"Mich hat überrascht, wie menschlich Stalin war"

"Das Stalin-Epigramm" von Robert Littell, Werner Löcher-Lawrence

Julia Kospach
FALTER 41/2009

Das Stalin-Epigramm
Robert Littell, Werner Löcher-Lawrence
Arche - 2009
0,00

Anzeige


Robert Littells Stimme ist voller Euphorie und Bewunderung, wenn er über den russischen Dichter Ossip Mandelstam spricht. Für den amerikanischen Bestsellerautor war der Russe, der Stalin die Waffe der Poesie entgegenhielt und dafür mit dem Leben bezahlte, ein vorbildlicher Mensch und Künstler. 30 Jahre lang habe ihn das Thema verfolgt, sagt er, bevor er seinen neuen Roman "Das Stalin-Epigramm" dazu geschrieben hat.
Littell ist diesmal per Telefon zu haben – seinen Österreich-Lesetermin hat er kurzfristig abgesagt. "Der Kreislauf!", sagt der 74-Jährige und lacht. Im anschließenden Gespräch ist er freilich vor Energie kaum zu bremsen.

Falter: Ihre Spionagekrimis und Kalter-Krieg-Thriller waren Bestseller. Ihr neues Buch "Das Stalin-Epigramm" hingegen erzählt, wie der russische Dichter Ossip Mandelstam mit einem Gedicht Stalin herausforderte. Wie kam es dazu?
Robert Littell: Ich hatte 1979 in Moskau
die Gelegenheit, Mandelstams Witwe ­Nadeschda zu treffen. In einem Devisenladen kaufte ich eine riesige Schachtel Schokolade und nahm ein Taxi in einen entlegenen Vorort, wo sie in einem elenden ­Plattenbau in einer winzigen, total überheizten Wohnung lebte. Ich hatte eine alte Frau erwartet, aber sie war mehr als das – sie wirkte steinalt. Als ob die Jahre des Terrors und der Angst, in denen sie der Geheimpolizei immer nur einen Schritt voraus war, sich in ihr Gesicht eingeschrieben hätten.
Wie spielte sich das Treffen mit ihr ab?
Littell: Die jungen Moskauer Dichter hatten sie adoptiert. Sie kochten für sie, kauften für sie ein, kümmerten sich um sie. Sie war eine legendäre Figur. Einer der Dichter kochte Tee, sie legte sich aufs Sofa, und wir unterhielten uns. Als wir uns nach etwa einer Stunde verabschiedeten, brachte sie uns zur Tür, wo sie uns zuflüsterte: "Sprechen Sie bitte im Gang nicht englisch!" Dieser Satz hat mich fast 30 Jahre verfolgt.
Warum denn das?
Littell: Weil ich ihr ganzes Leben mitschwingen hörte. 1979 konnte man in Moskau durchaus englisch sprechen. Aber ihr Kopf steckte immer noch in der Zeit des stalinistischen Terrors der 30er-Jahre, als Ossip im sibirischen Gulag umkam.
Kam Ihnen damals die Idee zum "Stalin-Epigramm"?
Littell: Die hatte ich erst viel später. Die Geschichte dieser beiden Männer, Mandelstam und Stalin, die voneinander besessen waren, hat mich immer gefesselt. Sie sind sich nie begegnet, aber man weiß, dass Stalin die Poesie sehr schätzte und als junger Mann unter Pseudonym selbst Gedichte veröffentlicht hat. Mandelstam schrieb sein Stalin-Gedicht im Jahr 1933 oder 1934. Darin nannte er Stalin den "Gebirgler im Kreml", den "Mörder und Bauernschlächter" und schrieb: "Wie Himbeeren schmeckt ihm das Töten".
Was geschah damit?
Littell: Er trug es einer Handvoll Leuten vor, wurde denunziert und verbrachte zehn Tage im gefürchteten Moskauer Lubjanka-Gefängnis. Jeder in der damaligen Sowjetunion, der nur ein Hundertstel davon über Stalin zu sagen gewagt hätte, wäre sofort erschossen worden.
Mandelstam wurde stattdessen nach Woronesch verbannt …
Littell: Das beweist Stalins Interesse an ihm.
Ist es erwiesen, dass es tatsächlich Stalin selbst war, der Mandelstam verschonte?
Littell: Stalin bekam Listen mit den Todeskandidaten, die am nächsten Morgen erschossen werden sollten. Er ging sie jeden Abend durch und zeichnete sie mit seinen Initialen ab. Das ist gut dokumentiert. Gelegentlich strich er einzelne Namen von der Liste.
Stalin soll damals sogar Boris Pasternak angerufen haben, um mit ihm über Mandelstam zu sprechen. Das ist keine Legende?
Littell: Es ist eine wahre Geschichte. In der Gemeinschaftswohnung, in der Pasternak lebte, läutete das Telefon und er wurde aufgefordert, sofort eine bestimmte Nummer anzurufen. Er wählte und Stalin hob ab. Stalin fragte: "Ist es wahr, dass Mandelstam einer der größten Dichter des Jahrhunderts ist?" Und er versprach, dass Mandelstam nicht getötet würde. Pasternak glaubte lange Zeit, dass der herrschende Terror hinter Stalins Rücken vom NKWD (Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten, dem auch die staatsterroristisch agierende Geheimpolizei GPU, eine Vorläuferorganisation des KGB, angehörte, Red.) ausging. Also sagte er: "Ich muss mit Ihnen sprechen." "Worüber?", fragte Stalin, und Pasternak sagte: "Über Leben und Tod". Da­rauf folgte Stille, und Stalin legte auf. Pasternak hat sich nie verziehen, dass er nicht die richtigen Worte gefunden hatte, ihn am Telefon zu halten.
