In der Krise sind plötzlich alle wieder Keynesianer

"Wie Wirtschaft die Welt bewegt" von Hans Bürger, Kurt W Rothschild

Markus Marterbauer
FALTER 46/2009

Wie Wirtschaft die Welt bewegt
Die großen ökonomischen Modelle auf dem Prüfstand
Hans Bürger, Kurt W Rothschild
Braumüller Verlag 2009
€ 21,90

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Hans Bürger und Kurt Rothschild erklären, warum die Weltfinanzkrise neue Lehrpläne an den Wirtschaftsuniversitäten notwendig macht

Die Wirtschaftskrise hat die Ökonomie überrascht wie ein Gewitter aus heiterem Himmel. Nur ganz wenige Wirtschaftswissenschaftler haben den Zusammenbruch der internationalen Finanzmärkte, die großen Produktionsausfälle in der Industrie sowie den starken Anstieg der Arbeitslosigkeit und der weltweiten Armut vorhergesehen. Ja, schlimmer: Die meisten Ökonomen an den Universitäten hängen der neoklassischen Schule an. Sie konnten sich eine von den Finanzmärkten ausgehende Krise nicht einmal vorstellen. Die neoklassische Theorie nämlich nimmt gerade für diese Märkte Stabilität und Effizienz an, vertraut also darauf, dass die auf ihnen gebildeten Preise die zugrunde­liegenden Werte von Unternehmen oder Immobilien richtig widerspiegeln. Diese Vorstellung ist jedoch mit dem Beinahekollaps des weltweiten Finanzsystems und dessen dramatischen wirtschaftlichen und sozialen Folgen in sich zusammen­gebrochen. Damit wurde die Wirtschaftskrise auch zu einer Krise der ökonomischen Theorie.
Da kommt ein Buch, das die "großen ökonomischen Modelle auf den Prüfstand" stellt, gerade recht. Der Journalist Hans Bürger hat lange Gespräche mit dem 95-jährigen Wirtschaftsprofessor Kurt Rothschild geführt und die Ergebnisse zu Papier gebracht. Rothschild, 1938 aus Österreich vertrieben, lernte in der Emigration in Großbritannien die Ideen von John May­nard Keynes kennen und war nach seiner Rückkehr nach Österreich und an das Institut für Wirtschaftsforschung einer der Ersten, die mit moderner Ökonomie vertraut waren. Dennoch erhielt er erst 1966 eine Professur an der Universität Linz.

Ziel der beiden Autoren war es explizit nicht, ein weiteres Buch über die Krise zu schreiben. Vielmehr werden – gut strukturiert, unterhaltsam und verständlich geschrieben – die Grundaussagen der großen Ökonomen der letzten 250 Jahre beschrieben. Von Adam Smith über Karl Marx bis ­Keynes, Joseph Schumpeter und Milton Friedman, selbst Friedrich August von Hayek wurde nicht vergessen.
Das Buch schließt – zum Glück – die Krise mit ein, denn die Theorien werden auf aktuelle Fragestellungen angewendet: Welche Theorien können zur Klärung der Ursachen der tiefen Finanzkrise beitragen? Gibt es Konsens über die erfolgreiche Bekämpfung der Krise? Haben ökonomische Theorien überhaupt Einfluss auf die Wirtschaftspolitik, und wie sehen sie die Aufgaben der Politik?
Für Ökonomen, die sich in der Tradition von John Maynard Keynes sehen, bilden Börsen und das Bankensystem traditionell einen Ausgangspunkt für Wirtschaftskrisen. Keynes selbst, dessen Theorie auf den Erfahrungen der Weltwirtschaftskrise der 30er-Jahre basiert, formulierte, dass Spekulation so lange harmlos sei, als sie der Realwirtschaft untergeordnet bleibt. Beherrscht sie allerdings die Wirtschaftstätigkeit von Unternehmen und privaten Haushalten, dann komme es zur Katastrophe.
So wie eben geschehen. Besonderes Augenmerk wird den Nachfolgern von Keynes gewidmet, etwa dem Amerikaner Hyman Minsky, der sich intensiv mit dem Entstehen von Finanzkrisen auseinandersetzte. Keynesianer treten immer für die strenge Regulierung des Finanzsystems ein. Sie verlangen ein stabiles Weltwährungs­system ebenso wie strikte Auflagen für Banken und andere Finanzakteure, empfehlen, Sand ins Getriebe der Finanzmärkte zu streuen und das Finanzkapital sowie seine Erträge spürbar zu besteuern. Allerdings wurde ihr Einfluss auf die Politik in den letzten Jahrzehnten immer geringer.
Doch auch Bürger und Rothschild stellen fest, dass sich in der Krise plötzlich wieder fast alle Ökonomen als Keynesianer ­sehen. Die massiven staatlichen Eingriffe zur Rettung des Bankensystems und zur Stabilisierung der Konjunktur durch eine umfangreiche und defizitfinanzierte Erhöhung von Staatsausgaben sind nahezu unumstritten. Gibt es also einen Fortschritt in den Wirtschaftswissenschaften? Bildet sich ein "common sense" heraus, der die Orientierung an den aktuellen Problemen zum Ziel hat und nach pragmatischen Lösungen sucht?
Vieles deutet darauf hin, dass dem nicht so ist. Die Orientierung am Keynesianismus besteht nur, solange es um die Rettung des kapitalistischen Systems geht. Die Autoren weisen auf die neuen Konfliktlinien zwischen den Theorien und der von ihnen beeinflussten Wirtschaftspolitik hin.

Was ist das Hauptproblem der nächsten Jahre – Inflation, wie Neoliberale und Monetaristen meinen, oder Arbeitslosigkeit, was die Keynesianer erwarten? Wie und wann sollen die hohen Budgetdefizite zurückgeführt werden? Möglichst bald und über die Senkung der Staatsausgaben oder erst nach einer gefestigten wirtschaftlichen Erholung und auch über höhere Steuern für Vermögende und Finanzwirtschaft? Sollen die Banken und Hedgefonds gerettet und dann wieder ihrer Jagd nach dem maximalen Profit überlassen werden? Oder müssen sie im Interesse der Gesamtwirtschaft dauerhaft durch strenge Regulierungen gebändigt werden? Soll Wirtschaftspolitik Fragen der Verteilung des Wohlstands ignorieren, oder sind unterschiedliche Interessen von Arm und Reich die entscheidende Frage im Kapitalismus?
Das Buch von Hans Bürger und Kurt Rothschild ermöglicht dem wirtschaftlich interessierten Laien zu erkennen, warum verschiedene ökonomische Theorien diese Fragen unterschiedlich beantworten. Es zeigt, dass die Wirtschaftswissenschaft keine Naturwissenschaft ist, die eindeutige Antworten geben kann, sondern dass Wirtschaft durch das Handeln von Menschen geprägt ist. Damit spielen der historische Kontext und vor allem Interessenunterschiede zwischen den Wirtschafts­akteuren eine zentrale Rolle.


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