"Die große Welt" von Colum McCann, Dirk van Gunsteren

Sebastian Fasthuber
FALTER 39/2009

Die große Welt
Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren
Colum McCann, Dirk van Gunsteren
Rowohlt - 2009
0,00

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Am Morgen des 7. August 1974 spannte Philippe Petit ein Seil zwischen den Twin ­Towers und spazierte mehrmals hin und her. Mit diesem Bild beginnt "Die große Welt", der neue Roman des in New York lebenden Iren Colum McCann, dem mit seinem Nurejew-Roman "Der Tänzer" (2003) der Durchbruch gelang. Der Falter traf ihn vergangenes Wochenende in Berlin.

Falter: Hand aufs Herz: Wollten Sie
ursprünglich wirklich einen Roman über 9/11 schreiben?
Colum McCann: Absolut. Letztlich habe ich "Die große Welt" nur wegen 9/11 geschrieben. Mir ging es um den Gegensatz zwischen dem Seiltanz als schöpferischem Akt und den Anschlägen als Akt der Zerstörung. Ich wollte die Spannung zwischen diesen beiden Polen ausloten. Das war meine Idee, kurz nach den Anschlägen. Dann hat es ein wenig gedauert, bis ich einen zündenden Einfall hatte, wie es weitergehen könnte.
9/11 kommt im Roman nun gar nicht vor. Haben Sie versucht, es direkt reinzubringen?
McCann: Sicher. Ich glaube jedoch, dass Literatur Zeit benötigt, um sich solchen Ereignissen zu nähern. Da braucht es einen Abstand von etwa 20 Jahren. Andererseits hat Don DeLillo mit "Falling Man" nur kurze Zeit danach ein kraftvolles 9/11-Buch geschrieben. Es kommt wohl auf den Zugang an: Entweder man geht ganz nahe ran – bei DeLillo fällt auf der ersten Seite schon die Asche vom Himmel –, oder man umfährt die Ereignisse großräumig. Letztlich ist aber auch Philippe Petits Seiltanz heute untrennbar mit dem verbunden, was später mit den Türmen passiert ist.
Sie beginnen mit dem Seiltanz, aber dann entfernt sich das Geschehen bald davon und konzentriert sich auf ein lose zusammenhängendes Ensemble von Menschen in New York.
McCann: Ursprünglich wollte ich nur über Petit schreiben. Und ich wollte ihn abstürzen lassen – als Spiegelbild für die Ereignisse in Amerika, als Bush die Gerechtigkeit pervertiert und diese durch Rache ersetzt hat. Beim Schreiben haben jedoch die anderen Figuren schnell die Überhand gewonnen. Zuerst hatte ich diesen irischen Priester, der nach New York geht, dann die Prostituierten, ­denen er hilft. So entstanden in meinem Kopf immer mehr Figuren.
Die Figuren tragen alle ihre Last: von der Prostituierten, deren Tochter gerade gestorben ist, bis zur wohlhabenden Dame, deren Sohn als Computerspezialist nach Vietnam gegangen und nicht mehr zurückgekehrt ist.
McCann: Und genau da kommt 9/11 wieder ins Spiel. Die Frage, die mich zentral beschäftigt, ist: Wie erholt man sich von so etwas? Wie rappelt man sich wieder auf? Am Ende geht es um den Wunsch nach Erlösung. Ich hoffe, dort bewegt sich das Buch hin. Es beginnt am Seil zwischen den Twin Towers und endet am vielleicht tiefstgelegenen Punkt von New York, den Projects in der Bronx. Als ich da angekommen war, wusste ich, dass das für mich stimmt.
Gab es einen Schlüsselmoment?
McCann: Als ich die Stimme der Pros­tituierten Tillie gefunden habe. Ich dachte mir: Oh, das überrascht mich jetzt.
Wie finden Sie die Stimme einer Figur?
McCann: Man kann die Arbeit eines Schriftstellers mit der eines Bauchredners vergleichen: Plötzlich ist eine Stimme da. Aber natürlich nicht ohne Vorarbeit. Ich bin ein 44-jähriger weißer Mann, der mit drei Kindern in einer netten Wohnung in einem guten Teil von New York lebt. Und ich setze mich hin und versuche, aus der Sicht einer schwarzen Prostituierten im Jahr 1974 zu schreiben. Das kommt nicht einfach so. Man muss mit den Cops abhängen, mit Leuten in der South Bronx reden, die damals unterwegs waren. Man muss in die Bibliothek gehen und alles über die Zeit lesen. Den Slang lernen. Dann erst kann man die Figur erschaffen. Jetzt, wo sie lebendig geworden ist, könnte ich mit ihrer Stimme mit Ihnen reden.
Mir ist vorgekommen, Tillie ist Ihre Favoritin.
McCann: Das kann schon sein. Wahrscheinlich tragen alle Figuren kleine Teile von jedem von uns und damit auch von mir in sich. Die zwölf Hauptpersonen gehen mir alle irgendwie nahe. Und natürlich auch die Stadt. New York ist für mich die 13. Haupt­figur in dem Roman.