Glauben Sie wirklich, dass Stalin Mandelstam verschonte, weil er hoffte, ihm doch eine Lobeshymne abpressen zu können?
Littell: Ganz sicher. Stalin war von zwei Dingen besessen: Das eine war ein langes Leben. Zu Stalins Zeit gab es einen Wissenschaftler, der die Langlebigkeit der Georgier auf den regelmäßigen Konsum von Kaukasus-Gletscherwasser zurückführte. Also ließ sich der Georgier Stalin Gletscherwasser in Flaschen abfüllen und in den Kreml liefern. Das Zweite, was ihn interessierte, war unsterblicher Ruhm. Hier beißt sich die Katze natürlich in den Schwanz: Stalin besaß genügend Hausverstand, um zu wissen, dass ein erzwungenes Gedicht nicht das Papier wert sein konnte, auf dem es geschrieben war. Gleichzeitig war der, von dem er ein solches Gedicht begehrte, der Einzige, der ihm nie eines gewidmet hatte.
Sogar die große, eigentlich über jeden Verdacht erhabene Anna Achmatowa hat eine Hymne auf Stalin geschrieben …
Littell: Ja, sie hatte aber allen Grund dazu. Ihr Sohn saß fast 20 Jahre lang in Haft, viele davon als Todeskandidat. Ihr Wohlverhalten kam einer Geiselhaft gleich. Mandelstam aber schrieb nur sein vernichtendes Stalin-Epigramm. Ich bekomme jedes Mal eine Gänsehaut, wenn ich es lese!
War ihm klar, was er riskierte?
Littell: Er kann es nicht nicht gewusst haben. Ich bewundere ihn über alle Maßen: für seinen Mut, sein Konzept des Dichters als Wahrheitssager, seinen Widerstand gegen eine Macht, die ihn jederzeit töten konnte. Er ist ein Leuchtturm. Wie er sollten wir alle sein. Ich habe auch enormen Respekt vor Nadeschda, die ihm in die Verbannung folgte. Mandelstams Dichtung hat nur durch sie überlebt, weil sie alle seine Gedichte auswendig lernte und über Jahre immer und immer wieder wiederholte, bis sie endlich niedergeschrieben werden durften.
Es ist insgesamt eine gut dokumentierte Geschichte – nicht zuletzt durch Nadeschdas berühmte Autobiografie. Wozu wollten Sie auch noch einen Roman darüber schreiben?
Littell: Es gibt viele Lücken, die für mich als Schriftsteller reizvoll waren. Über vieles kann man nur Vermutungen anstellen: die genauen Gründe, warum Mandelstam sein Stalin-Gedicht schrieb; was in Stalins Kopf vorging; was während der zehn Tage passierte, die Mandelstam nach seiner ersten Verhaftung im Gefängnis verbrachte. Nadeschda erwähnte einmal, dass der Mann, der ihn dort verhörte, zu ihm sagte: "Sie werden Angst in ihrem vollen Umfang erleben." Klar ist, dass er das Gefängnis als gebrochener Mann verließ und dort versucht hat, sich das Leben zu nehmen.
Wollten Sie die paranoide Welt des Stalinismus in Ihrem Buch wiederauferstehen lassen?
Littell: Ich wollte sie neu erschaffen, nicht nur beschreiben. Ich bin natürlich am schlechtesten geeignet zu beurteilen, ob mir das gelungen ist. Aber keine Angst: Ich fische hier nicht nach Komplimenten!
Sie erfinden Mandelstam und seiner Frau eine Ménage à trois mit einer jungen Schauspielerin.
Littell: Nadeschda schreibt einmal, dass sie alles tat, um das Konzept der traditionellen Familie zu zerstören. Beide hatten Affären. Mandelstam war ein gutaussehender Kerl, ein großartiger Dichter, ein Mann, der Sinnlichkeit für eine wesentliche Voraussetzung seiner Kunst hielt. Vergessen Sie außerdem nicht, wie ihr Alltag aussah: Es war wirklich beschissen! Sie hatten kein Geld, wenig zu essen, litten unter ständiger Angst, er hatte Publikationsverbot.
Als die beiden die junge Schauspielerin verführen, lassen sie Nadeschda denken: "Mach, dass die Sonne nicht aufgeht, solange er noch eine Muse und eine Erektion hat. Amen!"
Littell: Sie hat sich eben um ihn geküm­mert!
Sie sind dafür kritisiert worden, dass Sie ihn zuerst als Erotomanen zeichnen, um ihm später Erektionsstörungen anzudichten.
