Sally and Harriet Get Laid

"Alles über Sally" von Arno Geiger

Sigrid Löffler
FALTER 10/2010

Alles über Sally
Roman
Arno Geiger
Hanser, Carl 2010
€ 22,10

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Die Ehebrecherinnen von Ulrike Draesner und Arno Geiger gehen ihre Affären zielstrebig und entspannt an

Tolstoi hat die Ehebrecherin Anna Karenina vor den Zug gestoßen. Fontane hat seine Ehebrecherin Effi Briest zum Tod durch rätselhaftes Siechtum verurteilt. Und Flaubert fühlte zwar, "als ich die Vergiftung der Emma Bovary beschrieb, den Geschmack des Arsen auf meiner Zunge" – umgebracht hat er sie gleichwohl.
So lange ist es noch gar nicht her, dass Romanheldinnen, die ihren Lebens- und Liebeshunger außerhalb der Ehe stillten, von ihren Autoren wie selbstverständlich moralisch bestraft wurden – ein grausamer Romantod war Seitenspringerinnen des 19. Jahrhunderts gewiss. Und Arno Geiger eröffnet seinen Roman "Alles über Sally" mit einer aktuellen, nicht minder grausamen TV-Nachrichtenszene: Eine Frau wird in Afghanistan wegen Ehebruchs gesteinigt. Nachsatz des Autors als Überleitung zum Thema seines Buches: Ehebruch wäre heute "an den meisten Orten der Welt kein Vergehen". Wirklich nicht?
Der Rest von Geigers Roman tummelt sich dann auf einem Terrain, das moralisierenden Schriftsteller-Patriarchen von einst und eifernden Imamen von heute gar nicht zugänglich ist – im erotischen Freiraum, den sich westliche Frauen inzwischen erobert haben.
Frauen wie Sally Fink, 52, austro-britische Lehrerin an einem Wiener Gymnasium, oder wie Dr. Harriet Saramandipur, 37, deutsch-indische Astrophysikerin in Berlin, die Heldin in Ulrike Draesners Roman "Vorliebe". Arno Geiger ist sogar besonders dafür gelobt worden, dass er seiner Sally als Frau jenseits der 50 noch erotische Attraktivität und Aktivität zubilligt. (Vielen Dank auch! Philip Roth, der führende Ehebruchsexperte der Weltliteratur, brächte das wohl kaum fertig.)

Geiger wie Draesner erzählen ihre Ehe­bruchsromane aus der Perspektive der Frauen; sie machen ihre ehebrechenden Heldinnen überdies zu Herrinnen des Verfahrens. Die sexuellen Mores sind lässig, eheliche Untreue ist keine Tragödie und jedenfalls kein Anlass für Verratspathos und Eifersuchtsdramen.
Sally wie Harriet sind selbstbewusste, lebenshungrige Frauen, die erotische Beute machen, wie es ihnen gefällt, ohne allzu viele Skrupel auf das Chaos zu verschwenden, das sie in ihrem Umfeld anrichten. Mit Schuldgefühlen halten sie sich nicht weiter auf. Sally schnappt sich Erik, den besten Freund ihres Mannes; und Harriet schnappt sich Peter Olvaeus, einen evangelischen Pfarrer, in den sie schon als 16-Jährige verliebt war und dem sie damals vergeblich nachgestellt hatte.
Einmal ist es ein Einbruch, das andere Mal ein Unfall, der den Anstoß zum Ehebruch gibt – beides Breschen, die unvorhersehbarerweise in ein wohlgeordnetes Partnerarrangement geschlagen werden: Die Unordnung kann eindringen, die Handlung kommt in Gang.
Bei Geiger werden Sally und ihr Ehemann Alfred, ein Museumskurator, abrupt aus dem Urlaub zurückgerufen, weil in ihrem Einfamilienhaus eingebrochen wurde – ein verstörender Übergriff auf die Intimsphäre, der dem milden Alfred mehr zu schaffen macht als der gefühlsrobusteren Sally. Sie macht sich ans Aufräumen, äußerlich. Innerlich lässt sie sich vom Einbruch zum Ehebruch animieren.
Bei Draesner verursacht Harriets Lebensgefährte einen Autounfall, bei dem die Pfarrfrau Maria Olvaeus verletzt wird. Im Krankenhaus dann treffen Harriet und Pfarrer Olvaeus, ihre alte Vorliebe, nach 21 Jahren wieder aufeinander, und diesmal will sie "ihn haben, erobern? Sich rächen?" Ihre Motive sind durchaus gemischt. Harriet sieht sich als Märchenfigur. Erst romantisch ("Wachte Dornröschen auf, als der Prinz nach hundert Jahren kam, oder schlief es ein?"), dann dämonisch: Sie imaginiert sich als "ausgewachsene Wölfin", die sich ihr männliches Rotkäppchen als Beute erwählt.

Der Ehebruch der Frauen erscheint in beiden Romanen als gängige Praxis, die tugendhaftes Tamtam jedenfalls kaum rechtfertigt. Eine Affäre zu haben ist für Frauen wie Sally und Harriet keine Affäre. Geigers Sally, die banalere der beiden Heldinnen, sieht darin eine Art Wellnessprogramm, das eine seit 30 Jahren immer wieder geflickte Ehe schon aushalten muss. Draesners Harriet ist extravaganter, intellektueller und komplizierter als Sally, ihre Lust ist raffinierter: Manchmal genießt sie, wenn sie die Augen schließt, das Gefühl, "mit zwei Männern zugleich zu schlafen"; und manchmal auch das Gefühl, während des Beischlafs "plötzlich aufs angenehmste allein" zu sein.
Beide Frauen gehen zunächst ganz entspannt an die Sache heran. Was kann schon passieren? Höchstens "ein bisschen Ärger und saure Gesichter", meint die abgebrühte und betrugsgewohnte Sally. Und bei Draesner scheint ohnehin keiner sauer zu sein: "Peters und Harriets Umgebung verhielt sich wie süße Suppe, gekocht, gezuckert, abgekühlt. Man war aufgeklärt. Selbstverständlich weltoffen, werteplural. Offenbar war das gesammelte Dramenpotenzial der Gegenwart ins Fernsehen gewandert."
Der Leser ahnt, dass es bei so viel Ungerührtheit nicht bleiben wird. Das psychosoziale Aggregat wird sich durch den Betrug wohl verändern, die Binnenbeziehungen zwischen allen Beteiligten werden sich aufladen, vor allem bei den Betrogenen und Brüskierten. Es wird Verletzungen geben, auch ganz ohne Steinigen. Ein bisschen Chaos wird schon sein müssen, aller Coolness zum Trotz. Ein bisschen leiden sollten sie schon müssen, die toughen Ehebrecherinnen. Und genau so kommt es, bei Geiger ebenso wie bei Draesner. An beiden Romanen ist interessant zu sehen, wie sich der Gestus souveräner Gelassenheit mit dem Ausbruch unerwarteter Emotionen verträgt oder vielmehr eben nicht verträgt.
Schließlich erweist sich Sallys Liebhaber als Lump, der seine Ehefrau wie auch seine Geliebte mit einer jüngeren Dritten betrügt, was dann doch zu einigem bitteren Gefühlsgebrodel und schroffen Brüchen führt.
Auch Harriets betrogenen britischen Lebensgefährten lassen die coolen Manieren im Stich: Erst vergewaltigt er sie ganz roh ("Er fickte auf sie ein. Sie schwitzte, keuchte, fand es abscheulich"), dann setzt er sich nach England ab, um sie zu bestrafen. Und die doppelt sitzengelassene Harriet findet, ihr asthmakranker Geliebter, der Pastor, lasse leider das Gefühl für das richtige Timing einer Affäre vermissen, als er mittendrin stirbt. Am liebsten würde sie Zettel an die Friedhofsbäume heften: "Unbedingt vermeiden: Affäre, die wegstirbt. Unbedingt vorher beenden."
Offenbar ist das gesammelte Dramenpotenzial der Gegenwart eben doch noch nicht im Fernsehen versickert, sondern auch in aufgeklärten, weltoffenen Ehebruchsromanen durchaus noch zu finden.
Sally ihrerseits kann von Glück reden, dass sie in ihrem häuslichen Alfred mit seinem Stützstrumpf einen so sanftmütigen Gefährten hat, der seiner untreuen Frau seit jeher alle Seitensprünge verzeiht, ihr unerschütterlich seine Liebe nachträgt und trotzdem, dank Arno Geigers feinfühliger Charakterzeichnung, nie als lächerlicher Hahnrei erscheint.

Bei allen Ähnlichkeiten in der Darstellung der freibeuterischen Lebensstile legerer Hedonistinnen lösen die beiden Romane ihre Konflikte doch recht unterschiedlich. Arno Geiger gibt, mit einer Verbeugung vor James Joyce und Molly Bloom, dem stillen Beobachter Alfred das Schlusswort, einen punkt- und absatzlosen inneren Monolog der Anhänglichkeit und Bereitschaft zum Verzeihen und Weiterwursteln, der hinausläuft auf ein Plädoyer für die unvollkommene und schäbige, aber traute alte Ehe. Alfred singt das Hohelied der "zwei Dutzendherzen in einem kleinen überladenen Haus". Anders die kapriziöse Ulrike Draesner. Die schickt ihre Heldin, die Astrophysikerin, auf einen Flug ins All. Auch so lässt sich ein anderer Blick auf missglückte irdische Affären gewinnen.


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