Überraschend fand ich, dass Sie im Schlusskapitel noch den Sprung in die Gegenwart bzw. ins Jahr 2006 machen.
McCann: Ich musste die Gegenwart einfach reinbringen. Das gibt dem Buch einen ganz anderen Punch. 2006 weist noch über 9/11 und ­Kathrina hinaus, und es liegt mitten in der Bush-Ära. Das Schlusskapitel habe ich übrigens schon ziemlich früh geschrieben.
Ich kann mich nicht erinnern, jemals einen 500-Seiten-Roman so schnell gelesen zu haben. Das Tempo ist enorm!
McCann: Geschwindigkeit ist zentral für "Die große Welt", weil es ein Stadtbuch ist. Es spielt in den Zügen und auf der Straße, es bewegt sich. Was mir bisher noch nie passiert ist, bei "Die große Welt" aber schon öfters: Leute erzählen mir, dass sie es drei-, viermal gelesen und immer wieder neue Sachen entdeckt hätten. Sie sehen, ich bin ein glücklicher Mann.
Die US-Kritik hat "Die große Welt" als einen der definitiven New-York-Romane bezeichnet. Muss man Ire sein, um das zu schaffen?
McCann: Wahrscheinlich schadet es nicht, als Einwanderer hier zu leben. Mindestens 50 Prozent aller Babys, die heute in New York geboren werden, haben Eltern, die aus dem Ausland hergezogen sind. New York ist ein gigantischer Flipper der Emotionen, ich mag sein Tempo. Ich kann mir nicht vorstellen, anderswo zu leben, höchstens in Italien – meine Frau stammt aus einer italienischen Familie – oder vielleicht für eine Zeitlang im Westen Irlands.
Sie waren am 11. September in Manhattan. Ihr Schwiegervater entkam ­gerade noch, bevor der Nordturm fiel. Wollten Sie damals nicht wegziehen?
McCann: Nicht wegen 9/11, höchstens, weil uns das Bush-Regime so angepisst hat. Da haben wir mit der Idee geflirtet wegzuziehen, uns aber schließlich dagegen entschieden, denn das wäre die Kapitulation gewesen, und wir hätten uns zu Komplizen des Regimes gemacht. Aber dann hat sich Amerika zum Glück auf so schöne Weise gedreht.
Wo waren Sie, als Obama gewählt wurde?
McCann: Ich habe meine Kinder in den Park geführt, eines am Arm, eines an der Hand und eines auf der Schulter. Wir gingen nach Harlem und tanzten.
Klar, inzwischen ist die Party wieder vorbei und Obama in einer schwierigen Situation. Das war von vornherein klar, denn er hat den beschissensten Job ausgefasst: ein Schwarzer, der das Land regiert. Trotzdem ist er immer noch eine Inspiration. Sie sollten meine Kinder über ihn reden hören!
Wie nahe ist Ihnen "Die große Welt" jetzt noch? Der Roman ist ja auch im Original erst vor wenigen Monaten erschienen.
McCann: Er wurde auch erst vor neun Monaten fertig. Geschrieben hat sich das Buch leicht, emotional hingegen war es für mich eine verheerende Erfahrung. Ich habe mein ganzes Herz reingesteckt. Ich bin sogar jetzt immer noch erschöpft.
Es scheint, dass Sie immer mehr zum Spezialisten für wuchtige, lebenspralle Romane werden?
McCann: Deshalb bin ich ja so müde. Vielleicht kommt jetzt die Miniatur dran. Aber ich entschuldige mich nicht für meine Ambitionen. So viele Romane heute ducken sich, als müssten sie sich dafür schämen, Romane zu sein. Ich hab es gerne groß. Ich lese immer noch John Steinbeck, ich lese immer noch Theodore Dreiser. War­um lese ich immer noch Steinbeck und Dreiser? Weil sie es angepackt haben! Ich freue mich schon darauf, in ein paar Wochen nachhause zu kommen. Dann wird das Büro umgeräumt und etwas Neues begonnen.
Keine Angst vor der leeren Seite?
McCann: Nein. Ich hasse es, wenn Autoren darüber jammern, wie schwer ihr Beruf ist. Es ist schwer, eine arbeitslose Alleinerzieherin zu sein, wir Autoren hingegen führen eine privilegierte Existenz. Mehr Angst als vor der leeren Seite habe ich vor dem Internet. Vielleicht nehme ich mir als Nächstes ein Büro ohne Anschluss. Ich soll einen Roman schreiben, und ständig fallen mir Dinge ein wie: Hm, Stoke City spielt heute im League Cup gegen Oxford United. Ich könnte mal nachsehen, wie's ihnen geht.
Wie organisieren Sie das Schreiben als Vater von drei Kindern?
McCann: Ich fessle sie. Im Ernst: Türe zu und zusperren, niemand darf auch nur anklopfen. Sie wissen, dass sie ihren Alten nicht stören dürfen. Es kann passieren, dass eine Notiz unter der Tür durchgeschoben wird: "Daddy, der Toaster ist kaputt!" Oder: "Geh mit mir Fußball spielen!" Dann denke ich mir: Ich kann jetzt nicht Fußball spielen, ich bin gerade eine 38-jährige Hure.


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