Zwei verliebte Mörder tun nur ihre Pflicht

"Eine Frau flieht vor einer Nachricht" von David Grossman, Anne Birkenhauer

Karl-Markus Gauß
FALTER 50/2009

Eine Frau flieht vor einer Nachricht
Roman
David Grossman, Anne Birkenhauer
Hanser, Carl 2009

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Ein grimmiger Roman über den Gottesstaat Iran: "Teheran Revolutionsstraße" von Amir Hassan Cheheltan

Es gibt großartige Bücher, die zu empfehlen man gleichwohl zögert. So verhält es sich mit dem Roman "Teheran Revolutionsstraße" des iranischen Autors Amir Hassan Cheheltan, der in seiner Heimat zu den bekanntesten Schriftstellern gehört und 1998 dennoch auf eine Todesliste geriet. Damals wurden etliche Autoren, Kritiker, Verleger entführt und später – wie die Dichter Mohammad Mokhtari und Mohammad Djafar Puyandeh – erdrosselt oder erschlagen am Stadtrand Teherans aufgefunden. Cheheltan gelang die Flucht nach Italien, von wo er, als sich die Gesellschaft zu liberalisieren schien, sogleich in den Iran zurückkehrte.
Wie umkämpft die Macht im Staate dort ist, zeigt auch die Tatsache, dass Cheheltans Bücher in den letzten Jahren abwechselnd verboten und mit literarischen Preisen ausgezeichnet wurden. Als 2007 sein Roman "Iranische Morgenröte" für den Staatlichen Buchpreis nominiert wurde, protestierte der eben noch verfemte Verfasser mit dem Hinweis, dass über andere Texte von ihm ein Publikationsverbot verhängt sei.
Die Regierung hat seinen Einspruch mit der bemerkenswerten Begründung abgewiesen, dass sich ein bereits veröffentlichtes Buch nicht mehr im Besitz seines Verfassers, sondern der Gesellschaft und der Leser befinde. So kann in der Islamischen Republik Iran der merkwürdige Fall eintreten, dass ein zensurierter und periodisch mit Verhaftung bedrohter Autor gegen seinen Willen mit staatlichen Preisen ausgezeichnet wird.

Seit einem Jahr lebt Cheheltan in Berlin; in seine Heimat wird er wohl erst zurückkehren können, wenn sich dort die politischen Verhältnisse radikal verändert haben werden. Vielleicht geschieht dies ja bereits eines nahen Tages, denn dass viele Iraner das Regime der Mullahs, der in allerlei unfromme Geschäfte verwickelten Revolutionswächter, der bigotten Schlägerbanden und Sittenwächter längst zum Teufel wünschen, haben die Demonstrationen gezeigt, die das Regime heuer nur mit äußerster Brutalität zu unterdrücken vermochte.
"Teheran Revolutionsstraße" ist ein meisterliches Werk, dessen Lektüre kein Vergnügen, sondern Qualen bereitet. Schahrsad, einer hübschen, lebenslustigen und selbstbewussten jungen Frau, ist das Unglück beschieden, dass sich zwei Männer in sie verlieben. Die Liebesgeschichte endet für sie, die an beiden nichts findet, im Massengrab.
Allerdings ist dies nicht der Roman des Opfers, sondern der beiden Täter. Der eine, Fattah, ist Arzt und verdient sich sein beträchtliches Schwarzgeld als Hymenoplastiker: "Im Untergeschoß eines Spitals in einer verwinkelten Gasse im Stadtzentrum vernäht er die Jungfernhäutchen von Mädchen, um die Ehre der Familie wiederherzustellen." Der andere, Mustafa, hat keine so einträgliche Geldquelle und versieht als pragmatisierter Folterer gegen geringes, aber sicheres Einkommen seinen täglichen Dienst im Gefängnis Evin.
Fattah ist ein Jungfrauen-Macher, er schafft aus sittenlosen Mädchen wieder anständige muslimische Frauen, die in der Hochzeitsnacht ordnungsgemäß defloriert werden können. Der sadistische Arzt fühlt sich durchaus als Wohltäter, denn eigentlich haben diese Mädchen Schande, wenn nicht den Tod verdient, er aber stellt ihre Unschuld wieder her, freilich um dabei selber kräftig zu verdienen.
Als Schahrsad vor ihm auf dem Opferstuhl liegt und er sie nach seiner Art ausgiebig beschimpft hat, widerfährt ihm etwas Ungewöhnliches. Er verliebt sich, was für ihn bedeutet, dass er sie, die er gerade wieder zur Jungfrau gemacht hat, unverzüglich heiraten und entjungfern möchte. Und weil sie beides nicht will, bleibt ihm, da seine Leidenschaft nicht abkühlt, nichts anderes übrig, als sie zu vergewaltigen.

Für Schahrsad schwärmt aber nicht nur der Arzt, der nebenbei für den Geheimdienst tätig ist, sondern auch Mustafa, ein rangniederer Scherge des Systems. Der einfältige, rohe Kerl weiß nichts von seinem hochgestellten Rivalen, aber er ahnt, dass das Mädchen, das er zu seiner Frau zu machen, also zu entjungfern wünscht, ihm von einem anderen geraubt werden könnte. So kommt ihm wie selbstverständlich die Idee, seine Braut dort zu verbergen, wo die weltlichen Mächte keinen Zutritt haben, nämlich im Gefängnis Evin.
Es ist ein grandioses Bild für das eingesperrte Leben in der Islamischen Republik, dass eine Frau im Gefängnis verwahrt wird, damit sie ihre Unschuld bewahre – für einen Mann, den sie nicht liebt, der sich aber zu ihrem Gefängniswärter macht, weil er glaubt, dass er sie liebe und daher über ihre Sittsamkeit zu wachen habe!
Wenn zwei Männer dieselbe Frau lieben, kann sie nicht überleben. Und nach Evin werden die Menschen verfrachtet, die zu sterben haben. Auch heuer sind Hunderte, die sich gegen die Wahlfälschung erhoben, in diesem Verlies mitten in der Hauptstadt verschwunden.

Cheheltan erzählt bald sarkastisch, bald mit schwer erträglicher Präzision. Er macht aus den beiden verliebten Mördern keine Monster, sondern zeigt vielmehr, wie religiöse Dogmen und Phrasen in den Repräsentanten des Regimes jedes Gefühl von Recht zersetzt haben. Dass sie etwas Schlechtes tun, käme den beiden gar nicht in den Sinn, denn gefallene Mädchen zu foltern oder vermeintliche Ketzer zu massakrieren, ist sowohl ihr persönliches Recht wie ihre religiöse Pflicht.
Der Roman enthält ausführliche Schilderungen der Folter, die zu lesen kaum auszuhalten ist. Aber wer wissen möchte, was es heißt, in einem Gottesstaat zu leben, der sollte sich "Teheran Revolutionsstraße" dennoch zumuten.


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