Littell: Es wäre naiv zu glauben, dass Psychoterror, Folter und Verbannung nicht auch sein Sexualleben beeinträchtigt hätten. Ossip und Nadeschda waren ein unglaubliches Paar. Mandelstam war sich sicher, dass er nicht überleben würde. Er wusste, dass er Nadeschda einen Grund gab, nach seinem Tod weiterleben zu wollen, wenn er sie zur Gedächtnisdatenbank seiner Gedichte machte. Wenn das nicht Liebe ist, dann weiß ich nicht! Es geht weit über Sexualität hinaus.
Sie machen auch Stalin zu einer literarischen Figur. Ist das nicht sehr kühn?
Littell: Nein, er ist eine sehr interessante Figur. Wenn man viel über ihn liest, versteht man, dass dieser brutale, paranoide Mann, der so viel Blut an seinen Händen hatte, eine zweite Seite besaß – wie wir alle.
Was hat Sie daran überrascht?
Littell: Wie menschlich er war. Dass er unbedingt in Erinnerung bleiben wollte, dass er Angst vor Ärzten und allen möglichen Krankheiten hatte. Aber natürlich hab ich auch viel erfunden – ich bin Schriftsteller.
Hat Ihr Interesse an Russland familiäre Hintergründe?
Littell: Meine Großeltern waren russische Juden, die 1885 in die USA emigrierten. Haben mich diese Gene nach Europa zurückgezogen? Ich weiß es nicht. Russland zieht mich tatsächlich magnetisch an. Ich lese etwa große amerikanische Autoren wie Saul Bellow oder Philip Roth mit großem Interesse und Vergnügen, aber nichts davon trifft mich so mitten ins Herz wie russische Literatur.
Ihre Söhne haben durch Sie ein sehr internationales Leben: Geboren in den USA, aufgewachsen in Frankreich, lebt Jonathan als Autor in Barcelona, Jesse als Maler in Prag. Sie und Ihre Frau leben in Südfrankreich. Die USA sind offenbar für Sie alle keine Option?
Littell: Wir sind davon, was mit dem American Dream passiert ist, sehr enttäuscht – sogar mit Barack Obama, den wir sehr bewundern. Wir haben Angst, dass er entweder einem Attentat zum Opfer fällt oder an den Right-Wing-Republikanern scheitert. Vor zwei Monaten sagte ein republikanischer Senator auf seiner Website: "Wenn es uns gelingt, Obama mit seiner Gesundheitsreform zu stoppen, dann ruinieren wir seine gesamte Präsidentschaft." Diese Leute scheren sich einen Dreck um die 46 Millionen Amerikaner, die keine Krankenversicherung haben.
Einer Ihrer größten Erfolge war der CIA-Thriller "Die Company" aus dem Jahr 2003. Was wird aus einem Geheimdienst wie der CIA unter einem Präsidenten wie Obama?
Littell: Ich kenne keine Geheimnisse, aber ich bin davon überzeugt, dass der Präsident den Grundton bestimmt. Bushs Ton war seit 2001 von Panik bestimmt. Das nahm die Form von "anything goes!" an – auch für die CIA und führte zu Guantánamo, Geheimgefängnissen und dem Angriff auf den Irak. In Washington gibt es 15 verschiedene Geheimdienste. Sie können sicher sein, dass diese Leute Obamas Botschaft verstanden habe: intelligent und korrekt handeln! Keine Panik!
Ihr Sohn Jonathan lieferte im Vorjahr mit seinem 1400-Seiten-Roman "Die Wohlgesinnten", in dem er aus der Perspektive eines SS-Offiziers über den Holocaust erzählt, im deutschsprachigen Raum den Skandal- und Furoreroman der Saison. Hat es Sie überrascht, dass er plötzlich einen so gigantischen, monumentalen Debütroman schrieb?
Littell: Nein, ich kenne meinen Sohn sehr gut. Als er für dieses Buch recherchierte, haben wir vermutet, dass er an irgendetwas Großem arbeitet, aber er hat nie etwas erwähnt. Er ist sehr diskret. Ich fand, dass es ziemlich viel Mut braucht, 1000 Seiten zu schreiben – noch dazu über die Shoah und ohne zu wissen, ob sie je gedruckt werden.
Allein in Frankreich hat der Roman beinahe eine Million Exemplare verkauft …
Littell: Gallimard ließ eine erste Auflage von 12.000 Stück drucken. Jonathan fragte mich, wie viel er wohl verkaufen würde. Ich sagte: wahrscheinlich so 1500 oder 2000 Stück.
Eine ziemliche Fehleinschätzung.
Littell: Es lief über Mundpropaganda. Vor Erscheinen traf ich in Paris eine alte Freundin, die in der Verlags-PR ist. Sie sagte: "Alle Kritiker und Buchhändler lesen im Moment die Vorabexemplare von ‚Die Wohlgesinnten'." Also rief ich Jonathan an und sagte: "Du wirst doch mehr als 2000 Bücher verkaufen." Vielleicht hat es die nächste Generation gebraucht, die schon ein bisschen mehr historischen Abstand hatte, um einen solchen Roman über den Holocaust zu schreiben und zu lesen.


Anzeige

Diese Rezensionen könnten Sie auch interessieren

  • Carl Schmitt

    Aufstieg und Fall Carl Schmitt – noch immer genügt allein der Name, um Aufmerksamkeit zu erregen. Wenige andere Denker werden geächtet und geachtet wie er. Geachtet...
    Rezensiert von Wolfgang Zwander in FALTER 41/2009
  • Träume von Flüssen und Meeren

    Dieser Roman mäandert wie ein träger, schmutziger Fluss und handelt von einem jungen Mann, der inmitten des bunten, prallen, duftenden, oft auch...
    Rezensiert von Thomas Askan Vierich in FALTER 41/2009
  • Metropolen des Geistes

    Wo liegt der Ursprung der modernen Metropole? Seit sich viele Großstädte zu Mega-Citys entwickelt haben, ist der Begriff "Metropole" zur Chiffre...
    Rezensiert von Veronika Seyr in FALTER 41/2009
  • Mosaik 2014

    Das Düsseldorfer Instrumentaltrio hat eine längere Pause gemacht. Auf "Mosaik 2014" gibt es sich futuristisch, auch wenn der Albumtitel gerade...
    Rezensiert von Sebastian Fasthuber in FALTER 41/2009
  • Beremis' Welt

    Reise durch das Universum der Mathematik Mit einem Buch von 1949 holt der Verlag einen Erfolgsautor in die Gegenwart. In der an orientalischen Märchen orientierten Erzählung, entsprechendes...
    Rezensiert von Martin Gantner in FALTER 41/2009
Alle Buch-Rezensionen | Alle Rezensionen aus FALTER 41/2009

Anzeige


Anzeige