Ein fröhlicher Provokateur wird frische 80

"Ach Europa!" von Hans Magnus Enzensberger

Armin Thurnher
FALTER 46/2009

Ach Europa!
Wahrnehmungen aus sieben Ländern. Mit einem Epilog aus dem Jahre 2006
Hans Magnus Enzensberger
Suhrkamp 1989
€ 15,50

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Dichter, Herausgeber und Essayist: Bei Hans Magnus Enzensberger lernten Generationen lesen und denken

Wie gratuliert man Hans Magnus Enzensberger zum 80. Geburtstag? Dem federleichten, scheinbar alterslosen? Für Menschen meiner Generation, ach Quatsch, für mich hat der Mann so viel bedeutet, dass ich es auch in Buchform dartun könnte. Auf knapperem Raum wird die Eloge dem Charakter der Aufzählung nicht entgehen.
Enzensberger hat das 17-jährige Mich aus den Schaufenstern der Provinzbuchhandlung angelacht, im schlichten Design des Grafikers Willy Fleckhaus, das der edition suhrkamp durch ihr bloßes Äußeres die schlagende Überzeugung von Modernität verlieh. Dazu Titel wie "Blindenschrift" und "Landessprache" und eine Sprache ­berauschender Nüchternheit – diese Büchlein musste man haben, schon weil man den Deutschprofessor damit ärgern konnte, der vor Thomas Mann zu lesen aufgehört hatte. Da kam einer, dessen erster Gedichtband den Titel "Die Verteidigung der Wölfe" trug, gerade recht.
Und dann sein Name! Hans und Magnus, das Kleine und das Große, das Alltäg­liche und das Bedeutungsvolle in einem, ­allein dieser Name schien schon anzudeuten, dass da ein Besonderer am Werk war. Einer, der die Zauberworte fand, die man fernab der Zentren brauchte, wo man nicht dazugehörte und doch dabei sein wollte. Einer, der kommende Konflikte präludierte und vergangene nicht verdrängte: " Die Schwarzen nennen mich weiß, / die Weißen nennen mich schwarz. / Das höre ich gern. / Es könnte bedeuten: / Ich bin auf dem richtigen Weg. / Gibt es einen richtigen Weg?"
"Wer sind meine Feinde?" hieß dieses Gedicht. All das war anregend und aufregend, die politischen Essays unter dem Titel "Einzelheiten" sowieso, darunter die fulminante Analyse des Spiegel-Jargons. Vom Suhrkamp-Lektor Enzensberger wusste man nichts in meiner Provinz, von der Gruppe 47 und der Ordnung der Nachkriegsliteratur kaum etwas. Als dann ab 1965 das von ihm mitbegründete Kursbuch erschien, die intellektuelle Zeitschrift für zeitgemäßes Dagegensein, das Zentralorgan nachdenklicher 68er, hatte Enzensberger schon wieder einen Nerv getroffen, egal ob man sich für Anarchie interessierte, für Kuba oder für den von Enzensberger verfassten "Baukasten für eine Theorie der Medien" (Kursbuch 20). Die Optimisten neuer Medien ­aller Zeiten könnten hier Skepsis lernen.
Als andere ihre Dritte-Welt-Euphorie entdeckten, verließ er Kuba schon wieder, wo er das Jahr 1968 verbracht hatte. Eine elegantere Art von Weltbürgertum brachte uns Enzensberger dann mit der Zeitschrift Transatlantik nahe, die er 1980 bis 1982 herausgab, eine Ahnung von seinem intellektuellen Horizont vermittelt die Andere Bibliothek, die er mit Franz Greno 1985 gründete. Dazwischen wieder und wieder Lyrikbände, zuletzt "Rebus", wo es heißt: "Immerzu kommt es mit seinem Aber daher, / das Großhirn."
Immerzu kam er mit seinem Aber ­daher, der Enzensberger. Er tat es so geistreich wie wenige. Zu wendig, ­beklagten manche, weil er sich an Fakten, nicht an Überzeugungen hielt. Sein Wappentier ist der Haken schlagende Hase. Einen Hasen im Rechenzentrum porträtiert eines seiner schönsten Gedichte. Unübersehbar sein Werk, seine Essays, seine Recherchen, seine Dramen, seine unter verschiedenen Pseudonymen veröffentlichten Bücher, ­seine populärwissenschaftlichen Werke, seine Interventionen, Polemiken, seine mitunter kontrafaktischen Behauptungskünste (über das "Fernsehen als Nullmedium", Saddam Hussein als "Hitlers Wiedergänger"). Mit 80 offenbar noch unverbraucht, ist Enzensberger stets für eine erfrischende Provokation gut.


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