, wo Monopole bewusst geschaffen wurden, um vielfältiges Wirtschaften, Produzieren und Handeln abzuwürgen.

Renaissance nach Rushkoff: Die mächtigen Königshäuser sehen durch die aufkommenden Handwerker und Händler ihre Macht schwinden. So erfinden sie einen historischen Deal: Sie versprechen einem Unternehmen via Edikt des Fürsten das exklusive Recht, aus einer Weltgegend zu importieren oder dort zu produzieren. Als Gegenleistung erhalten sie einen bestimmten Anteil dieses Monopolgewinns.

Wagt es ein Konkurrent dieses begünstigten Monopolisten, dort auch produzieren oder Handel treiben zu wollen, wird ihm das untersagt, letztlich das Unternehmen mittels staatlicher Gewalt abgedreht.

Ein zentrales Element dieses Bündnisses zwischen Krone und einigen ausgewählten corporations ist Monopolgeld.

Vor der Renaissance, im späten Mittelalter, blühten die Städte. Sie florierten auch deswegen, weil sie die Quelle potenziellen Reichtums, die Geldschöpfung, selbst innehatten. Geld zirkulierte in der Stadt, und die überschüssige Arbeit konnte auch in der Stadt öffentlichen Wohlstand schaffen. Das "Zeitalter der Kathedralen" nennt es Rushkoff, weil das lokale Geld nicht abfließen und von einigen wenigen gehortet werden konnte. Weil es zirkulieren musste, entstand öffentlicher Reichtum.

Folgerichtig mussten Königshäuser und corporations dem Volk dieses Recht entziehen. Monopolgeld wurde geschaffen, Regionalgeld verboten und so Reichtum zentralisiert.

Ein neuer Blick auf Geschichte: Der amerikanische Unabhängigkeitskrieg hat nach Rushkoff nicht primär den Aufstand gegen die britische Krone, sondern gegen die corporation als Ursache. Jener Kampf gegen das Baumwollmonopol, das Amerikanern verbot, diese selbst zu verarbeiten, statt sie gegen einen festgesetzten Monopolpreis nach England zu exportieren.

Rushkoff erzählt Geschichte mit neuen Geschichten. Etwa die Geburt der "mortgages", der Hypothekarkredite, deren Platzen maßgeblich daran beteiligt war, dass wir heute in einer der schwersten Wirtschaftskrisen seit 100 Jahren stecken.

Rushkoffs Geschichte: Der Zweite Weltkrieg ist vorbei, zehntausende GIs werden demnächst nachhause kommen. Vorwiegend Schwarze oder Angehörige der Unterschichten, die in ein Land zurückkommen, das Rassen diskriminiert und Wohlstand von unten nach oben umverteilt.

Präsident Roosevelt lässt sich von seinen Beratern die Situation Europas nach dem Ersten Weltkrieg schildern, als heimkehrende Soldaten Ungerechtigkeiten nicht duldend hinnahmen, sondern Gewerkschaften bildeten, kommunistische Parteien gründeten, Bürgerkriege anzettelten, letztlich ganze Staatswesen zusammenbrachen.

Was tun? Wenn man die Heimkehrer und nicht nur diese vereinzeln und weit draußen ansiedeln, sie mit einem Hypothekarkredit zähmen, ihnen Rasenmähen und Sparen fürs größere Auto als Traum verkaufen könnte, dann wäre Ruhe garantiert. Who's got a mortgage makes no revolution. So einfach ist das.

In ganz Europa verliert die Sozialdemokratie Wahlen, seit die aktuelle Krise ausgebrochen ist. Die Linke ist offensichtlich orientierungslos. Rushkoffs Buch könnte der Debatte, was eine linke Antwort auf diese tiefgreifende Krise ist, wirksame Impulse geben. Denn im Gegensatz zu den meisten Sozialdemokraten sucht er die Lösung nicht primär beim Staat.

Im Gegenteil. Die Allianz von monopolistischen corporations und staatlicher Macht ist nach Rushkoff die Ursache der wirtschaftlichen Malaise und gesellschaftlichen wie menschlichen Entfremdung.

Rushkoff träumt, Kritiker werden meinen, allzu naiv, von einer blühenden Wirtschaft innerhalb von communities. Nicht von weltweiten, mittels PR geschaffenen Marken, "brands", sondern von unmittelbaren Bedürfnissen, nach Wohnen, guten Lebensmitteln und lokalen Dienstleistungen, die Menschen, die man kennt, anbieten.

Spätestens da, wo Rushkoff lokales Geld als Ergänzung, nicht als Alternative anbietet, werden viele aussteigen. Er argumentiert aber schlüssig, wo es solches bereits gibt und welche Vorteile es bringt. In Österreich etwa gab es das erfolgreiche "Wörgler Experiment" in den 1930er-Jahren.

Wer sich der spannenden Frage, was denn aus der Krise "Neues" erwachsen kann, widmen möchte, dem sei Rushkoffs Buch wärmstens ans Herz gelegt.


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