Tod war bei weitem nicht das Schlimmste

"Die Sterblichen" von Yiyun Li

Sigrid Löffler
FALTER 47/2009

Die Sterblichen
Roman
Yiyun Li
Hanser, Carl - 2009
22,10

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In ihrem Debütroman zeichnet Yiyun Li ein erschütterndes Bild des verrohten postmaoistischen China

Es war kein freier Schriftstellerverband, sondern die chinesische Zensurbehörde, die neulich in Frankfurt den "Gastland China"-Schwerpunkt gemeinsam mit der Buchmesse ausrichtete und dort mit Verboten um sich warf. Dennoch konnte die Pekinger Gesinnungs- und Kunstpolizei eines nicht verhindern: Sie konnte die Autoren des Landes – und erst recht die Emigranten – nicht abhalten, von dem zu erzählen, was die kritisch-realistische Gegenwartsliteratur Chinas als Hauptthema bewegt: die Deformationen des kollektiven Unbewussten der Chinesen durch die extremen Umbrüche der letzten Jahrzehnte.
Zukunftsoptimismus ist da wenig zu spüren. In den Büchern herrscht vielmehr ein drastischer Diskurs über das Thema Enthumanisierung der chinesischen Gesellschaft als Folge von Maos Kulturrevolution; geliefert werden Befunde über Entsolidarisierung, Rückständigkeit, Unwissenheit, Aberglauben, Verbrechen, Verrat und Korruption; zur Sprache gebracht werden die soziale Zerrüttung des Gemeinwesens und die Zerstörung des Gemeinsinns bis hinein in den Kern der Familien.
All diese Themen treiben auch den Debütroman "Die Sterblichen" von Yiyun Li an – eine verstörende Erzählung über den politisch-moralischen Zerfall in einer fiktiven Provinzstadt namens Schlammiger Fluss, drei Jahre nach dem Tod Mao Tse-tungs und damit auch dem Ende der Kulturrevolution.

Yiyun Li ist Emigrantin: Sie ist 1972 in Peking geboren und lebt seit 1996 in den USA. Als Kind erlebte sie die öffentlich inszenierten Exzesse gegen sogenannte Konterrevolutionäre in Peking, als 17-Jährige die Niederschlagung der Demokratiebewegung auf dem Tian'anmen-Platz. In ihrem ersten Roman geht sie den Ursachen nach und fixiert sie am Beispiel einer Kleinstadtgesellschaft in den 40 Tagen zwischen Frühlingsanfang und Maifeiern 1979, zwischen zwei öffentlichen Hinrichtungen.
Die Stadt ist eine von unzähligen Reißbrettgründungen, durch die Mao die Industrialisierung auf dem Land vorantreiben wollte, und offenbart alle Widersprüche des Lebens im kommunistischen China: Bäuerliche Bräuche, Aberglauben und althergebrachte Lebensregeln koexistieren mit neuen Fabriken und staatlich oktro­yierten kulturrevolutionären Direktiven.
Am Anfang steht ein Volksfest. Schulen und Fabriken sind geschlossen, alle strömen zur Denunziationszeremonie ins Stadion, schwenken Fähnchen, brüllen Slogans, singen Parteilieder und lauschen den Hetzreden der Funktionäre, während eine junge Frau vor ihrer Hinrichtung vorgeführt und an den Pranger gestellt wird. Es ist Gu Shan, 28, die Tochter des Lehrers Gu – einst fanatische Rotgardistin, dann als Mao-Kritikerin zehn Jahre inhaftiert und nun als "unbußfertige Konterrevolutionärin" zum Tod verurteilt, weil sie in Gefängnisbriefen Mao schmähte. Ihr Brieffreund hat sie verraten.
Man hat Gu Shan die Stimmbänder durchschnitten, damit sie sicher schweigt; die Nieren hat man ihr entnommen – die werden für einen hohen Parteikader benötigt (der sich bei den Genossen mit japanischen Schwarzweißfernsehern dafür erkenntlich zeigt); nach der Hinrichtung werden sich der Totengräber und ein de­pravierter Bursche an ihrem Leichnam vergehen. Und der Lehrer Gu muss für die Kugel zahlen, die seine Tochter getötet hat.

Kein drastisches Detail wird uns erspart. Mit der Umsicht eines allwissenden Erzählers werden die Lebensumstände etlicher Stadtbewohner geschildert. Es sind vorwiegend machtlose Leute, die in notdürftigen Hütten hausen, im Licht von 10-Watt-Funzeln, und ein ärmliches Leben am Rande fristen, in dem jede Mahlzeit zum Problem wird. Das Elend hat sie brutalisiert.
Die zwölfjährige Nini ist verkrüppelt, weil ihre hochschwangere Mutter in den Bauch getreten wurde (von niemand anderem als der Rotgardistin Gu Shan während ihrer Prügelorgien gegen Volksfeinde). Aus Hunger isst Nini sogar den Mehlkleister, mit dem die Parteiappelle an die Wand gepappt werden. Ein Schulbub will sich als Modellkommunist erweisen, indem er nicht nur seinen Trunkenbold von Vater denunziert, sondern schließlich jeden, den er namentlich kennt. Ohnmächtig betrauert Lehrer Gu das eigene Versagen im Einwirken auf seine Schüler. Vor seinem Selbstmord gelangt er zur Einsicht: "Der Tod war bei weitem nicht das Schlimmste, was einem Menschen passieren konnte."

Im Grunde bestehen "Die Sterblichen" aus vielen, nur lose verknüpften Einzelgeschichten. Allerdings zeichnet Yiyun Li ihre Figuren mit unvergleichlicher Prägnanz und Vielschichtigkeit. Und keine ist beklemmender und schillernder als Bashi, der verschlagene Tunichtgut und Herumtreiber mit den abartigen Gelüsten, der sich gleichwohl in Nini verliebt – und just für die einzige unschuldige Beziehung in seinem Leben für Jahrzehnte ins Gefängnis kommt.
Weniger plausibel ist die Radiosprecherin Kai geraten, die als Stimme der Partei ein privilegiertes Leben führt und doch Mann und Kind verlässt, um eine demokratische Revolte anzuzetteln, die rasch und sehr blutig erstickt wird und ihr am Ende die Todesstrafe beschert. Hingegen gelingt Yiyun Li im Lumpensammlerpaar Hua ein denkwürdiges Inbild chinesischer Menschlichkeit, die sich weder verstaatlichen noch ökonomisieren lässt.
Die beiden gütigen Alten, die aus Barmherzigkeit am Flussufer weggelegte weibliche Säuglinge aufsammelten und aufzogen, ehe man sie ihnen wegnahm und als Kinderbräute verschacherte, sind die Einzigen, die im Roman unbeschädigt überleben. Und die Einzigen, die dem Roman ein hoffnungsvolles Licht aufstecken.


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