Als die Bilder laufen lernten

"Biomega 01" von Tsutomu Nihei

Thomas Wolkinger
FALTER 47/2009

Biomega 01
Tsutomu Nihei
Egmont Manga 2009

Anzeige


Mangas sind jetzt auch für Erwachsene: fantastische Neuerscheinungen von Tezuka, Taniguchi und Nihei

Es ist nicht einfach, in den Regalen der Buchhandlungen zwischen der Manga-Meterware die paar Bände zu finden, die zu lesen auch noch lohnt, wenn die Pubertät schon einige Jahre zurückliegt. Lange Zeit wurden Mangas für Ältere gar nicht erst auf Deutsch verlegt, wohl aus Angst, die an mädchenverträumte Romanzen und kurzweilige Bubenaction gewöhnte adoleszente Primärzielgruppe zu verstören. Erst nach und nach haben Verlage damit begonnen, auch hierzulande interessantere Stoffe oder gar japanische Comic-Klassiker auf den Markt zu bringen.
Anfangs liefen diese Bücher ebenfalls unter dem "Manga"-Label, neuerdings werden sie oft als graphic novels geführt – ein Begriff, der auf Will Eisner zurückgeht, der ihn 1978 für seine Comicerzählungen "Ein Vertrag mit Gott" verwendete. Erst in den letzten Jahren ist der Begriff zu so etwas wie einem allgemeinen Gütesiegel für Erwachsenen- und Feuilletontauglichkeit avanciert. Seit kurzem versieht auch der Carlsen-Verlag seine als anspruchsvoll erkannten Comics aus Japan mit diesem Label, Schreiber&Leser hat einigen Bänden seiner "shodoku"-Reihe gar einen eigenen "Graphic Novel"-Aufkleber verpasst.
Gut, auch Mangas sind also erwachsen geworden. Aber Achtung: Nicht nur dort, wo "Erwachsene" explizit draufsteht, ist Hervorragendes drin. Das findet sich – selten, aber doch – auch im Teenager-Regal.

Von Hunden und Menschen
Bei Osamu Tezuka (1928–1989) liegt der Fall einigermaßen klar. In Japan gilt Tezuka als großer Meister, ja, als "Gott" des Manga. Sein geradezu monströses Werk, das 150.000 eigenhändig gezeichnete Seiten umfasst, ist dort längst Teil des Hochkulturkanons, in Europa ist davon immer noch sehr wenig bekannt. Tezuka war Ende der 40er-Jahre der Erste, der das traditionelle Stripformat durchbrach; die Serie um den Disney-inspirierten Kulleraugenroboter "Astro Boy" ist Kult, und mit "Adolf", das über 1300 Seiten die Schicksale dreier Personen gleichen Vornamens während des Zweiten Weltkriegs auf ebenso komplexe wie verstörende Weise miteinander verknüpft, schrieb er wenige Jahre vor seinem Tod erneut Comicgeschichte.
Umso erstaunlicher, dass außer "Adolf", "Astro Boy" und dem Frühwerk "Kimba" bislang keines seiner Bücher auf Deutsch erhältlich war. Mit dem großartigen "Kirihito", dessen erster Band (von dreien) gerade erschienen ist, nimmt sich der CarlsenVerlag nun erstmals eines Comics aus Tezukas mittlerer Schaffensperiode an.
Im Zentrum der ursprünglich 1970 und 1971 erschienenen Erzählung steht der junge Arzt Kirihito Osanai, der in seinem Spital Opfer einer Intrige wird und sich mit der Monmo-Seuche infiziert, die ihn langsam zu einem Hund werden lässt. In "Kirihito" hat sich Tezuka erstmals am realistischeren, dunklen "Gekiga"-Stil versucht, dabei grafisch derart hemmungslos experimentiert, dass die groteske und grausame Geschichte um Liebe, Verrat und Gerechtigkeit zu einer schwindelerregenden Achterbahnfahrt der Sinne gerät. Der Sogwirkung, die der Medizinthriller entfaltet, hätte freilich die Veröffentlichung in einem Band besser entsprochen.

Der Welten-Wandler
Ganz anders gelagert ist der Fall Jiro Taniguchis (geb. 1947), der sich in jüngster Zeit zum Liebkind der europäischen Comicszene entwickelt hat und als erster Japaner überhaupt beim renommierten Festival von Angoulême ausgezeichnet wurde. Bei Schreiber&Leser und bei Carlsen sind in den letzten drei Jahren 13 Taniguchi-Werke erschienen, zuletzt "Von der Natur des Menschen", eine Sammlung von Kurzgeschichten, die Taniguchi nach Szenarien von Ryuichiro Utsumi gezeichnet hat.
Der Band zeigt vor allem, wie schmal der Grat ist, auf dem Taniguchi wandelt, wenn er den Alltag seiner Helden in Poesie zu verwandeln sucht, wie schnell die bedächtig erzählten, melancholisch grundierten Kurzgeschichten, die vom Verlust handeln und von der Suche nach Glück, in betulichen Gefühlskitsch kippen. Nur wenige Geschichten des Bandes sind vielschichtiger angelegt.
"Der spazierende Mann" und "Bis in den Himmel", ebenfalls heuer erschienen, schaffen diesen Grenzgang hingegen perfekt. In "Der spazierende Mann" folgt Taniguchi seiner weitgehend eigenschaftslosen, dafür stets buddhistisch lächelnden Hauptfigur auf deren ereignisarmen Streifzügen durch einen japanischen Vorort. Mit großer Meisterschaft zeichnet Taniguchi, der seine Karriere mit Kriminal- und Bo­xergeschichten begann, seine in sich ruhenden Tableaus des Augenblicks, in denen die japanische Druckgrafiktradition ebenso anklingt wie die franko-belgische ligne claire. Auch das mag zu seiner Beliebtheit in Europa beitragen.

Der Weg ist das Ziel
Anders als Tezuka und Taniguchi tragen Tsutomu Niheis Mangas keine Unbedenklichkeitsbescheinigung als Graphic Novels. Im Gegenteil: Seine Bücher sind beim Manga-Ableger des Egmont-Verlags erschienen, der für gewöhnlich in eher seichten Gewässern fischt. Nihei entstammt auch einer anderen Generation als die alten Meister, ist in dem Jahr geboren, in dem Tezuka "Kirihito" veröffentlichte, und hat zunächst Architektur studiert, bevor er sich dem Zeichnen zuwandte. Das kann man in seinen Arbeiten deutlich sehen, im früheren "Blame!" ebenso wie in der neuen, auf sechs Teile angelegten Serie "Biomega".
Bei Nihei ist die gezeichnete Raumzeit an sich die Handlung, die "Geschichte" im klassischen Sinn Nebensache. Sowohl in "Blame!" als auch in "Biomega" wird sie nur schematisch umrissen: Der schwerbewaffnete "synthetische Humanoid" Zouichi Kanoe bahnt sich mit einem mächtigen Motorrad seinen Weg durch postapokalyptische Megastrukturen und trifft auf vireninfizierte Zombie-Drohnen, Unsterbliche, Wissenschaftler und Generäle.
Der Weg, den Kanoe in den Raum und diverse Feindeskörper schneidet, ist dabei schon das Ziel, die Geschwindigkeit, mit der man sich durch die Seiten blättert, ist beachtlich. Fantastisches Daumenkino!


Anzeige

Diese Rezensionen könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige