"Träume von Flüssen und Meeren" von Tim Parks

Thomas Askan Vierich
FALTER 41/2009

Träume von Flüssen und Meeren
Tim Parks
Kunstmann, A 2009
€ 25,60

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Dieser Roman mäandert wie ein träger, schmutziger Fluss und handelt von einem jungen Mann, der inmitten des bunten, prallen, duftenden, oft auch stinkenden Lebens in Delhi sich selbst verlorengeht. Den Wendepunkt seiner Reise zu sich selbst erreicht John, als er eine Durchfallattacke auf der "Toilette" eines Lokals bekämpft. Die Stammgäste warnen ihn lautstark vor dem Betreten dieses Unorts, dort müsse erst "renoviert" werden. John beißt die Zähne zusammen und entleert sich in dem stockdunklen Raum. Wenig später findet John seine Mutter nackt und tot in den Armen eines schmächtigen Burschen.
Ursprünglich hatte ihn die Beerdigung seines Vaters, eines genialen Anthropologen, nach Delhi geführt. Worüber sein Vater geforscht hat (irgendwie ging es um Kommunikation – und die Zukunft der Menschheit), versteht John ebenso wenig wie den kryptischen Brief über Flüsse und Meere, den der Vater ihm hinterlassen hat. Dann taucht eine schöne und sehr junge Inderin auf und lässt ihn ihren epischen E-Mail-Verkehr mit seinem Vater lesen. Sie war dessen Schülerin – und Geliebte. John ist schockiert. Mit seiner Mutter kann er nicht darüber sprechen, sie weicht ihm aus und beginnt eine Affäre mit dem potenziellen Biografen ihres Mannes, einem übergewichtigen Ami, den sie eigentlich verachtet.
Genüsslich und gnadenlos geleitet Tim Parks seine Figuren in wechselnder Erzählperspektive an den Ab­grund ihrer Existenz. Die Hauptperson, Johns Vater, bleibt abwesend und sehr präsent. Alle ­anderen verlieren sich auf der ­Suche nach diesem seltsamen, fas­zinierenden Mann. War er wirklich krank? Hat er Selbstmord began-gen? Und warum fühlt sich die wunderschöne Inderin schuldig an seinem Tod? Mit ihr hätte John ebenfalls ein Verhältnis anfangen können, tauchte nicht plötzlich seine englische Freundin auf. Während John auf der "Toilette" sitzt, lässt sie sich von dem US-amerikanischen Biografen küssen. Alle kreisen umeinander, berühren einander, entfernen sich. Ein wunderbarer, dicht gewebter Roman mit geschickt gesetzten dramaturgischen Effekten, schwer zu fassen und sehr berührend.


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