"Du Engel Du Teufel" von Brita Steinwendtner

Daniela Strigl
FALTER 34/2009

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Man könnte sagen: Emmy Haesele war eine Autodidaktin der besonderen Art – sie besuchte keine Akademie, ihr Lehrmeister war Alfred Kubin. 1932 lernte sie den 17 Jahre Älteren kennen, ihre Liebesgeschichte dauerte vom August 1933 bis zum Februar 1936. Gut 300 Briefe hat er ihr geschrieben: "Du Sammellinse meines Liebesglücks / Du mein Unendlichkeitsspiegelein / Mein Sternenliebling – Zwillings-Urweib". "M.l.Z.U.W.", so lautet die Briefanrede noch, als Kubin Emmy Haesele längst den Laufpass gegeben hat. Sie kommt ihr langes Leben lang nicht von ihm los, schleicht um sein Haus in Zwickledt, legt ihm Weihnachts­gaben auf die Schwelle, begegnet ihm einmal auf schmalem Pfad: Kubin schwenkt seine Mütze, sagt "guten Morgen" und geht an ihr vorbei.
Von einer Liebe, die zu groß war, um dem Stolz Raum zu geben, und einem beinhart rationalisierten Gefühlshaushalt nach Künstlerart erzählt Brita Steinwendtner mit ebenso viel Klarsicht wie Feingefühl und Gespür für Rhythmus. Kubin wie Haesele konnten schreiben und lassen sich wunderbar zitieren. Beide waren verheiratet, Kubin mit der duldensgeübten Hedwig, die Arzttochter aus Wien mit dem im Salzburger Dorf Unken praktizierenden Dr. Hans Haesele, ­einem Mann von schier übermenschlicher Güte, nebstbei glühender Na­tionalsozialist. Zur Hochblüte der
Liaison war jeder der vier mit den ­anderen in innigstem, auch brieflichem Kontakt.
In "Du Engel Du Teufel" geht es nicht bloß um eine Amour fou, sondern auch um die Kunst. Für Kubin ist sie alles, für Emmy Haesele wird sie Überlebenshilfe, als sie auf den "Zwillings-Urmann" verzichten muss, als sie Sohn und Ehemann im Krieg verliert. Die Zeichnerin Haesele macht sich einen Namen, der gleichwohl auf immer mit dem Kubins verbunden bleibt. Das sorgsam recherchierte Buch handelt auch von Politik, ihren Auswirkungen auf dem Lande, von Kubins dem Marktkalkül geschuldeten Lavieren gegenüber den verhassten Nazis, zu denen auch Emmy gehörte. Als der Meister 1959 stirbt, geht sie nicht zum Begräbnis. Und bleibt ihm doch bis zu ihrem Tod 1987 treu.


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